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EWE-TEL-Chef zum Kupfer-Aus: „Wir müssen jetzt schon überlegen“
Technik · 16.09.2026 06:00

EWE-TEL-Chef zum Kupfer-Aus: „Wir müssen jetzt schon überlegen“

Kurz: EWE-TEL-Geschäftsführer Norbert Westfal fordert zum 30-jährigen Firmenjubiläum eine klare Strategie für die Kupferabschaltung und fairen Wettbewerb im Netz.

Ein Meilenstein der Telekommunikation: 30 Jahre EWE TEL

Der Telekommunikationsanbieter EWE TEL feiert in diesen Tagen sein 30-jähriges Bestehen. Gegründet am 1. Januar 1996 in Oldenburg, startete das Unternehmen mit einer kleinen Belegschaft von lediglich vier Mitarbeitern. Heute präsentiert sich die EWE-Telekommunikationstochter als ein bedeutender Akteur auf dem deutschen Markt, der laut Datenstand von 2021 rund 1.300 Menschen beschäftigt. Der Weg des Unternehmens ist eng mit der Liberalisierung des deutschen Telekommunikationsmarktes verknüpft, die zwei Jahre nach der Gründung in Kraft trat. Norbert Westfal, der aktuelle Geschäftsführer von EWE TEL und Präsident des Bundesverbandes Breitbandkommunikation (BREKO), blickt auf diese Entwicklung zurück. Was einst als interne Infrastrukturlösung für den regionalen Energiekonzern begann, entwickelte sich zu einem umfassenden Dienstleister für Privat- und Geschäftskunden. Die technologische Reise ist beeindruckend: Verfügte das Unternehmen 1996 noch über ein Telekommunikationsnetz von etwa 8.000 Kilometern Länge, so umfasst das Netz heute mehr als 50.000 Kilometer, wovon fast 40.000 Kilometer auf moderne Glasfaserleitungen entfallen. Dieser Wandel spiegelt die gesamte Transformation der Branche wider, die von den Anfängen der Call-by-Call-Angebote bis hin zur heutigen Dominanz der Glasfasertechnologie reicht.

Die Entwicklung der Infrastruktur und der Wettbewerbsgedanke

Der Rückblick auf die Unternehmensgeschichte verdeutlicht, dass die ursprüngliche Motivation für EWE TEL darin bestand, die für den Energiekonzern notwendige IT-Infrastruktur auch wirtschaftlich zu nutzen. Bereits 1994, noch vor der offiziellen Gründung, war absehbar, dass das klassische Kupfernetz den steigenden Anforderungen nicht dauerhaft gewachsen sein würde. Damals wurden IT-Standorte lediglich mit 64 Kilobit pro Sekunde angebunden – ein Wert, der aus heutiger Sicht kaum vorstellbar ist. Westfal betont, dass der damalige Angriffsgeist, der zur Gründung führte, auch heute noch ein wesentlicher Bestandteil der Unternehmens-DNA ist. Dieser Geist sei notwendig, da der Markt weiterhin hart umkämpft sei und das Unternehmen ehrgeizige Ziele verfolge. Die Liberalisierung des Marktes bewertet Westfal als Erfolg, da sie eine steile Innovationskurve ermöglicht und für ein attraktives Preisniveau für die Endkunden gesorgt habe. Dennoch sieht er die Notwendigkeit einer starken Bundesnetzagentur, die regulatorisch eingreifen kann, um überstarke Marktpositionen – etwa bei Kupfernetzen oder Mobilfunkfrequenzen – auszugleichen und fairen Wettbewerb zu gewährleisten.

