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Lübecker Magdalenenaltar: Die neuen Kleider der Sünderin
Kultur · 24.08.2026 21:32

Lübecker Magdalenenaltar: Die neuen Kleider der Sünderin

Kurz: Das St.-Annen-Museum in Lübeck restauriert das bedeutende Magdalenen-Retabel von 1519. Die Arbeiten enthüllen überraschende Details und neue Farbpracht.

Was geschehen ist – die Kernmeldung ausführlich

Das St.-Annen-Museum in Lübeck hat ein monumentales Unterfangen der Restaurierungskunst begonnen, das weit über die bloße Instandhaltung eines historischen Objekts hinausgeht. Im Zentrum steht das Magdalenen-Retabel aus dem Jahr 1519, ein bedeutendes Werk der norddeutschen Spätgotik. Über lange Zeit hinweg war das Kunstwerk in einem bedauernswerten Zustand, der einer Ruine glich. Besonders gravierend war der Umstand, dass dem Altar seit fast zwei Jahrhunderten die gemalten Seitenflügel fehlten. Nach dem glücklichen Rückkauf von zwei lange verschollen geglaubten Gemäldetafeln im vergangenen Jahr konnte das Museum nun eine umfassende Restaurierung einleiten, die seit April dieses Jahres in vollem Gange ist. Die Öffentlichkeit hat dabei die seltene Gelegenheit, den Experten bei ihrer Arbeit über die Schulter zu schauen. Die Restaurierung findet teilweise direkt vor den Augen der Museumsbesucher im Remter des Hauses statt. Dabei wird nicht nur der Schmutz der Jahrhunderte entfernt, sondern es werden auch kunsthistorische Erkenntnisse gewonnen, die das Verständnis für die Entstehung und die ursprüngliche Wirkung dieses spätmittelalterlichen Schnitzretabels grundlegend verändern. Die Maßnahme wird durch die Ernst-von-Siemens-Stiftung finanziell unterstützt und stellt eine der logistisch anspruchsvollsten Aufgaben dar, die ein deutsches Museum in jüngster Zeit bewältigt hat.

Die Einzelheiten – Zahlen, Namen und Orte

Das Retabel, das der Gefährtin Jesu und Erstbesucherin seines Grabes gewidmet ist, stammt aus dem Jahr 1519. Die Flügel des Altars wurden bereits vor 1840 vom Hauptwerk getrennt, zersägt und auf den Kunstmarkt gebracht. Ein bedeutender Teil der Geschichte des Werkes ist mit den USA verknüpft: Seit 1941 befinden sich die beiden Tafeln des rechten Außenflügels im Besitz des Allen Memorial Art Museum in Oberlin, Ohio. Diese dienen nun in Lübeck als wichtige Vergleichsobjekte. Der Schöpfer der Flügel, Erhart Altdorfer, war seit 1512 als Hofmaler für Herzog Heinrich V. von Mecklenburg tätig und ist als jüngerer Bruder des berühmten Albrecht Altdorfer bekannt. Die Restaurierungsarbeiten, die unter anderem die filigranen, textilartigen Holzvorhänge als Abschluss des Schreins und die Altarfigur der Maria Magdalena betreffen, zeigen nach der Reinigung der Oberflächen spektakuläre Ergebnisse. So verwandelte sich das Haar der zentralen Altarfigur von einem dunklen Braun in einen strahlenden Goldton. Auch die Wiese der Predella, des Unterbaus des Retabels, offenbarte nach der Entfernung einer dicken Staubschicht eine detailreiche Blütenpracht in Weiß und Rot sowie fein nuancierte Flecken eines Apfelschimmels, die zuvor unter einem grauen Schleier verborgen waren.

Hintergrund – Vorgeschichte und Verlauf

Das Magdalenen-Retabel wurde ursprünglich von der Bruderschaft der Schneidergesellen für die Lübecker Burgkirche gestiftet. Diese Herkunft erklärt die auffällige Textillastigkeit der Darstellung, die sich sowohl in den Schnitzereien als auch in den Malereien widerspiegelt. Die Geschichte des Altars ist eng mit der wechselvollen Historie der Stadt Lübeck verbunden. Ein zentrales Ereignis ist die Schlacht von Bornhöved am 22. Juli 1227, dem Patronatstag der heiligen Maria Magdalena. Durch diesen Sieg konnte sich Lübeck von der dänischen Vorherrschaft befreien, was der Hansestadt zu großem Wohlstand verhalf und die Verehrung der Heiligen in der Stadt nachhaltig festigte. Die nun restaurierten Tafeln zeigen eine faszinierende Verbindung zwischen biblischer Legende und lokaler Identität. Altdorfer integrierte beispielsweise das Lübecker Holstentor in den Hintergrund der Darstellung der „Meerfahrt“ Magdalenas. Damit verlegte er die Reise der Heiligen, die der Legende nach in Südfrankreich anlandete und nach Vézelay weiterzog, kurzerhand in den norddeutschen Raum. Diese bewusste „Umerzählung“ diente dazu, einen direkten Bezug zum Auftraggeber und zum Standort Lübeck herzustellen, was den Altar zu einem Zeugnis sowohl religiöser als auch städtischer Selbstdarstellung macht.

