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Rechte und Romantik: Warum die AfD mit ihrem Novalis-Kult das Werk des Dichters verfälscht
Kultur · 02.09.2026 20:02

Rechte und Romantik: Warum die AfD mit ihrem Novalis-Kult das Werk des Dichters verfälscht

Kurz: Die AfD versucht, den Dichter Novalis für ihre Zwecke zu vereinnahmen. Doch eine genaue Lektüre seines Werks entlarvt diese Interpretation als grobe Verfälschun

Was geschehen ist: Die politische Vereinnahmung eines Romantikers

Im Schloss Oberwiederstedt in Sachsen-Anhalt, dem Geburtsort des Dichters Friedrich von Hardenberg, besser bekannt als Novalis, formiert sich ein stiller Widerstand gegen eine politische Umdeutung. Während das Schloss seit Jahrzehnten als internationales Zentrum für Forschung und Bildung fungiert, hat die AfD das Werk des Dichters für ihre eigene Ideologie entdeckt. Der bildungspolitische Sprecher der Partei im Landtag von Sachsen-Anhalt, Hans-Thomas Tillschneider, erklärte die AfD kurzerhand zur „Partei der Romantik“. Er stützt sich dabei auf den angeblichen „Nationalgedanken“, den er in der Epoche verortet, und nutzt Symbole wie die berühmte „Blaue Blume“ aus dem Romanfragment „Heinrich von Ofterdingen“, um eine geistige Nähe zwischen der heutigen Partei und dem Dichter des 18. Jahrhunderts zu konstruieren. Dieser Versuch, einen der bedeutendsten deutschen Romantiker für rechts-außen-politische Zwecke zu instrumentalisieren, steht im krassen Widerspruch zur tatsächlichen inhaltlichen Ausrichtung der Texte von Novalis und wird von Experten als bewusste Verzerrung der historischen und literarischen Fakten eingestuft.

Die Einzelheiten: Von der Rose bis zum restaurierten Ahnengemälde

Das Schloss Oberwiederstedt ist ein Ort voller Geschichte. Eine „Novalis“-Rose, vor etwa 15 Jahren gezüchtet, blüht heute an der Schlossmauer, genau dort, wo der Dichter 1772 das Licht der Welt erblickte. Die Rettung des Schlosses ist das Verdienst der „IG Novalis“, einer Interessengemeinschaft, die in den letzten Jahren der DDR gegen den drohenden Abriss kämpfte und in rund 25.000 Arbeitsstunden das Gebäude sanierte. Nach der Enteignung 1945 war das Schloss als Flüchtlingsunterkunft und Altersheim genutzt worden, wobei wertvolle Bestände, darunter etwa 7800 Bilder, verloren gingen oder beschädigt wurden. Erst durch mühsame Arbeit konnten 14 Gemälde im Jahr 2010 und fünf weitere im letzten Jahr nach Oberwiederstedt zurückkehren. Diese Bilder, darunter Porträts von Georg Anton von Hardenberg und dessen Familie, zeugen von der rohen Behandlung, die sie nach der Enteignung erfuhren. Heute beherbergt das Schloss die Internationale Novalis-Gesellschaft und wird durch die Stiftung „Wege wagen mit Novalis“ unterstützt, die Forschung und Ausstellungen fördert.

Hintergrund: Ein Schloss zwischen Verfall und kultureller Wiedergeburt

Die Geschichte von Schloss Oberwiederstedt ist eng mit den politischen Umbrüchen in Deutschland verknüpft. Nach der Enteignung der Familie Hardenberg im Jahr 1945 verschwanden die beweglichen Güter in der Schloss Moritzburg. Viele der dort gelagerten Kunstwerke, darunter die Ahnengalerie, wurden über Jahrzehnte vernachlässigt, von Schädlingen befallen oder gar zerschnitten. Dass das Schloss heute überhaupt noch existiert, ist ein kleines Wunder, das dem zivilgesellschaftlichen Engagement der „IG Novalis“ zu verdanken ist. Die Sanierung des Gebäudes, das im 15. Jahrhundert errichtet wurde, ermöglichte es, den Ort wieder als Zentrum der Romantikforschung zu etablieren. Die Zusammenarbeit mit dem Jenaer Zentrum für Romantikforschung unterstreicht die wissenschaftliche Relevanz des Hauses. Die aktuelle Debatte um die politische Vereinnahmung durch die AfD trifft den Ort in einer Phase, in der er sich als weltoffenes Zentrum etabliert hat, das Menschen aus der ganzen Welt anzieht und weit entfernt von den engen, nationalistischen Deutungsmustern agiert, die Tillschneider propagiert.

