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Ruhrtriennale: Kunst im Bau
Kultur · 24.08.2026 21:32

Ruhrtriennale: Kunst im Bau

Kurz: Joyce DiDonato bringt bei der Ruhrtriennale in Bochum einen Liederzyklus von Kevin Puts nach Texten von Emily Dickinson zur Aufführung.

Ein Abend im Zeichen der Einsiedlerin von Amherst

Im Rahmen der diesjährigen Ruhrtriennale in der Bochumer Jahrhunderthalle fand eine bemerkenswerte Aufführung statt, bei der die renommierte Opernsängerin Joyce DiDonato im Mittelpunkt stand. Die Künstlerin präsentierte einen Liederzyklus, der auf 24 Gedichten der amerikanischen Dichterin Emily Dickinson basiert. Komponiert wurde das Werk von Kevin Puts, einem zeitgenössischen amerikanischen Komponisten, der sich intensiv mit der Lyrik Dickinsons auseinandergesetzt hat. Die Inszenierung, die im vergangenen Jahr in Bregenz ihre Uraufführung feierte, wurde für die spezifische Umgebung der Bochumer Jahrhunderthalle adaptiert. Dabei wählte DiDonato eine ungewöhnliche Herangehensweise an das Publikum: Zu Beginn der Darbietung löschte sie symbolisch die Lichtquellen auf der Bühne, bevor sie sich an einen schweren Schreibtisch setzte und das erste Stück mit dem Rücken zum Publikum vortrug. Diese Geste der Abkehr diente als bewusste Anspielung auf die historische Wahrnehmung der Dichterin, die oft als zurückgezogene Einsiedlerin porträtiert wurde. Die Aufführung verknüpft dabei eine hochgradig stilisierte Ästhetik mit der rohen Energie der Musik, die von dem Ensemble Time for Three dargeboten wurde.

Die Akteure und die musikalische Umsetzung

Die musikalische Begleitung der Sängerin übernahm das Streichtrio Time for Three, bestehend aus den Geigern Nicolas Kendall und Charles Yang sowie dem Kontrabassisten Ranaan Meyer. Das Ensemble zeichnete sich durch eine beeindruckende technische Präzision aus, die weit über das klassische Repertoire hinausging. Die Musiker agierten nicht nur als Begleiter, sondern als eigenständige Akteure, die durch ihre Art des Spiels – beschrieben als ein „Sägen und Schmirgeln“ – eine besondere Dynamik in den Raum brachten. Kevin Puts hat die Partitur so angelegt, dass sie die volkstümliche Anlage der Dickinson-Gedichte aufgreift und in eine moderne, eingängige Tonsprache übersetzt. Besonders hervorzuheben ist die Interaktion zwischen der Stimme von Joyce DiDonato und der instrumentalen Unterstützung. DiDonato nutzte dabei eine Verstärkung ihrer Stimme, was in diesem Kontext nicht als technisches Manko, sondern als bewusste Erweiterung ihres klanglichen Spektrums wahrgenommen wurde. Die Kombination aus klassischer Schulung und dem Mut zur klanglichen Härte verlieh dem Abend eine besondere Intensität, die das Publikum unmittelbar in den Bann der Dickinson-Lyrik zog.

Der historische Kontext der Dickinson-Rezeption

Um die Inszenierung in Bochum zu verstehen, ist ein Blick auf die Rezeptionsgeschichte der Emily Dickinson notwendig. Im Jahr 1891, vier Jahre nach ihrem Tod, veröffentlichte die Zeitschrift „Harper’s Monthly“ eine Rezension von William Dean Howells, die maßgeblich zur Mythenbildung um die Dichterin beitrug. Howells stilisierte Dickinson zur „Einsiedlerin von Amherst“ und verglich ihre Lebensweise mit der einer Nonne. Er behauptete, sie habe ein verstecktes und stummes Leben geführt, was ihr die Fähigkeit verliehen habe, eine besondere Verbindung zur unbelebten Natur aufzubauen. Diese Erzählung von der isolierten Frau, die sich der Welt entzieht, prägt bis heute das Bild von Dickinson. In der Aufführung wird genau dieser Mythos aufgegriffen und zugleich hinterfragt. Die bewusste Abkehr der Sängerin vom Publikum zitiert die Anekdote von Howells, wonach Dickinson bei Empfängen im Elternhaus den Gästen den Rücken zugekehrt haben soll. Die Inszenierung nutzt diese historische Legende als Ausgangspunkt, um sie im Verlauf des Abends durch die musikalische Energie und die textliche Auseinandersetzung wieder aufzubrechen.

Das Spannungsfeld zwischen Prosa und Poesie

Ein zentrales Motiv des Abends war der Umgang mit der Kritik an Dickinsons Werk. Howells hatte in seiner zeitgenössischen Besprechung bemängelt, dass die äußere Form der Gedichte teilweise zu „rauh“ und „roh“ sei, was er als Missverhältnis zwischen innerer und äußerer Gestaltung interpretierte. Joyce DiDonato eröffnete den Abend mit dem Gedicht „They shut me up in prose!“, einer kraftvollen Klage über die Behandlung durch eine kunstfremde Umwelt. Dieser Text fungiert als Protest gegen die Gattungsschematismen, die der Dichterin zu Lebzeiten und auch postum entgegengebracht wurden. Die Musik von Kevin Puts spiegelt diesen Protest wider, indem sie gerade in den Valeurs des Rohen und Rauen schwelgt. Die Komposition widerlegt die Kritiker, die „unreine Reime“ oder „schiefe Bilder“ bemängelten, indem sie diese vermeintlichen Mängel als bewusste ästhetische Setzung feiert. Das Baugerüst der Sprache wird hierbei zum zentralen Thema, wobei die Musik als neue, zusätzliche Außenseite fungiert, die dem Text eine eigene, moderne Resonanz verleiht.