Die Beteiligten – Personen und Institutionen

Die Hauptverantwortung für das Projekt liegt beim St.-Annen-Museum in Lübeck, das das Retabel konserviert und die Öffentlichkeit in den Prozess einbezieht. Eine entscheidende Rolle bei der Finanzierung spielt die Ernst-von-Siemens-Stiftung, ohne deren Unterstützung dieses logistisch aufwendige Vorhaben kaum realisierbar gewesen wäre. Die Kuratorin Cynthia Osiecki wird im Kontext der Restaurierungsforschung erwähnt, da sie jüngst bei anderen Projekten, etwa am Osloer Nationalmuseum, bedeutende Entdeckungen wie ein Selbstbildnis der Malerin Clara Peeters machte. Die Restauratoren selbst fungieren als „Schönheitschirurgen“ der Kunstgeschichte, die mit Skalpell und ruhiger Hand die Longevity der Werke sichern. Erhart Altdorfer, der Schöpfer der Flügel, wird als zentrale historische Figur gewürdigt, dessen Werk durch die Restaurierung nun wieder in seiner ursprünglichen Qualität wahrnehmbar wird. Die Bruderschaft der Schneidergesellen als ursprüngliche Stifter des Werkes bildet den historischen Rahmen der Auftraggeberschaft, während die Besucher des St.-Annen-Museums die Rolle der aktiven Beobachter einnehmen, die den Prozess der „Live-Restaurierung“ im Remter verfolgen können.

Einordnung – Was das bedeutet

Den Berichten zufolge ist die Restaurierung des Magdalenen-Retabels weit mehr als eine rein technische Maßnahme. Einzuordnen ist das so: Die Arbeiten führen zu einer Korrektur der Wahrnehmung eines Werkes, das über Jahrhunderte durch Schmutz, Übermalungen und Verluste entstellt war. Die Entfernung der sogenannten „dritten Fassung“ am Noli-me-tangere-Relief, einer weiß-gräulichen Schicht, legte eine farbintensivere zweite Fassung frei, die den Heiland mit rosigen Wangen zeigt. Dies ist keine bloße Kosmetik, sondern eine grundlegende Änderung der Interpretation: Während die blasse Fassung einen gerade erst auferstandenen, vom Grab gezeichneten Christus zeigt, vermittelt die nun wieder sichtbare Rotbäckchenfassung eine körperliche Frische. Die Restaurierung verdeutlicht, wie stark spätere Eingriffe – sei es durch bewusste Übermalungen oder durch den Zahn der Zeit – die Intention des Künstlers verfälschen können. Die Rückgewinnung der ursprünglichen Farbigkeit, etwa des satten Grüns der Wiese oder des goldenen Haarkleids der Magdalena, macht die handwerkliche Brillanz Altdorfers wieder erfahrbar und korrigiert das Bild einer vermeintlich dunklen, spröden Gotik hin zu einer leuchtenden, stofflich raffinierten Kunst.

Offene Fragen – Was der Quelltext nicht beantwortet

Obwohl der Quelltext detailliert auf den Zustand und die Restaurierung des Retabels eingeht, bleiben einige Aspekte offen. So wird nicht explizit benannt, welche weiteren konkreten Maßnahmen für die noch fehlenden Teile des Altars geplant sind, sofern diese überhaupt noch existieren. Auch bleibt offen, wie genau die logistische Herausforderung gelöst wird, die in den USA befindlichen Tafeln dauerhaft mit dem Lübecker Bestand in einen Kontext zu setzen, über die aktuelle Präsentation als Vergleichsbilder hinaus. Der Text erwähnt zwar, dass die Flügel vor 1840 brutal zersägt wurden, lässt aber die genauen Umstände dieser Zerstörung und die Wege, über die sie in den Kunsthandel gelangten, weitgehend im Dunkeln. Ebenso wird nicht ausgeführt, ob nach Abschluss der Restaurierung eine wissenschaftliche Publikation geplant ist, die die gewonnenen Erkenntnisse über die Werkentstehung und die verschiedenen Farbfassungen systematisch zusammenfasst. Die langfristige konservatorische Strategie für das nun wieder „strahlende“ Werk nach Abschluss der öffentlichen Vorführung im Remter bleibt ebenfalls ein Punkt, der im Text nicht weiter vertieft wird.

Wie es weitergeht – Angekündigte Schritte

Die Restaurierungsarbeiten, die seit April dieses Jahres laufen, werden fortgesetzt, wobei der Fokus weiterhin auf der Konservierung und der wissenschaftlichen Dokumentation liegt. Die Besucher des St.-Annen-Museums haben weiterhin die Möglichkeit, die Arbeiten direkt vor Ort im Remter zu verfolgen. Da die Restaurierung als ein Prozess verstanden wird, der „live“ und in Echtzeit vor der Öffentlichkeit stattfindet, ist davon auszugehen, dass die verschiedenen Phasen der Reinigung und Festigung der Oberflächen sukzessive abgeschlossen werden. Die bereits restaurierten Teile, wie die Predella oder die Altarfigur, geben einen Ausblick auf das Endergebnis, das nach Abschluss aller Arbeiten eine vollständige ästhetische und inhaltliche Wiederherstellung des Retabels anstrebt. Die Einbeziehung der aus den USA stammenden Vergleichstafeln deutet darauf hin, dass die museale Vermittlung des Werkes auch nach der physischen Restaurierung stark auf die historische Rekonstruktion des Gesamtzusammenhangs setzen wird. Termine für eine feierliche Wiederaufstellung des vollständigen Ensembles werden im vorliegenden Text nicht explizit genannt, doch ist der Prozess als ein langfristiges, sorgfältig geplantes Projekt angelegt.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/verzierte-mittelalterliche-grabfiguren-in-historischer-kirche-32063062/ · Foto: Richard Harris
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/ausstellung/gotische-pracht-luebecks-magdalenenaltar-wird-restauriert-201105802.html