Offene Netze und die Forderung nach einem Fair-Play-Agreement

Ein zentraler Punkt der aktuellen Debatte ist das Konzept des offenen Netzzugangs, international als Open Access bekannt. EWE TEL verfolgt die Strategie, die eigene Infrastruktur auch anderen Anbietern zur Verfügung zu stellen, was laut Westfal die Versorgung verbessert und die Netzauslastung erhöht. Diese Forderung weitet der Geschäftsführer nun explizit auf den Mobilfunkbereich aus. Er kritisiert die Aufhebung der Diensteanbieterverpflichtung im Jahr 2019 als schwerwiegende Fehlentscheidung, die auch gerichtlich aufgehoben wurde. Westfal plädiert für ein „Fair-Play-Agreement“, das offene Netze, einen diskriminierungsfreien Zugang und verlässliche Rahmenbedingungen sowohl für Glasfaseranschlüsse (FTTH) als auch für den Mobilfunk sicherstellen soll. Ein Diensteanbieter dürfe nicht gegenüber dem eigenen Vertrieb eines Mobilfunknetzbetreibers benachteiligt werden, beispielsweise durch Geschwindigkeitsbegrenzungen oder schlechtere Konditionen. Obwohl EWE TEL kürzlich eine strategische Partnerschaft mit Telefónica eingegangen ist, betont Westfal, dass vertragliche Abmachungen keine verlässlichen Marktregeln ersetzen können. Langfristige Sicherheit für Diensteanbieter sei bei der nächsten Frequenzvergabe unerlässlich.

Herausforderungen beim Glasfaserausbau und die Nachfrageproblematik

Trotz der Bedeutung des Glasfaserausbaus stellt Westfal fest, dass die Stimmung in der Branche zuletzt gelitten hat. Er verneint zwar, dass der Glasfaserboom seinen Höhepunkt bereits überschritten habe, räumt aber ein, dass das Wachstum nicht mehr so steil sei wie in der Anfangsphase. Als Hindernisse nennt er strategische Überbau-Versuche sowie Rabattverträge, durch die die Telekom versuchte, Vermarkter an das Kupfernetz zu binden, was den Ausbau von FTTH-Netzen durch andere Wettbewerber erschwerte. Ein weiteres Problem ist die Diskrepanz zwischen der technischen Verfügbarkeit (Homes Passed) und der tatsächlichen Nutzung durch die Kunden. Viele Haushalte in Städten seien mit ihren bestehenden Kupferanschlüssen noch zufrieden, während die Nachfrage auf dem Land aufgrund der dort instabileren Kupferleitungen tendenziell höher ausfalle. Dies führt zu einem Widerspruch: Deutschland strebt den Status eines modernen digitalen Staates an, doch die Kunden müssen auch bereit sein, die neuen Glasfaseranschlüsse tatsächlich zu buchen. Westfal betont, dass Glasfaser nicht zwangsläufig teurer als DSL sein müsse.

Die Notwendigkeit der Kupferabschaltung als Zukunftsfrage

Ein wesentlicher Aspekt der technologischen Debatte ist die Frage, wie lange das alte Kupfernetz parallel zur Glasfaser betrieben werden soll. Westfal vertritt die klare Ansicht, dass Deutschland sich den parallelen Betrieb auf Dauer nicht leisten könne. Während Kabelanschlüsse zwar nominell hohe Bandbreiten liefern können, bezeichnet er diese als „Shared Medium“, bei dem sich viele Kunden die Bandbreite teilen müssen, was die Glasfaser zur leistungsfähigeren und nachhaltigeren Infrastruktur mache. In einem früheren Interview hatte Westfal bereits für das Jahr 2026 erste Kupferabschaltungen prognostiziert, räumt nun aber ein, dass diese Aussage damals provokant gemeint war. Dennoch hält er am Grundgedanken fest: Sobald eine weitgehende Glasfaserabdeckung erreicht ist, müssen die ineffizienten alten Netze vom Netz genommen werden. Er rechnet damit, dass Deutschland Anfang der 2030er-Jahre eine sehr weitreichende Glasfaserabdeckung erreicht haben wird. Daher müsse man bereits jetzt über die Migration und den Prozess der Abschaltung nachdenken, um den technologischen Wandel erfolgreich zu gestalten.

