Was geschehen ist – die Kernmeldung
Das renommierte Nationale Iwan-Franko-Schauspielhaus in Kiew hat mit einer besonderen Inszenierung der „Odyssee“ die neue Theatersaison eröffnet. Das Stück, das unter dem Titel „Odyssee. Meotida“ aufgeführt wird, markiert eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem aktuellen Krieg in der Ukraine. Die Premiere fand unter extremen äußeren Bedingungen statt: Trotz wiederholter Luftalarme, die das Publikum und die Akteure zwangen, den Beginn der Vorstellung um anderthalb Stunden zu verzögern, wurde das Stück schließlich gezeigt. Der Direktor des Theaters traf vor Beginn eine ungewöhnliche Vereinbarung mit dem Publikum: Die Vorstellung sollte trotz laufender Alarme nicht unterbrochen werden, wobei es jedem Zuschauer freigestellt blieb, den Schutzraum aufzusuchen. Diese Entscheidung unterstreicht die Dringlichkeit und den symbolischen Charakter des Abends, der anlässlich des 170. Geburtstages von Iwan Franko stattfand. Die Inszenierung ist eine Kooperation zwischen dem Nationaltheater und dem 1. Korps der Nationalgarde „Asow“. Sie thematisiert nicht nur den klassischen Stoff von Homer, sondern verknüpft diesen mit der traumatischen Realität der besetzten Stadt Mariupol, die im Stück als das neue Ithaka fungiert. Es ist ein Abend, der die Grenzen zwischen antiker Mythologie und zeitgenössischem Leid bewusst verwischt, um die kollektive Erfahrung der Ukraine in einer Weise zu reflektieren, die über rein dokumentarische Ansätze hinausgeht.
Die Einzelheiten der Inszenierung
Die Inszenierung unter der Regie von Iwan Urywskyj stützt sich auf eine Dramaturgie von Olexij Dorytschewskyj, der für die Textgrundlage zahlreiche Interviews mit Verteidigern von Mariupol führte. Von Homers Originaltext, basierend auf der Übersetzung von Borys Ten, wurde lediglich etwa ein Drittel beibehalten, insbesondere die Abschnitte rund um die Rückkehr und die Figur der Penelope. Auf der Bühne verzichten die Macher weitgehend auf die Darstellung von Uniformen, um den Fokus auf die menschliche Ebene zu legen. Die Rolle des Odysseus wird von zwei Akteuren geteilt: Akmal Hurjesow, einem bekannten Ensemblemitglied des Franko-Theaters, und Danylo Mireschkin, einem aktiven Soldaten des Asow-Korps, der seit 2022 im Dienst steht. Die Rolle der Penelope wird von zwei Darstellerinnen verkörpert, was die Vielschichtigkeit der wartenden Frauen symbolisiert. Visuell wird das Stück durch technische Elemente wie einen metallenen, krabbenartigen Roboter, ferngesteuerte Wagen und Drohnen ergänzt. Die Figur des Poseidon wird als glitzernd blaue Gestalt mit Fischleib dargestellt, die aus einer Röhre auftaucht. Die Bühne nutzt zudem Projektionen auf transparenten Stoffen, um geisterhafte Effekte zu erzielen. Ein zentrales Element ist die Aufschrift „Wir sind alle hier“ an einer Tür, eine direkte Referenz auf die Videobotschaft von Präsident Wolodymyr Selenskyj vom 26. Februar 2022.
Hintergrund und Entstehungsgeschichte
Die Idee zu dieser speziellen „Odyssee“-Adaption stammte ursprünglich aus dem 1. Korps der Nationalgarde „Asow“ selbst. Das Bataillon, das 2014 aus rechtsextremen Milieus hervorging und später in die Nationalgarde integriert wurde, erlangte durch die Verteidigung von Mariupol weltweite Bekanntheit als Symbol des ukrainischen Widerstands. Die Zusammenarbeit mit dem Kiewer Nationaltheater stellt eine bewusste Entscheidung dar, die Geschichte des Bataillons in den Kontext der nationalen Mythologie zu rücken. Der Dramatiker Olexij Dorytschewskyj, der selbst als Schauspieler am Kiewer Theater am linken Ufer tätig war, bevor er zu Beginn der Invasion eingezogen wurde, verarbeitete in dem Stück seine eigene Erfahrung der Trennung und des andauernden Militärdienstes. Die Wahl des antiken Stoffes dient dabei als Schutzschild: Laut Dorytschewskyj ist das Trauma des aktuellen Krieges zu frisch, um es direkt und ungefiltert abzubilden. Die „Odyssee“ bietet den notwendigen ästhetischen Abstand, um über Themen wie Verlust, Warten und die Unmöglichkeit einer einfachen Rückkehr zu sprechen. Die Umbenennung in „Meotida“ – der altgriechische Name des Asowschen Meeres – verankert den Mythos fest in der ukrainischen Geografie und macht das besetzte Mariupol zum emotionalen Zentrum der Erzählung.
