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Institut für Bevölkerungsforschung: Was Menschen vom Kinderkriegen abhält
Schlagzeilen · 02.09.2026 18:40

Institut für Bevölkerungsforschung: Was Menschen vom Kinderkriegen abhält

Kurz: Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung zeigt: Der Kinderwunsch in Deutschland sinkt erstmals seit Jahren deutlich unter das bisherige stabile Niveau.

Was geschehen ist – die Kernmeldung ausführlich

Ein signifikantes gesellschaftliches Phänomen in Deutschland hat sich in den jüngsten Daten des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) manifestiert: Der langjährige, stabile Kinderwunsch junger Erwachsener beginnt zu erodieren. Während in den vergangenen Jahren eine deutliche Diskrepanz zwischen dem idealen Familienbild und der tatsächlichen Geburtenrate bestand, zeigen die aktuellsten Auswertungen des Familiendemografischen Panels (FReDA) eine besorgniserregende Trendwende. Seit dem Jahr 2021 ist die reale Geburtenrate bereits von 1,58 auf 1,32 Kinder pro Frau gesunken. Bislang blieb der durchschnittliche Kinderwunsch jedoch stabil bei etwa 1,8 Kindern. Die neuen Daten für das Jahr 2025 markieren nun einen Wendepunkt: Erstmals sinkt auch dieser Wunschwert auf durchschnittlich 1,7 Kinder bei Frauen und 1,6 bei Männern. Die Diskrepanz zwischen dem Wunsch nach einer Familie und der tatsächlichen Umsetzung in die Realität, von Fachleuten als „Fertility Gap“ bezeichnet, bleibt bestehen, doch die Basis des Wunsches selbst bröckelt unter dem Druck multipler gesellschaftlicher und ökonomischer Krisen. Die repräsentative Studie, für die das Institut zweimal jährlich rund 30.000 Menschen befragt, verdeutlicht damit eine tiefgreifende Verunsicherung in der jungen Generation, die ihre Lebensplanung zunehmend an den äußeren Rahmenbedingungen ausrichtet.

Die Einzelheiten – Zahlen, Namen und Orte

Die Datenbasis des BiB ist umfangreich und liefert detaillierte Einblicke in die psychologische und ökonomische Verfassung der Bevölkerung. Martin Bujard, der stellvertretende Direktor des Instituts, betont die Eindeutigkeit der Zahlen. Während 90 Prozent der 30.000 Befragten grundsätzlich den Wunsch äußern, Kinder zu haben, liegt das Idealbild in einer hypothetischen, hindernisfreien Welt bei 2,2 Kindern – eine Zahl, die über den Zeitraum der Erhebungen hinweg konstant geblieben ist. Die Realität sieht jedoch anders aus: Die Geburtenrate pro Frau ist auf den tiefsten Stand seit 1997 gefallen. Ein zentraler Faktor für die Familienplanung ist die Zufriedenheit mit den Lebensbedingungen. Nur 22 bis 29 Prozent der Befragten äußerten sich zufrieden mit dem Wohnungsangebot, was den schlechtesten Wert innerhalb der abgefragten Kategorien darstellt. Carmen Friedrich, die maßgeblich an der Studie mitgearbeitet hat, unterstreicht die statistische Relevanz dieser Faktoren: Die Wahrscheinlichkeit, in den nächsten drei Jahren ein Kind zu bekommen, steigt um etwa fünf Prozent, wenn die Betroffenen mit ihrem Arbeitsplatz, ihrem Einkommen und der Wohnsituation zufrieden sind. Demgegenüber steht eine massive Belastung durch Zukunftssorgen, die den Kinderwunsch um etwa zehn Prozent senken kann, sofern die Sorgen als sehr groß eingestuft werden.

Hintergrund – Vorgeschichte und Verlauf

Die aktuelle Situation ist das Ergebnis einer langfristigen Entwicklung, in der sich die Rahmenbedingungen für Familien und die Wahrnehmung der Weltlage kontinuierlich verändert haben. Zwar gab es auch in den 1970er und 1980er Jahren Phasen gesellschaftlicher Belastung, etwa durch den Kalten Krieg oder das Waldsterben, doch Martin Bujard identifiziert eine neue Qualität der aktuellen Krise: die Gleichzeitigkeit und die ständige mediale Präsenz. Die Digitalisierung und die damit verbundene permanente Verfügbarkeit von Nachrichten führen dazu, dass Menschen mehrmals täglich den aktuellen Stand globaler Krisen abrufen. Dies erzeugt einen psychologischen Dauerzustand der Alarmbereitschaft. Während die tatsächlichen Bedingungen vor Ort – etwa die Verfügbarkeit von Kita-Plätzen oder Erholungsmöglichkeiten in der Natur – von den Befragten durchaus als positiv wahrgenommen werden, überlagern die globalen Unsicherheiten diese lokalen Gegebenheiten. Die Familienplanung wird somit nicht mehr nur durch die persönliche Lebenssituation bestimmt, sondern durch eine komplexe Gemengelage aus globalen Ängsten und der Sorge um die langfristige Stabilität der gesellschaftlichen Ordnung, was den Prozess des „Aufschiebens“ von Kindern beschleunigt.

