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Wie die Stadt Wittenberge ihr Industrie-Erbe neu nutzen will
Wirtschaft · 12.09.2026 15:22

Wie die Stadt Wittenberge ihr Industrie-Erbe neu nutzen will

Kurz: Das ehemalige Veritas-Nähmaschinenwerk in Wittenberge soll für 250 Millionen Euro in ein modernes Quartier für Kultur, Forschung und Wohnen verwandelt werden.

Ein neues Kapitel für das ehemalige Veritas-Werk

In Wittenberge, einer brandenburgischen Stadt strategisch günstig zwischen den Metropolen Berlin und Hamburg gelegen, steht ein bedeutender städtebaulicher Wandel bevor. Das ehemalige Nähmaschinenwerk, ein historischer Industriekomplex mit einer beeindruckenden Fläche von 100.000 Quadratmetern, soll nach Jahrzehnten des Verfalls eine umfassende Revitalisierung erfahren. Wo einst unter dem Namen Veritas Nähmaschinen in großem Stil produziert wurden, plant ein privater Investor nun die Entwicklung eines zukunftsweisenden Quartiers. Das Projekt, das mit einem Investitionsvolumen von rund 250 Millionen Euro veranschlagt ist, zielt darauf ab, die grauen Fassaden und verwitterten Backsteinbauten in ein lebendiges Zentrum für Gastronomie, Hotelgewerbe, Kunst und Kultur zu verwandeln. Dabei geht es den Verantwortlichen nicht allein um eine touristische Aufwertung des Standorts. Vielmehr soll ein Raum entstehen, der Bildung, Forschung, moderne Technik und Innovation miteinander verknüpft. Ziel ist es, den Standort langfristig als Arbeitsplatzschwerpunkt zu etablieren und damit die wirtschaftliche Identität der Stadt, die einst durch die industrielle Fertigung geprägt war, in ein neues, zeitgemäßes Zeitalter zu überführen.

Details zum Projekt und zur historischen Bedeutung

Das Veritas-Werk blickt auf eine bewegte Geschichte zurück, die eng mit der industriellen Entwicklung der Region verwoben ist. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden in den Hallen durch den US-Konzern Singer Nähmaschinen gefertigt. Zu DDR-Zeiten galt der Standort als einer der weltweit modernsten Produktionsbetriebe für Haushaltsnähmaschinen. Kurz vor der deutschen Wiedervereinigung waren dort rund 3.200 Menschen beschäftigt, was die enorme wirtschaftliche Bedeutung für die Kleinstadt unterstreicht. Mit der Liquidation des Werks im Jahr 1992 endete eine Ära, die den Beginn eines tiefgreifenden Strukturwandels markierte. Die nun geplanten Maßnahmen umfassen nicht nur die Sanierung der Bausubstanz, sondern eine inhaltliche Neuausrichtung. Der Investor Renaud Vercouter De Gambs betont, dass das Areal als offenes Gewerbe- und Kulturquartier fungieren soll. Die Dimensionen des Vorhabens sind beachtlich, wenn man bedenkt, dass große Teile des Geländes seit über drei Jahrzehnten brachliegen und das Stadtbild durch zerbrochene Fenster und bröckelnde Fassaden geprägt ist. Die geplante Investitionssumme von 250 Millionen Euro verdeutlicht den Anspruch, das Areal nicht nur oberflächlich zu sanieren, sondern eine grundlegende Transformation einzuleiten.

Hintergrund des Strukturwandels in Ostdeutschland

Die Situation in Wittenberge ist kein isoliertes Phänomen, sondern symptomatisch für viele ostdeutsche Kommunen, die nach 1990 mit dem Verlust ihrer industriellen Basis zu kämpfen hatten. Eine bundesweite Baulandumfrage aus dem Jahr 2020 verdeutlicht die Dimensionen: Demnach machen Brachflächen, zu denen ehemalige Industrieanlagen zählen, im Osten Deutschlands rund 55 Prozent der innerörtlichen Flächenreserven aus, während es im Westen etwa 30 Prozent sind. Wittenberge hat diesen Wandel über Jahre hinweg gespürt, da nicht nur das Veritas-Werk, sondern auch andere große Betriebe schließen mussten oder Arbeitsplätze abbauten. Der Kampf gegen die Schrumpfung der Stadt ist daher ein zentrales politisches und gesellschaftliches Anliegen. Bürgermeister Oliver Hermann betont, dass die Stadt heute an vielen Fronten agiert, um die Attraktivität als Wohn-, Urlaubs- und Arbeitsstandort zu steigern. Die geografische Lage zwischen Berlin und Hamburg, gepaart mit einer ICE-Anbindung, bietet dabei gute Voraussetzungen. Dennoch bleibt der Prozess der Umgestaltung langwierig, da die Folgen des Wegfalls tausender Arbeitsplätze in der Vergangenheit tiefe Spuren in der Wirtschaftsstruktur und der demografischen Entwicklung hinterlassen haben.

