Ein Abend unter dem Vorzeichen des Krieges
Es war der dritte Anlauf, die Inszenierung „Odyssee“ am Nationalen Iwan-Franko-Schauspielhaus in Kiew zur Aufführung zu bringen. Zweimal zuvor mussten die Vorstellungen aufgrund der prekären Sicherheitslage abgesagt werden. Auch an diesem Abend begann das Geschehen mit einer bedrohlichen Realität: Luftalarm. Während über der ukrainischen Hauptstadt Drohnen kreisten und an verschiedenen Orten Abwehrmaßnahmen der Luftverteidigung zu hören waren, musste das Publikum anderthalb Stunden lang vor den verschlossenen Türen des Theaters ausharren. Doch an diesem Abend sollte das Stück nicht erneut ausfallen. Als sich die Türen endlich öffneten, trat der Theaterdirektor vor das Publikum und unterbreitete einen ungewöhnlichen Pakt: Die Vorstellung würde ungeachtet weiterer Alarme fortgesetzt werden. Wer sich in Sicherheit bringen wolle, könne den Schutzraum aufsuchen, doch das Stück werde auf der Bühne weiterlaufen. Die Verantwortung für das Verbleiben im Saal trage jeder Zuschauer selbst. Unter beinahe ununterbrochenem Alarm begann somit eine Aufführung, die das Theater als einen Ort des Widerstands und der Auseinandersetzung mit der aktuellen Lage definierte.
Die Inszenierung und ihre Akteure
Das Stück, das unter dem Titel „Odyssee. Meotida“ die Spielzeit des Franko-Theaters anlässlich des 170. Geburtstages seines Namensgebers Iwan Franko eröffnete, ist das Ergebnis einer außergewöhnlichen Kooperation. Es handelt sich um eine Gemeinschaftsproduktion des Nationaltheaters und des 1. Korps der Nationalgarde „Asow“. Die Idee zu diesem Projekt stammte direkt aus den Reihen des Korps. Regie führte Iwan Urywskyj, für den es die erste Arbeit ist, die sich explizit mit dem Krieg auseinandersetzt, und zugleich die erste Zusammenarbeit mit Militärangehörigen. Auf der Bühne sind Uniformen dabei kaum zu sehen. Die Besetzung der Hauptrolle des Odysseus spiegelt die Realität der Produktion wider: Die Rolle wird von zwei Männern geteilt. Einer ist Akmal Hurjesow, ein renommierter Darsteller des Hauses und langjähriger künstlerischer Partner Urywskyjs. Der andere ist Danylo Mireschkin, der seit 2022 als Soldat bei der Asow-Einheit dient. Damit steht ein Berufsschauspieler neben einem Mann, der den Krieg aus eigener Erfahrung kennt.
Der Mythos als Spiegel der Gegenwart
Die „Odyssee“ wird in dieser Fassung nicht als klassisches Dokumentartheater präsentiert. Der Dramatiker Olexij Dorytschewskys, der selbst Schauspieler am Kiewer Theater am linken Ufer war und zu Beginn der Invasion eingezogen wurde, hat zahlreiche Interviews mit Verteidigern von Mariupol geführt. Dennoch bildet das Stück diese Zeugnisse nicht eins zu eins ab. Von Homers Epos, das in der Übersetzung von Borys Ten herangezogen wurde, ist lediglich etwa ein Drittel des Textes erhalten geblieben, primär die Rückkehr-Thematik und der engere Kreis um Odysseus. Der antike Stoff dient als notwendiger Abstandshalter, da das Trauma des aktuellen Krieges für eine direkte Darstellung noch zu frisch ist. „Meotida“, der altgriechische Name des Asowschen Meeres, rückt dabei in den Mittelpunkt. Mariupol wird zum Ithaka des Abends, ein Ort, der für das Asow-Regiment den Ausgangspunkt ihrer Geschichte markiert und der seit 2022 unter russischer Besatzung steht. Das Meer fungiert als verbindendes Element zwischen den Welten von Odysseus und Penelope.
Die Zerrissenheit der Protagonisten
Die Inszenierung zeigt zwei Welten, die einander nie wirklich erreichen. Auf der einen Seite stehen die Brüder auf ihrem Weg in den Krieg, auf der anderen Seite Penelope, die sich in einer Welt der Umwerbung und des Wartens befindet. Sie kommunizieren nur in Gedanken, eine Darstellung, die die emotionale Distanz zwischen einer Soldatenfrau und ihrem kämpfenden Ehemann verdeutlicht. Die Rolle der Penelope wird von zwei Darstellerinnen verkörpert, was die kollektive Erfahrung ukrainischer Frauen symbolisiert, deren Angehörige vermisst, in Gefangenschaft oder an der Front sind. Die Zumutung der Heimkehr wird hier als unmöglich dargestellt, da eine Rückkehr zum alten Leben ausgeschlossen ist. Sowohl Odysseus als auch Penelope haben sich durch die Erfahrungen des Krieges grundlegend verändert. Das Stück thematisiert die Anerkennung dessen, was unwiederbringlich verloren ist, anstatt eine nostalgische Wiederherstellung der Vergangenheit zu inszenieren. Die Heimkehr bedeutet hier nicht Ankunft, sondern das Akzeptieren einer neuen, schmerzhaften Realität.