Die Beteiligten – Wer entscheidet und äußert sich

Im Zentrum der wissenschaftlichen Aufarbeitung steht das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB), das durch seine regelmäßigen Erhebungen im Rahmen des Familiendemografischen Panels (FReDA) die Datenbasis für die aktuelle Debatte liefert. Als Experten fungieren insbesondere Martin Bujard, der stellvertretende Direktor des Instituts, sowie die Forscherin Carmen Friedrich. Sie interpretieren die Daten und setzen die Ergebnisse in den Kontext der aktuellen gesellschaftlichen Lage. Die betroffene Gruppe sind junge Erwachsene in Deutschland, deren Lebensentwürfe durch die Studie abgebildet werden. Die Studie bezieht sich zudem auf die Rolle der Politik und der Unternehmen: Den Forschenden zufolge liegt es in der Verantwortung der Politik, durch die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum und verlässlichen Kinderbetreuungssystemen die lokalen Rahmenbedingungen zu verbessern, während Arbeitgeber durch die Bereitstellung stabiler Arbeitsverhältnisse und familienfreundlicher Umgebungen einen Beitrag leisten können. Auch die Rolle der Medien wird adressiert, da diese durch eine einseitige Krisenberichterstattung die Wahrnehmung der Bevölkerung beeinflussen, was laut den Forschenden durch eine stärkere Sichtbarmachung gelungener gesellschaftlicher Prozesse ausgeglichen werden sollte.

Einordnung – Was das bedeutet

Einzuordnen ist die aktuelle Entwicklung als eine tiefgreifende Reaktion auf eine als instabil wahrgenommene Welt. Den Berichten zufolge ist die größte Sorge der Befragten der Krieg, der 85 Prozent der Menschen umtreibt. Besonders bei Männern wirkt sich diese Sorge direkt auf die Familienplanung aus, was laut Carmen Friedrich damit zusammenhängen könnte, dass Männer stärker von einer möglichen Einberufung zur Bundeswehr betroffen wären. An zweiter Stelle steht die Sorge um den Zustand der Demokratie in Deutschland, gefolgt vom Klimawandel. Diese Ängste führen dazu, dass der Kinderwunsch nicht mehr nur aufgeschoben wird, sondern die Entscheidung für Kinder grundlegend infrage gestellt wird. Ein weiterer kritischer Aspekt der Einordnung ist die biologische Komponente: Zwar können Paare den Kinderwunsch über Jahre hinweg verschieben, doch stößt diese Strategie an natürliche Grenzen. Wenn die Entscheidung für Kinder zu lange hinausgezögert wird, führt dies zwangsläufig dazu, dass aus dem Wunsch nach zwei Kindern biologisch bedingt nur noch ein Kind oder gar keines realisiert werden kann, was die Geburtenrate langfristig weiter unter Druck setzt.

Offene Fragen – Was bleibt unbeantwortet

Der Quelltext lässt einige Aspekte der demografischen Entwicklung offen, die für eine vollständige Analyse notwendig wären. So wird zwar die Korrelation zwischen Zukunftssorgen und sinkendem Kinderwunsch belegt, doch bleibt unklar, wie genau die Gewichtung zwischen den verschiedenen Krisen – Krieg, Klimawandel und Demokratiegefährdung – in den kommenden Jahren ausfallen wird, sollte sich eine dieser Krisen signifikant verschärfen oder abmildern. Ebenso fehlen konkrete Daten darüber, wie sich die unterschiedlichen sozioökonomischen Schichten innerhalb der 30.000 Befragten differenziert verhalten; die Studie liefert zwar Durchschnittswerte, lässt aber offen, ob bestimmte Bevölkerungsgruppen stärker oder schwächer auf die Krisen reagieren. Auch die Frage nach der Wirksamkeit spezifischer politischer Maßnahmen bleibt theoretisch: Es wird zwar empfohlen, Wohnraum und Betreuung zu verbessern, doch der Quelltext enthält keine Prognosen darüber, in welchem Ausmaß eine solche Verbesserung den „Fertility Gap“ tatsächlich schließen könnte, wenn die globalen Ängste (wie Krieg) weiterhin auf einem hohen Niveau verharren. Die langfristige Auswirkung der aktuellen psychologischen Belastung auf die Geburtenrate der nächsten Dekade bleibt somit eine offene Variable.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/hauser-mann-gehen-dorf-7132582/ · Foto: Ahmed akacha
Quelle: https://www.tagesschau.de/wissen/kinderwunsch-deutschland-wirklichkeit-100.html