Eine unerwartete Abrechnung mit dem Epos
Christopher Nolans neueste Regiearbeit, eine aufwendige Adaption von Homers »Odyssee«, sorgt für hitzige Debatten. Während der mit 250 Millionen Dollar budgetierte Blockbuster technisch beeindruckt, erntet er nun von unerwarteter Seite massive Kritik. Emily Wilson, eine international renommierte Altphilologin und Professorin an der University of Pennsylvania, hat in der »London Review of Books« eine vernichtende Rezension veröffentlicht. Ihre Worte sind dabei besonders gewichtig, da sie nicht nur als Expertin gilt, sondern ihre eigene, viel beachtete Übersetzung des antiken Stoffes aus dem Jahr 2017 als direkte Inspirationsquelle für Nolans Projekt diente.
Fehlende Tiefe trotz hoher Ambitionen
Der Kern von Wilsons Kritik richtet sich nicht gegen die oft diskutierten historischen Details – etwa die Bauweise der Schiffe, die von manchen Kritikern als ungenau bemängelt wird. Wilson ordnet das Werk korrekt als Fantasydichtung ein, bei der solche Fragen zweitrangig sind. Ihr Vorwurf wiegt schwerer: Sie attestiert dem Film ein fundamentales Defizit an psychologischer, emotionaler, politischer und ethischer Substanz.
Nach Ansicht der Wissenschaftlerin gelingt es dem Regisseur nicht, die komplexen Themen des Originals – insbesondere den Umgang mit Zeit, Erinnerung und die Fragilität historischer Überlieferungen – in eine überzeugende filmische Erzählung zu übersetzen. Wilson beschreibt das Ergebnis als wirr und die Charaktere als unterentwickelt. In ihrer deutlichen Wortwahl geht sie sogar so weit zu sagen, sie würde sich schämen, einen solchen Teil zum Werk beigetragen zu haben.
Ein Kontrast zwischen Technik und Inhalt
Die Diskrepanz zwischen Nolans technischem Anspruch und der inhaltlichen Umsetzung scheint der Hauptpunkt des Zerwürfnisses zu sein. Während der Regisseur bei der Entwicklung seines Drehbuchs noch begeistert auf Wilsons Deutung des antiken Epos verwies, sieht die Philologin im fertigen Film das Gegenteil dessen, was sie mit ihrer Übersetzung zu vermitteln suchte.
Einzig den Schauwerten des Films kann Wilson eine ironische Anerkennung abgewinnen: Der Blockbuster bietet dem Publikum durchaus große Knalleffekte und visuell beeindruckende Riesen. Dass ein solch hochkarätig besetztes Projekt, das den Anspruch erhebt, einen Klassiker der Weltliteratur neu zu interpretieren, an der intellektuellen Tiefe scheitert, wirft ein Schlaglicht auf die Schwierigkeiten bei der Adaption antiker Stoffe für das moderne Kino.
Die Folgen für die Rezeption
Die harsche Kritik einer so eng mit dem Stoff verbundenen Expertin wie Wilson könnte die öffentliche Wahrnehmung des Films nachhaltig beeinflussen. Es stellt sich die grundsätzliche Frage, ob eine rein visuelle und technisch versierte Herangehensweise ausreicht, um einem Werk gerecht zu werden, das seit Jahrtausenden als Fundament für die Auseinandersetzung mit menschlicher Existenz und Geschichte dient.
Für das Publikum bleibt der Film ein polarisierendes Erlebnis: Die Spaltung zwischen der Bewunderung für das handwerkliche Spektakel und der Enttäuschung über die erzählerische Leere scheint vorprogrammiert. Ob Nolans »Odyssee« trotz dieser intellektuellen Kritik als Meilenstein wahrgenommen wird oder als eine verpasste Chance in die Filmgeschichte eingeht, wird die weitere Auseinandersetzung mit dem Werk zeigen.