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Michael Martin: 1&1 hofft weiter auf Vorteile mit Open RAN
Technik · 03.09.2026 19:07

Michael Martin: 1&1 hofft weiter auf Vorteile mit Open RAN

Kurz: 1&1-Mobilfunkchef Michael Martin äußert sich kritisch zur aktuellen Leistungsfähigkeit von Open RAN und räumt Herausforderungen bei Effizienz und Kosten ein.

Was geschehen ist – die Kernmeldung

Am 1. September 2026 äußerte sich Michael Martin, der CEO von 1&1 Mobilfunk, im Rahmen des traditionellen O-RAN-Updates auf der IFA in Berlin kritisch über den aktuellen Stand der Open-RAN-Technologie. Die Kernbotschaft des Mobilfunk-Managers ist dabei von einer bemerkenswerten Offenheit geprägt: Bislang kann das Unternehmen keine nennenswerten Vorteile aus der Nutzung dieses speziellen Architekturkonzepts ziehen. Während Open RAN ursprünglich als technologischer Befreiungsschlag gegen die etablierte Marktdominanz großer Netzausrüster konzipiert war, gestaltet sich die praktische Umsetzung für 1&1 als herausfordernd. Martin betonte, dass der theoretische Vorteil, Komponenten verschiedener Hersteller flexibel austauschen zu können, in der Realität bisher nicht realisiert werden konnte. Statt einer technologischen Revolution sieht sich das Unternehmen mit einer Architektur konfrontiert, die in der Anwendung teurer und energieintensiver ist als etablierte proprietäre Systeme. Diese Einschätzung markiert eine deutliche Distanzierung von den ursprünglichen Versprechen, die mit der Einführung von Open RAN verbunden waren, und wirft ein Schlaglicht auf die Schwierigkeiten beim Aufbau des vierten deutschen Mobilfunknetzes.

Die Einzelheiten der technologischen Herausforderungen

Michael Martin verdeutlichte die Problematik anhand konkreter technischer Parameter. Ein zentraler Punkt ist die Energieeffizienz. Während etablierte Ausrüster wie Ericsson, Nokia oder Huawei hochspezialisierte ASICs verwenden, die exakt auf Mobilfunkalgorithmen optimiert sind und einen minimalen Stromverbrauch pro übertragenem Bit aufweisen, setzt Open RAN auf handelsübliche x86- oder ARM-Server. Diese Prozessoren benötigen bei komplexen Signalverarbeitungsprozessen bauartbedingt deutlich mehr Rechenleistung und somit mehr Energie. Besonders in städtischen Gebieten, wo Massive MIMO zum Einsatz kommt, wird dieser Nachteil deutlich. Martin räumte ein, dass das Ziel, eine Latenz von einer Millisekunde oder weniger zu erreichen, nur mit einem erheblichen Aufwand möglich wäre. Dafür müsste in jedes Rechenzentrum der Backend-Core eingebaut werden, was bisher lediglich an vier Standorten realisiert wurde. Diese Lösung bezeichnete der CEO als schlichtweg zu teuer. Zudem betonte er, dass die versprochene Offenheit des Systems in der Praxis kaum existiert, da das Ökosystem faktisch von westlichen Allianzpartnern und den USA kontrolliert wird.

Hintergrund und bisheriger Verlauf

Der Aufbau des vierten deutschen Mobilfunknetzes durch 1&1 war von Beginn an eng mit der Vision verknüpft, durch den Einsatz von Open RAN eine neue Ära der technologischen Unabhängigkeit und Innovation einzuläuten. Das Konzept sah vor, sich von der Abhängigkeit einzelner großer Anbieter zu lösen, indem man Komponenten verschiedener Hersteller in einem offenen Baukastensystem kombiniert. Über Jahre hinweg wurde dieses Modell als der Weg in die Zukunft des Mobilfunks propagiert. Doch der bisherige Verlauf zeigt, dass die Integration dieser verschiedenen Komponenten eine enorme technische Komplexität mit sich bringt. Während proprietäre Systeme durch eine perfekte Abstimmung von Antennen, Verstärkern, Basisband-Einheiten und Software glänzen, fehlt diese nahtlose Integration bei einem Baukasten-Ansatz. Die Erwartung, dass Open RAN als Katalysator für schnelle Innovationen dienen würde, hat sich bisher nicht erfüllt. Stattdessen sieht sich 1&1 in der Position, ein komplexes System zu verwalten, dessen ökonomische und energetische Vorteile noch immer auf sich warten lassen, während der Druck auf den Netzausbau stetig zunimmt.