Die Akteure und ihre Visionen

An der Spitze der Bemühungen steht Bürgermeister Oliver Hermann, der die Stadt Wittenberge aktiv als attraktiven Standort für Investoren und Bewohner positionieren möchte. Er sieht in Projekten wie dem Veritas-Park und der kommenden Landesgartenschau 2027 wichtige Hebel, um den Trend der Bevölkerungsabwanderung zu stoppen. Die Einwohnerzahl der Stadt hat sich zuletzt bei rund 17.000 Menschen stabilisiert, was als Erfolg der bisherigen Bemühungen gewertet wird. Auf der Investorenseite tritt Renaud Vercouter De Gambs als treibende Kraft für das Veritas-Gelände auf. Er verbindet wirtschaftliche Interessen mit einem kulturellen Anspruch. Ein weiteres Beispiel für erfolgreiche Umnutzung liefert Lutz Lange, Geschäftsführer der Alten Ölmühle in Wittenberge. Lange hat bewiesen, dass aus einer Industriebrache ein florierendes touristisches Zentrum entstehen kann. Die Alte Ölmühle, die heute ein Vier-Sterne-Hotel und Gastronomie beherbergt, dient als Modell für die Vielschichtigkeit, die für den Erfolg solcher Projekte entscheidend ist. Langes Erfahrung zeigt, dass die Entwicklung solcher Areale einen langen Atem erfordert, da die Finanzierung und Konzeption oft über viele Jahre hinweg schrittweise angepasst werden müssen.

Einordnung der industriellen Umnutzung

Einzuordnen ist das Vorhaben in Wittenberge als Teil einer größeren Strategie zur Revitalisierung ehemaliger Industriekerne. Den Berichten zufolge zeigt das Beispiel der Alten Ölmühle, dass eine Mischung aus Tourismus, Freizeitangeboten und Tagungsmöglichkeiten ein tragfähiges Geschäftsmodell darstellen kann. Die Investition von 17,6 Millionen Euro in die Ölmühle, die ursprünglich mit 2,5 Millionen Euro geplant war, verdeutlicht jedoch auch die finanziellen Risiken und den hohen Bedarf an Flexibilität bei derartigen Projekten. Die Transformation von Industriebrachen ist in Brandenburg ein hochaktuelles Thema, wie Diskussionen über Gentrifizierung in ländlichen Regionen oder die Ansiedlung großer Industriebetriebe wie Tesla in Grünheide zeigen. Während dort oft über Wachstum und Widerstand debattiert wird, geht es in Wittenberge primär um die Sicherung der Lebensqualität und die Schaffung neuer Perspektiven in einer schrumpfenden Region. Die Strategie, Bildung, Forschung und Kultur in das ehemalige Nähmaschinenwerk zu integrieren, deutet darauf hin, dass die Stadt versucht, sich breiter aufzustellen, um nicht nur vom Tourismus abhängig zu sein, sondern auch moderne Arbeitsplätze im Bereich Technik und Innovation zu generieren.

Offene Fragen und der Weg in die Zukunft

Trotz der ambitionierten Pläne bleiben wesentliche Fragen offen, die der Quelltext nicht beantwortet. So ist unklar, wie genau die Finanzierung der 250 Millionen Euro im Detail strukturiert ist und welche konkreten Zeitpläne für die einzelnen Bauabschnitte gelten. Auch bleibt offen, welche spezifischen Start-ups oder Forschungseinrichtungen sich dort ansiedeln könnten und ob es bereits verbindliche Zusagen von Mietern oder Partnern gibt. Zudem ist nicht spezifiziert, wie die Stadt Wittenberge die Infrastruktur rund um das Gelände anpassen muss, um den erwarteten Zustrom von Besuchern und Arbeitnehmern zu bewältigen. Die Zukunft des Veritas-Parks hängt maßgeblich von der erfolgreichen Umsetzung dieser Vision ab. Als nächster großer Meilenstein für die Stadt gilt die Landesgartenschau 2027, die als Katalysator für die Stadtentwicklung fungieren soll. Der Wandel, so zeigen die Erfahrungen der letzten Jahre, ist ein Prozess, der querdenken erfordert und bei dem die Entwicklung des Areals vermutlich über Jahre hinweg in kleinen Schritten erfolgen wird. Die Stabilisierung der Einwohnerzahl ist ein positives Signal, doch die langfristige Festigung dieses Trends bleibt eine fortlaufende Herausforderung für alle Beteiligten in Wittenberge.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/textur-zucker-sussigkeiten-schokolade-4040856/ · Foto: https://kaboompics.com/
Quelle: https://www.tagesschau.de/wirtschaft/technologie/wittenberge-industriequartier-100.html