Praktische Umsetzung der Migration

Wie ein solcher Abschaltprozess konkret aussehen könnte, skizziert Westfal anhand eines klaren Schwellenwerts. Sobald in einem bestimmten Gebiet etwa 85 Prozent der Haushalte mit Glasfaser erschlossen sind, sollte mit der Migration begonnen werden. Die verbleibenden Anschlüsse könnten dann innerhalb eines überschaubaren Zeitraums realisiert werden. Ein entscheidender Faktor sei dabei die Kommunikation: Es bedürfe einer klaren Ankündigung, dass das Kupfernetz in einem Gebiet zu einem festen Zeitpunkt – etwa in zwei Jahren – abgeschaltet werde. Dies würde den Kunden ausreichend Zeit geben, rechtzeitig einen Glasfaseranschluss zu bestellen. Ohne eine solche verbindliche Entscheidung werde es schwierig, die letzten Anschlüsse zu migrieren. Die technologische Richtung sei ohnehin vorgegeben: Glasfaser bis zum Endkunden, sei es im Unternehmen oder in der privaten Wohnung. Dieser Prozess erfordert jedoch nicht nur technisches Know-how, sondern auch politische Entschlossenheit und eine klare regulatorische Linie, um den Übergang für alle Beteiligten planbar zu gestalten.

Einordnung der Marktsituation aus Sicht von EWE TEL

Einzuordnen ist die aktuelle Situation laut Westfal als eine Phase der Konsolidierung und der notwendigen Weichenstellung. Die Branche befinde sich in einem Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach schnellem Ausbau und der wirtschaftlichen Realität. Die regulatorischen Eingriffe der Bundesnetzagentur bleiben für ihn ein notwendiges Korrektiv, um die Marktmacht der etablierten Akteure zu begrenzen. Den Berichten zufolge sieht er die regulatorische Entlastung bestimmter Städte als verfrüht an, da das Ziel der flächendeckenden Glasfaserversorgung noch nicht erreicht sei. Die Rolle von EWE TEL als Netzbetreiber und Diensteanbieter gleichzeitig ermöglicht es dem Unternehmen, flexibel auf die Marktbedürfnisse zu reagieren. Dennoch betont Westfal, dass die Infrastruktur ihre wahre Stärke erst durch die darauf bereitgestellten Dienste entfalte. Die Strategie, das eigene Netz für andere Anbieter zu öffnen, sieht er als essenziell an, um die Versorgung in der Region zu optimieren und die Auslastung der eigenen Investitionen zu sichern.

Was der Quelltext offenlässt

Der Quelltext bietet einen detaillierten Einblick in die Sichtweise von Norbert Westfal, lässt jedoch einige Fragen unbeantwortet. So bleibt unklar, wie genau die Bundesnetzagentur auf die Forderungen nach einer verbindlichen Kupferabschaltung reagieren wird und ob es bereits konkrete politische Pläne für einen solchen Zeitplan gibt. Auch die genauen wirtschaftlichen Auswirkungen der Kupferabschaltung auf die betroffenen Unternehmen werden nicht näher beziffert. Ebenso fehlen Informationen darüber, wie die Wohnungswirtschaft, die eine entscheidende Rolle bei der Inhouse-Verkabelung spielt, auf die Forderungen nach einer schnellen Migration reagiert. Die Details der vertraglichen Ausgestaltung der Partnerschaft mit Telefónica bleiben ebenfalls weitgehend im Vagen, abgesehen von der Erwähnung, dass EWE TEL Glasfaser zu Standorten liefert. Zudem wird nicht explizit ausgeführt, welche konkreten Anreize oder Förderungen notwendig wären, um die Kundenakzeptanz für Glasfaseranschlüsse in Gebieten zu erhöhen, in denen Kupfer noch als ausreichend empfunden wird. Die langfristige finanzielle Belastung für die Endkunden durch den Netzwechsel wird ebenfalls nicht konkretisiert.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/geschaftsmann-mann-schreibtisch-laptop-5511629/ · Foto: Mike van Schoonderwalt
Quelle: https://www.heise.de/news/EWE-TEL-Chef-zum-Kupfer-Aus-Wir-muessen-jetzt-schon-ueberlegen-11453600.html?wt_mc=rss.red.ho.ho.atom.beitrag.beitrag