Die Beteiligten und ihre Rollen

Im Zentrum der aktuellen Debatte steht Michael Martin, der als CEO von 1&1 Mobilfunk die strategische Ausrichtung des Unternehmens verantwortet. Seine Aussagen auf der IFA spiegeln eine nüchterne Fachkenntnis wider, die er sich unter anderem durch seine frühere Tätigkeit bei Sunrise Communication in der Schweiz erworben hat. Neben 1&1 als Netzbetreiber spielen die etablierten Ausrüster Ericsson, Nokia und Huawei eine entscheidende Rolle im Marktgefüge. Während Huawei als Marktführer durch eine tiefe vertikale Integration von Chipsätzen, Antennen und Software eine hohe Effizienz erreicht, fungiert die O-RAN Alliance als das Gremium, das den Rahmen für die offene Architektur vorgibt. Zudem ist Vodafone als National-Roaming-Partner von 1&1 involviert, wobei die vertraglichen Beziehungen hier maßgeblich für die operative Netzqualität sind. Robert Kozul, der die digitale Entwicklung bei 1&1 Telecommunication leitet, ergänzt das Bild durch seine Arbeit an nutzerorientierten Prozessen, etwa bei der eSIM-Bereitstellung, wobei auch hier die Grenzen zwischen technischer Vision und operativer Realität deutlich werden.

Einordnung der aktuellen Situation

Den Berichten zufolge ist die aktuelle Lage von 1&1 als eine Phase der Ernüchterung zu bewerten. Die Einordnung der Situation durch Michael Martin macht deutlich, dass Open RAN derzeit eher eine notwendige Bedingung für den Netzaufbau als ein echter Wettbewerbsvorteil ist. Es ist einzuordnen, dass die technologische Architektur zwar theoretisch Flexibilität bietet, diese jedoch durch die hohen Kosten für die Hardware und den erhöhten Energiebedarf konterkariert wird. Die Aussage, dass es sich um eine "billige Me-too-Technik" handele, unterstreicht die Skepsis gegenüber dem aktuellen Innovationspotenzial. Einzuordnen ist zudem, dass 1&1 den Fokus derzeit auf die Optimierung bestehender Prozesse legt, beispielsweise durch das bidirektionale Handover mit Vodafone. Dies deutet darauf hin, dass die operative Stabilität des Netzes aktuell Vorrang vor den ursprünglichen, hochfliegenden Ambitionen der Open-RAN-Architektur hat. Die Diskrepanz zwischen der ursprünglichen Vision einer offenen, innovativen Netzlandschaft und der aktuellen Realität der Kosten- und Energieproblematik ist das zentrale Merkmal dieser Phase.

Offene Fragen zur technologischen Zukunft

Der Quelltext lässt eine Reihe von Fragen unbeantwortet, die für die langfristige Strategie von 1&1 von entscheidender Bedeutung sind. So bleibt unklar, wie das Unternehmen den Zielkonflikt zwischen der angestrebten Energieeffizienz und der notwendigen Rechenleistung bei der Nutzung von Standard-Servern langfristig lösen will. Es wird nicht erläutert, ob und wann neue Generationen von Hardware oder eine verbesserte Software-Integration die derzeitigen Nachteile bei der Latenz und dem Stromverbrauch ausgleichen könnten. Ebenso bleibt offen, inwieweit die Abhängigkeit von den USA und westlichen Allianzpartnern bei der Kontrolle des Open-RAN-Ökosystems die strategische Flexibilität von 1&1 in den kommenden Jahren einschränken wird. Auch die Frage, ob das Unternehmen an der Open-RAN-Strategie festhält, weil es von der Technologie überzeugt ist, oder ob es sich aufgrund der bereits getätigten Investitionen in einer technologischen Sackgasse befindet, wird nicht explizit geklärt. Ebenso fehlen konkrete Zeitpläne, wann die "großen Innovationen", von denen Martin spricht, tatsächlich marktreif sein könnten.

Wie es weitergeht – operative Schritte

Für die nähere Zukunft zeichnet sich ab, dass 1&1 den Fokus auf die Verbesserung der bestehenden Netzqualität durch operative Maßnahmen legt. Ein wesentlicher Schritt ist der Ausbau des bidirektionalen Handovers, das mit dem Partner Vodafone bereits bundesweit implementiert wurde. Dies ermöglicht es, dass Kunden bei einem Wechsel zwischen dem 1&1-Netz und dem Roaming-Netz nicht mehr im Partnernetz verbleiben, wenn sie sich wieder in der Nähe eines eigenen 1&1-Sendemastes befinden. Dies führt zu direkten Einsparungen bei den Roaming-Gebühren. Zudem arbeitet die Abteilung für digitale Entwicklung unter Robert Kozul an der Vereinfachung von Provider-Wechseln, etwa durch die Bereitstellung von eSIMs in drei Minuten, wobei hier jedoch Einschränkungen bei der Rufnummernmitnahme bestehen. Die weitere Entwicklung des Netzes hängt maßgeblich davon ab, ob es gelingt, die hohen Kosten für die dezentralen Rechenzentren zu senken und die Effizienz der Signalverarbeitung im Open-RAN-Kontext signifikant zu steigern. Termine für die Einführung neuer, effizienterer Hardware-Komponenten wurden nicht genannt.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/nahaufnahme-des-smartphones-254311/ · Foto: Caio
Quelle: https://www.golem.de/news/michael-martin-1-1-hofft-weiterhin-irgendwann-auf-vorteile-mit-open-ran-2609-212632.html