Die Beteiligten: Akteure zwischen Forschung und politischer Rhetorik

Auf der einen Seite steht Hans-Thomas Tillschneider, der als bildungspolitischer Sprecher der AfD im Landtag von Sachsen-Anhalt die Deutungshoheit über die Romantik beansprucht. Er sieht in der Epoche eine Vorstufe des modernen Nationalismus und versucht, Novalis als Kronzeugen für diese Sichtweise zu gewinnen. Auf der anderen Seite stehen die Akteure der Internationalen Novalis-Gesellschaft, die ehrenamtlichen Helfer der „IG Novalis“ und die Stiftung „Wege wagen mit Novalis“. Sie alle setzen sich für eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Werk des Dichters ein. Der Journalist Jörg Scheller, der die AfD bereits 2019 für ihren selektiven Blick auf die Romantik kritisierte, bezeichnete die Romantiker als „hochgradig hybriden Haufen“ von Individuen, deren Heterogenität genau das Gegenteil dessen darstelle, was die AfD heute fordere. Diese Akteure betonen die Vielschichtigkeit und die Weltoffenheit, die das Leben und Schreiben von Novalis tatsächlich ausmachten.

Einordnung: Warum die Vereinnahmung inhaltlich scheitert

Einzuordnen ist der Versuch der AfD als ein selektives Herausgreifen von Symbolen, das die Substanz des Werkes ignoriert. Wer „Heinrich von Ofterdingen“ liest, stößt keineswegs auf eine abgeschottete, nationale Idylle. Den Berichten zufolge ist das Gegenteil der Fall: Das Werk ist geprägt von einer tiefen Sehnsucht nach dem Fremden, dem Süden und dem Osten. Novalis thematisiert den Austausch der Kulturen und lässt seine Protagonisten sogar die heilsame Wirkung von Migranten auf die mittelalterliche deutsche Heimat reflektieren. Besonders deutlich wird dies an der Figur der Zulima, deren Geschichte von der Sehnsucht nach einer Versöhnung der Religionen erzählt. Die christlichen Ritter werden dabei kritisch als „aggressiv“ hinterfragt. Die romantische Weltsicht, wie sie Novalis entwirft, ist von fließenden Grenzen zwischen Menschen und Welten geprägt. Die Behauptung, dies sei ein Beleg für einen engen Nationalismus, ist somit eine bewusste Umdeutung, die den Geist der Romantik ins Gegenteil verkehrt.

Offene Fragen: Was bleibt ungeklärt?

Der vorliegende Quelltext lässt einige Fragen offen, die für die weitere politische und kulturelle Auseinandersetzung von Bedeutung sein könnten. So wird nicht explizit beantwortet, wie die breite Öffentlichkeit in Sachsen-Anhalt auf den „Novalis-Kult“ der AfD reagiert, jenseits der fachlichen Kritik durch Experten und Journalisten. Auch bleibt offen, ob die AfD ihre Strategie der kulturellen Vereinnahmung nach der Kritik durch renommierte Institutionen wie die Internationale Novalis-Gesellschaft anpassen wird oder ob sie den Kurs der Umdeutung weiter forciert. Zudem wird nicht geklärt, welche konkreten Auswirkungen eine mögliche Regierungsbeteiligung der AfD auf die finanzielle Förderung oder die inhaltliche Ausrichtung kultureller Institutionen wie Schloss Oberwiederstedt hätte. Es wird zwar die Sorge vor einem Wahlsieg thematisiert, doch die direkten administrativen Konsequenzen für die Arbeit der Stiftung bleiben spekulativ, da der Quelltext keine offiziellen parteipolitischen Pläne für die Kulturförderung in diesem speziellen Bereich nennt.

Wie es weitergeht: Ein Ort im Fokus der Aufmerksamkeit

Die Auseinandersetzung um die Deutungshoheit über Novalis findet vor dem Hintergrund anstehender politischer Entscheidungen in Sachsen-Anhalt statt. Der kommende Sonntag wird als Termin genannt, an dem sich die politischen Mehrheitsverhältnisse verschieben könnten, was die Frage nach der Zukunft kultureller Institutionen wie Schloss Oberwiederstedt in den Fokus rückt. Die Internationale Novalis-Gesellschaft und die beteiligten Stiftungen werden ihre Arbeit der Erforschung und Vermittlung des Werkes fortsetzen, ungeachtet der politischen Versuche, das Erbe des Dichters für tagesaktuelle Debatten zu instrumentalisieren. Die Debatte zeigt, dass die Romantik kein abgeschlossenes Kapitel der Literaturgeschichte ist, sondern ein lebendiges Feld, das weiterhin umkämpft bleibt. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die wissenschaftliche Aufarbeitung und die weltoffene Ausrichtung des Schlosses ausreichen, um den politischen Vereinnahmungsversuchen dauerhaft entgegenzutreten und das Werk von Novalis in seiner tatsächlichen, komplexen Form zu bewahren.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/fenster-museum-estland-touristenziel-4285173/ · Foto: Una Laurencic
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/afd-und-novalis-der-kampf-um-die-symbolik-der-romantik-201178560.html