Die soziale Energie der Lyrik

Entgegen der Legende von der isolierten Einsiedlerin betont die Aufführung die soziale Energie, die in den Texten Dickinsons steckt. Die musikalische Sprache von Kevin Puts übersetzt diese Energie in eine kammermusikalische Form, die weniger an ein intimes Hauskonzert erinnert, sondern vielmehr an einen lebendigen Tanzabend. Die volkstümliche Anlage der Verse, die sich hinter einer esoterischen Semantik verbirgt, wird durch den Rhythmus der Musik unterstrichen. Puts spielt dabei mit Stilzitaten, ähnlich wie Dickinson in ihren Texten auf biblische Motive oder Kochbuchrezepte zurückgriff. Die Melodieführung reagiert direkt auf die Struktur der Gedichte; so wird beispielsweise bei dem berühmten Vers „Because I could not stop for Death“ der musikalische Fluss bei dem Wort „stop“ bewusst unterbrochen, um die typischen Gedankenstriche der Dichterin musikalisch nachzuzeichnen. Diese Verbindung von Text und Klang macht deutlich, dass Dickinson keineswegs eine isolierte Einzelgängerin war, sondern eine Dichterin, deren Werk tief in der menschlichen Erfahrung verwurzelt ist.

Einordnung der künstlerischen Strategie

Einzuordnen ist das Projekt als eine Form der poetologischen Reflexion. Die Inszenierung versteht sich nicht als bloße Vertonung, sondern als Kommentar auf die Machart von Kunst. Das Stück „The props assist the house“ wird zum zentralen Kabinettstück, in dem die Sängerin das Loblied auf das Baugerüst singt, das nach der Vollendung eines Werkes eigentlich verschwinden sollte. Die „props“ – also die Requisiten – werden hier zum Sinnbild für die künstlerische Arbeit selbst. Die Entscheidung, Joyce DiDonato auf einem Schreibstuhl sitzen zu lassen und ihr Arbeitsgerät in den Mittelpunkt zu stellen, unterstreicht den Prozesscharakter der Kunst. Den Berichten zufolge gelingt es der Produktion, die Distanz zwischen der historischen Figur Dickinson und dem zeitgenössischen Publikum zu überbrücken, indem sie die eigene Konstruktion des Abends offenlegt. Es ist ein Plädoyer für das „Raue“ und gegen die Glätte einer rein gefälligen Ästhetik, die der ursprünglichen Intention der Dichterin widersprechen würde.

Offene Fragen und Lücken im Bericht

Der vorliegende Quelltext lässt einige Aspekte der Produktion unbeantwortet. So bleibt unklar, inwieweit die semiszenische Einrichtung von Andrew Staples, die in Bregenz entwickelt wurde, für die Bochumer Aufführung modifiziert wurde, abgesehen von der Nennung von Ryan J. O’Gara als Produktionsdesigner. Auch die genaue Dauer des Liederzyklus oder die Reaktion des Publikums auf die ungewöhnliche Inszenierung werden nicht explizit thematisiert. Zudem fehlen Informationen über den weiteren Spielplan der Ruhrtriennale in Bezug auf dieses spezifische Werk. Es bleibt offen, ob es sich um eine einmalige Aufführung handelt oder ob der Zyklus an weiteren Standorten zu sehen sein wird. Auch die Frage, wie die akustischen Gegebenheiten der Jahrhunderthalle die Wahrnehmung der verstärkten Stimme beeinflussten, wird nur angedeutet, aber nicht im Detail analysiert. Die Rolle der „Lichtröhren“, die als Kerzenersatz dienten, wird zwar erwähnt, ihre symbolische Bedeutung im Kontext der gesamten Inszenierung bleibt jedoch der Interpretation des Betrachters überlassen.

Perspektiven und kommende Schritte

Die Aufführung in der Bochumer Jahrhunderthalle unterstreicht den Anspruch der Ruhrtriennale, ungewöhnliche Formate zu präsentieren, die Musik und Literatur miteinander verschränken. Für Joyce DiDonato und das Ensemble Time for Three stellt das Projekt eine Fortsetzung ihrer künstlerischen Zusammenarbeit dar, die bereits in Bregenz begann. Da der Liederzyklus auf einer bewussten Auseinandersetzung mit der Tradition der amerikanischen Moderne basiert, ist davon auszugehen, dass dieses Werk auch in Zukunft in ähnlichen Kontexten Bestand haben wird. Die Ruhrtriennale bietet hierfür einen idealen Resonanzraum, da sie den Fokus auf die Verbindung von industrieller Architektur und künstlerischer Avantgarde legt. Weitere Entscheidungen über eine mögliche Dokumentation oder eine weitere Tournee des Programms wurden im vorliegenden Text nicht genannt. Dennoch zeigt die Resonanz auf das Werk, dass die Verbindung von Dickinsons Lyrik mit der Musik von Kevin Puts eine hohe Relevanz für das zeitgenössische Musiktheater besitzt und die Diskussion über die Rolle der Künstlerin in der Gesellschaft neu anregt.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/dynamisches-innendesign-des-museums-fur-moderne-kunst-36126281/ · Foto: Adrien Olichon
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/musik-und-buehne/konzert/joyce-didonato-singt-in-bochum-emily-dickinson-201153747.html