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Roman „Frankenstein“: Nicht das Monster ist hier das Ungeheure
Kultur · 01.08.2026 14:40

Roman „Frankenstein“: Nicht das Monster ist hier das Ungeheure

Kurz: Mary Shelleys Klassiker wird oft auf das Monster reduziert. Doch eine genauere Lektüre offenbart das erschütternde Schicksal von Elizabeth Lavenza.

Eine neue Perspektive auf den Klassiker

Wenn der Name Frankenstein fällt, denken die meisten Menschen sofort an das künstliche Wesen, das aus Leichenteilen zusammengesetzt wurde. Doch Mary Shelleys berühmter Roman, der als Grundstein der modernen Science-Fiction gilt, bietet bei genauerer Betrachtung weit mehr als die Geschichte einer missglückten wissenschaftlichen Schöpfung. Im Schatten des Monsters spielt sich ein menschliches Drama ab, das oft übersehen wird: das Schicksal von Elizabeth Lavenza, der Braut des Wissenschaftlers Victor Frankenstein.

Die Objektifizierung als Ausgangspunkt

Der Kern der verstörenden Dynamik zwischen Victor und Elizabeth findet sich bereits in ihrer Kindheit. Als Caroline Frankenstein, die Mutter von Victor, Elizabeth als Ziehtochter in die Familie aufnimmt, geschieht dies mit einer beiläufigen Selbstverständlichkeit, die den Grundstein für eine fatale Beziehung legt. Caroline bezeichnet Elizabeth gegenüber ihrem Sohn als „Geschenk“.

Victor Frankenstein erinnert sich später an diesen Moment mit einer kindlichen Ernsthaftigkeit, die rückblickend tiefgreifende Auswirkungen auf sein Weltbild hat. Er betrachtet Elizabeth von diesem Zeitpunkt an als sein persönliches Eigentum. Diese Wahrnehmung ist keineswegs als liebevolle Zuneigung zu verstehen, sondern als eine Form der Aneignung. Er sieht sich in der Rolle des Besitzers, der das Mädchen „schützen, lieben und umhegen“ soll – eine Formulierung, die den Machtanspruch des Mannes über die Frau in den Mittelpunkt stellt.

Das Ungeheuerliche im Alltäglichen

Das wahrhaft Ungeheuerliche an Shelleys Roman ist nicht allein die physische Erscheinung der Kreatur, sondern die patriarchale Struktur, in der Elizabeth gefangen ist. Während das Monster durch seine bloße Existenz Schrecken verbreitet, ist die Unterdrückung von Elizabeth subtiler, aber nicht weniger zerstörerisch. Sie wird in eine Rolle gedrängt, in der ihre Identität vollständig an die Bedürfnisse und Erwartungen von Victor geknüpft ist.

Diese Form der Objektifizierung wirft ein bezeichnendes Licht auf die gesellschaftlichen Konventionen der Zeit, in der Shelley schrieb. Die Frau als Statussymbol oder als „Geschenk“ für den männlichen Protagonisten entmenschlicht die Figur der Elizabeth ebenso sehr, wie es die Wissenschaft mit der Kreatur tut. Während Victor versucht, Leben zu erschaffen, verweigert er seiner Braut die Anerkennung als eigenständiges, autonomes Individuum.

Zwischenmenschliche Folgen und literarische Einordnung

Die Konsequenzen dieser Haltung sind gravierend. Indem Victor Elizabeth als Eigentum betrachtet, entzieht er ihr die Möglichkeit einer gleichberechtigten Partnerschaft. Das Drama, das sich im Hintergrund der eigentlichen Monster-Handlung abspielt, ist somit ein Spiegelbild der emotionalen Kälte des Wissenschaftlers. Sein Unvermögen, die Kreatur als Lebewesen zu akzeptieren, korrespondiert mit seinem Unvermögen, Elizabeth als Mensch auf Augenhöhe zu begegnen.

Für Leserinnen und Leser von heute bietet diese Perspektive einen wichtigen Ansatzpunkt, um den Roman neu zu bewerten. Es geht nicht mehr nur um die Frage, wie weit Wissenschaft gehen darf, sondern auch darum, wie soziale Strukturen und Machtverhältnisse innerhalb einer Familie oder Partnerschaft die menschliche Freiheit einschränken können. Die Figur der Elizabeth Lavenza wird so von einer bloßen Randnotiz zu einer tragischen Schlüsselfigur, die das moralische Versagen von Victor Frankenstein auf einer menschlichen Ebene verdeutlicht.

Die Relevanz der Analyse

Die Auseinandersetzung mit der Rolle der Frau in Shelleys Werk zeigt, dass die Autorin weit mehr als eine Schauergeschichte verfasst hat. Sie hat ein komplexes Geflecht aus Abhängigkeiten geschaffen, das auch nach Jahrhunderten nichts an Aktualität verloren hat. Wenn wir heute auf „Frankenstein“ blicken, sollten wir den Fokus nicht nur auf das Labor des Wissenschaftlers legen, sondern auch auf die häusliche Sphäre, in der die eigentlichen menschlichen Tragödien ihren Anfang nehmen.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/fenster-museum-estland-touristenziel-4285173/ · Foto: Una Laurencic
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/literatur/was-hinter-mary-shelleys-roman-frankenstein-steckt-accg-201014771.html