Symbolik und technisches Setting
Die visuelle Gestaltung des Abends ist von einer Mischung aus antiken Motiven und moderner Kriegstechnologie geprägt. Ein metallener, krabbenartiger Roboter durchquert die Bühne, ferngesteuerte Wagen und Drohnen unterstreichen die technisierte Natur des modernen Konflikts. Poseidon wird als glitzernde, fischartige Gestalt dargestellt, die aus einer Röhre steigt und in wechselnden Kostümen erscheint – ein Symbol für das Meer, das den Heimweg sowohl ermöglicht als auch verwehrt. In einer eindringlichen Szene in der Unterwelt wird Odysseus von seiner toten Mutter mit einem Löffel gefüttert, während riesige Projektionen ihrer Gesichter über der Szene schweben. Ein zentrales Element ist eine Tür mit der roten Aufschrift „Wir sind alle hier“. Dieser Satz ist in der Ukraine hochgradig politisch aufgeladen, da er auf eine Videobotschaft von Präsident Selenskyj aus dem Februar 2022 anspielt, mit der er Gerüchten über seine Flucht entgegentrat. Hier steht der Satz als Behauptung der Anwesenheit gegen das Verschwinden und Vergessen.
Einordnung der künstlerischen Intention
Einzuordnen ist das Stück als ein Versuch, den Krieg durch das Prisma der Mythologie zu reflektieren, ohne in die Falle der bloßen Dokumentation zu tappen. Den Berichten zufolge ist die Produktion ein bewusster Akt der Sinnstiftung. Das Asow-Bataillon, das 2014 aus einem rechtsextremen Milieu hervorging und später in die Nationalgarde integriert wurde, wird hier nicht ausgeblendet, sondern explizit als Ausgangspunkt gewählt. Danylo Mireschkin betont, dass die Ukraine derzeit eine Erfahrung sammle, die für die Welt von Bedeutung sei – nicht nur die Kriegserfahrung selbst, sondern die Fähigkeit, diese reflektiert zu verarbeiten. Die Inszenierung verweigert dabei bewusst die rührselige Auflösung. Es gibt kein Wiedersehen mit dem Sohn, keine emotionale Erlösung durch eine glückliche Ankunft. Odysseus bleibt ein Suchender, der sich in einem permanenten Zustand der Reise befindet. Das Stück ist somit ein Zeugnis der ukrainischen Widerstandsfähigkeit und eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Nichtumkehrbarkeit historischer Zäsuren.
Offene Fragen und Leerstellen
Der vorliegende Bericht lässt einige Aspekte der Produktion unbeantwortet. So bleibt unklar, wie die spezifische Zusammenarbeit zwischen den zivilen Theaterschaffenden und den Militärangehörigen des 1. Korps der Nationalgarde im Detail organisiert wurde, abgesehen von der gemeinsamen Idee. Auch die genaue Dauer des Stücks oder die spezifische Auswahl der Szenen aus Homers Epos über das bereits erwähnte Drittel hinaus werden nicht weiter präzisiert. Ebenso bleibt offen, wie das internationale Publikum oder Kritiker auf die explizite Einbindung des Asow-Regiments reagieren, da der Text sich primär auf die interne Perspektive und die künstlerische Intention konzentriert. Die Frage, ob weitere Aufführungen unter den gleichen Sicherheitsbedingungen geplant sind oder ob das Theater für künftige Produktionen andere Sicherheitskonzepte entwickelt, wird ebenfalls nicht explizit thematisiert. Die Lücke zwischen der künstlerischen Darstellung und der politischen Wahrnehmung des Asow-Regiments bleibt im Text als ein Spannungsfeld bestehen, das zwar benannt, aber nicht in seiner vollen Komplexität analysiert wird.
Ausblick auf den weiteren Verlauf
Für das Kiewer Iwan-Franko-Theater markiert diese Inszenierung den Beginn einer neuen Spielzeit unter extremen Bedingungen. Da Odysseus am Ende des Abends weder heimgekehrt noch vermisst ist, sondern seine Reise fortsetzt, spiegelt dies den aktuellen Zustand des Landes wider. Mariupol bleibt besetzt, und der Krieg dauert an. Die Inszenierung endet ohne eine Auflösung, was den Anspruch unterstreicht, dass der Weg für die Ukraine weitergeht. Es gibt keine Informationen über geplante Gastspiele oder eine Ausweitung des Projekts. Die Ankündigung des Direktors, den Spielbetrieb trotz Luftalarm aufrechtzuerhalten, setzt jedoch ein klares Signal für die Fortführung des kulturellen Lebens in Kiew. Die Entscheidung, das Stück trotz der ständigen Bedrohung zu zeigen, bleibt eine tägliche Abwägung zwischen künstlerischer Notwendigkeit und der physischen Sicherheit der Beteiligten und des Publikums. Die „Odyssee“ bleibt somit ein offenes Projekt, das eng mit dem weiteren Verlauf des Krieges und der persönlichen Geschichte der beteiligten Soldaten und Schauspieler verknüpft ist.