Die Beteiligten und ihre Rollen
Die Produktion ist ein Gemeinschaftsprojekt des Nationalen Iwan-Franko-Schauspielhauses und des 1. Korps der Nationalgarde „Asow“. Regisseur Iwan Urywskyj zeichnet für die künstlerische Umsetzung verantwortlich, während Olexij Dorytschewskyj das Drehbuch verfasste. Auf der Bühne stehen Akmal Hurjesow und Danylo Mireschkin, die gemeinsam die Figur des Odysseus bilden. Die Besetzung der Penelope durch zwei Darstellerinnen unterstreicht die kollektive Erfahrung ukrainischer Frauen, deren Angehörige an der Front kämpfen, in Gefangenschaft geraten sind oder als vermisst gelten. Die Einbindung von aktiven Militärangehörigen wie Mireschkin in die Produktion verleiht dem Stück eine besondere Authentizität. Mireschkin betont, dass die Ukraine durch den Krieg eine Erfahrung sammelt, die über das rein Militärische hinausgeht und eine tiefere Reflexion erfordert, die auch für ein internationales Publikum von Bedeutung sein könnte. Die Institutionen – das Theater als Ort der kulturellen Identitätsstiftung und die Nationalgarde als Verteidigerin des Territoriums – verschmelzen hier zu einer Einheit, die den Anspruch erhebt, den Mythos nicht nur zu interpretieren, sondern ihn im Kontext der aktuellen nationalen Existenz neu zu definieren.
Einordnung der künstlerischen Intention
Einzuordnen ist das Stück als ein Versuch, die Unumkehrbarkeit der durch den Krieg verursachten Veränderungen zu begreifen. Den Berichten zufolge geht es den Machern nicht um eine nostalgische Rückkehr in die Vergangenheit, sondern um die schmerzhafte Anerkennung, dass weder der Einzelne noch die Gesellschaft nach dem Krieg zu ihrem früheren Selbst zurückkehren können. Die „Odyssee“ wird hier nicht als Geschichte eines glücklichen Wiedersehens inszeniert, sondern als ein Prozess der dauerhaften Entfremdung. Das Stück verweigert bewusst die rührselige Auflösung; Odysseus kehrt weder heim, noch wird er als vermisst gemeldet – er bleibt ein Suchender, der sich in einem Zustand des permanenten Unterwegsseins befindet. Diese künstlerische Entscheidung spiegelt die aktuelle Lage in der Ukraine wider, in der viele Menschen in einer Zwischenwelt aus Hoffnung und Verlust leben. Die ständige Präsenz des Luftalarms während der Aufführung wirkt dabei wie eine reale Erweiterung der Bühne, die die Grenze zwischen der fiktiven Irrfahrt des Odysseus und der realen Bedrohung der Zuschauer aufhebt und das Theater zu einem Ort des kollektiven Aushaltens macht.
Offene Fragen und Lücken im Bericht
Der Quelltext lässt einige Aspekte der Produktion und der organisatorischen Hintergründe unbeantwortet. So bleibt unklar, wie die langfristige Finanzierung einer solchen Großproduktion unter Kriegsbedingungen sichergestellt wird und welche Rolle staatliche Fördergelder oder private Spenden dabei spielen. Auch die genaue Dauer der Probenzeit unter den erschwerten Bedingungen des Militärdienstes von Dorytschewskyj und Mireschkin wird nicht näher beleuchtet. Ebenso fehlen Informationen darüber, wie das Stück von der breiteren ukrainischen Öffentlichkeit aufgenommen wurde und ob es Pläne für Gastspiele außerhalb von Kiew gibt. Die Frage, wie die künstlerische Freiheit in einer Kooperation mit einer militärischen Einheit wie dem Asow-Korps gewahrt bleibt, wird zwar in Bezug auf die Entstehungsidee gestreift, aber nicht tiefgreifend analysiert. Auch die spezifische Reaktion des Publikums auf die Entscheidung, die Vorstellung trotz Luftalarm fortzusetzen, wird nur in Ansätzen beschrieben. Die langfristigen Auswirkungen einer solchen Zusammenarbeit zwischen Kulturinstitutionen und Militäreinheiten auf das kulturelle Klima in der Ukraine bleiben ebenfalls ein Thema, das der Quelltext lediglich andeutet, aber nicht weiter ausführt.
Wie es weitergeht
Die Spielzeit am Iwan-Franko-Theater hat mit der Premiere der „Odyssee“ begonnen, doch die Zukunft der Inszenierung bleibt, wie das Stück selbst, von den unvorhersehbaren Bedingungen des Krieges abhängig. Da der Dienst von Olexij Dorytschewskyj an der Front andauert und auch Danylo Mireschkin als Soldat aktiv ist, ist die Verfügbarkeit der zentralen Akteure und Schöpfer nicht garantiert. Weitere Aufführungstermine werden vermutlich kurzfristig und unter Vorbehalt der Sicherheitslage in Kiew geplant. Die Produktion steht symbolisch für eine Spielzeit, die sich der Auseinandersetzung mit dem Krieg verpflichtet fühlt. Es ist zu erwarten, dass das Theater weiterhin als Ort der Reflexion dient, wobei die „Odyssee“ als Leitmotiv für die kommenden Monate fungieren könnte. Ob und wie das Stück in den kommenden Monaten weiterentwickelt wird oder ob es in dieser Form ein einmaliges Zeugnis bleibt, hängt maßgeblich von der weiteren militärischen Entwicklung und der Sicherheitslage in der Hauptstadt ab. Die Entscheidung, das Stück trotz der Widrigkeiten aufzuführen, setzt ein klares Signal für die Fortführung des kulturellen Lebens unter extremen Bedingungen.