Eine nüchterne Bestandsaufnahme der Mobilfunk-Strategie
Am Rande der IFA 2026 in Berlin hat Michael Martin, der CEO von 1&1 Mobilfunk, eine bemerkenswert offene und kritische Bilanz zur Open-RAN-Technologie gezogen. Während das Unternehmen einst mit dem Versprechen antrat, durch eine offene Architektur den Mobilfunkmarkt zu revolutionieren und sich von den Abhängigkeiten großer Netzausrüster zu befreien, zeigt sich in der aktuellen Praxis ein deutlich komplexeres Bild. Martin, der als erfahrener Fachmann gilt, räumte ein, dass die erhofften Vorteile der Technologie bislang nicht in dem Maße realisiert werden konnten, wie es die theoretischen Modelle versprachen. Die Kernbotschaft des 1&1-Chefs ist dabei eine Abkehr von der anfänglichen Euphorie: Open RAN wird derzeit nicht als der große Innovationstreiber wahrgenommen, als der es in der Branche lange Zeit gefeiert wurde. Stattdessen kämpft der Netzbetreiber mit den systembedingten Herausforderungen, die der Einsatz handelsüblicher Hardware in einer hochkomplexen Mobilfunkumgebung mit sich bringt. Die Veranstaltung am 1. September 2026 markierte damit einen Wendepunkt in der öffentlichen Kommunikation des Unternehmens, das nun deutlich realistischer auf den Status quo seines vierten deutschen Mobilfunknetzes blickt.
Die technischen Hürden und die Realität der Hardware
Die von Michael Martin dargelegten Herausforderungen betreffen insbesondere die Effizienz und die Leistungsfähigkeit der gewählten Architektur. Ein zentraler Punkt ist die Energiebilanz. Während etablierte Ausrüster wie Ericsson, Nokia oder Huawei auf hochspezialisierte ASICs setzen, die exakt auf Mobilfunkalgorithmen optimiert sind und somit einen minimalen Stromverbrauch pro übertragenem Bit aufweisen, greift das Open-RAN-Konzept auf Standard-Serverkomponenten zurück. Diese x86- oder ARM-Systeme sind zwar flexibel, benötigen jedoch für die komplexe Signalverarbeitung bauartbedingt deutlich mehr Rechenleistung und Energie. Besonders in städtischen Gebieten, wo die Technologie Massive MIMO zum Einsatz kommt, wird dieser Nachteil eklatant. Martin verdeutlichte, dass die angestrebte Latenz von einer Millisekunde oder weniger nur durch den Einbau des Backend-Cores in jedes einzelne Rechenzentrum erreicht werden könnte – ein Unterfangen, das bisher nur viermal umgesetzt wurde und laut Martin schlichtweg zu teuer ist. Die theoretische Flexibilität, Komponenten beliebig auszutauschen, konnte 1&1 in der Praxis bisher nicht in einen greifbaren wirtschaftlichen oder technologischen Vorteil übersetzen.
Der Hintergrund der technologischen Weichenstellung
Die Entscheidung für Open RAN war ursprünglich als Befreiungsschlag geplant, um die Marktdominanz der klassischen Netzwerkausrüster zu brechen. Das Konzept sah vor, durch offene Schnittstellen ein Ökosystem zu schaffen, in dem verschiedene Anbieter ihre Komponenten beisteuern können, ähnlich wie es aus der Welt der Open-Source-Software bekannt ist. Doch die Realität hat sich als deutlich restriktiver erwiesen. Entgegen der Bezeichnung als „offene“ Technologie wird das Ökosystem faktisch stark von den USA und westlichen Allianzpartnern kontrolliert. Die nahtlose Integration von Antennen, Signalverarbeitung und Steuerungssoftware, wie sie etwa bei Huawei durch eine tiefgreifende Abstimmung aller Komponenten erreicht wird, lässt sich im Baukastensystem von Open RAN nur schwer nachbilden. Für Netzbetreiber bedeutet dies, dass sie bei proprietären Lösungen von einer hohen Energieeffizienz profitieren, während sie bei Open RAN mit einem System kämpfen, das in der Abstimmung der Einzelkomponenten noch nicht die Reife der etablierten Wettbewerber erreicht hat. Dies stellt 1&1 vor die Herausforderung, eine Balance zwischen dem Wunsch nach technologischer Unabhängigkeit und der Notwendigkeit eines effizienten Netzbetriebs zu finden.
Akteure und die Dynamik der Netzbetreiber
In den Prozess sind verschiedene Akteure eingebunden, deren Rollen Michael Martin bei seinem Update beleuchtete. Neben 1&1 als Netzbetreiber spielen die Roaming-Partner eine entscheidende Rolle für die Kundenerfahrung. Besonders die Zusammenarbeit mit Vodafone hat sich in jüngster Zeit als ein wichtiger Faktor erwiesen. Durch die Implementierung eines bidirektionalen Handovers konnte 1&1 die Effizienz bei der Nutzung des National Roamings deutlich steigern. Zuvor war es für 1&1-Kunden oft schwierig, nach einem Wechsel in das Vodafone-Netz wieder in das eigene 1&1-Netz zurückzukehren, solange eine Datenverbindung bestand. Dies führte zu unnötigen Roaming-Gebühren. Durch die neuen vertraglichen Vereinbarungen mit Vodafone lässt sich der Datenverkehr nun wieder zurückholen, sobald eine 1&1-Antenne verfügbar ist. Martin betonte, dass diese Lösung bundesweit gut funktioniere und eine deutliche Verbesserung darstelle. Interessanterweise merkte er an, dass das Handover bei Vodafone, das teilweise auf Huawei-Technik setzt, technisch etwas reibungsloser funktioniere als bei Ericsson, was die Komplexität der Netzinteroperabilität unterstreicht.
Einordnung der aktuellen Situation
Einzuordnen ist die aktuelle Lage als eine Phase der Ernüchterung, in der die theoretischen Versprechen der Open-RAN-Architektur auf die harten Anforderungen eines produktiven Mobilfunknetzes treffen. Den Berichten zufolge ist das System für 1&1 derzeit eher eine infrastrukturelle Baustelle als ein Innovationsmotor. Die Aussage von Michael Martin, dass Open RAN lediglich als „Zweck“ diene, um zukünftige Innovationen zu ermöglichen, deutet darauf hin, dass die unmittelbaren Vorteile ausbleiben. Die Technologie wird von Martin als eine Art „Me-too-Technik“ bezeichnet, die zwar existiert, aber im direkten Vergleich mit hochoptimierten proprietären Systemen energetisch und leistungstechnisch das Nachsehen hat. Die Einordnung der Situation durch den CEO lässt wenig Raum für kurzfristige Wunder. Vielmehr scheint das Unternehmen darauf zu setzen, dass sich das Fundament langfristig auszahlt, auch wenn der Weg dorthin deutlich steiniger und kostspieliger ist, als es die ursprünglichen Prognosen vermuten ließen. Die Abhängigkeit von teuren Rechenzentrums-Strukturen bleibt dabei das größte Hindernis für eine flächendeckende und wirtschaftliche Implementierung.
Die offenen Fragen und technologischen Lücken
Der Quelltext lässt eine Reihe von Fragen offen, die für die zukünftige Entwicklung von 1&1 von entscheidender Bedeutung sind. So bleibt unklar, wie genau das Unternehmen den finanziellen Mehraufwand durch den hohen Energieverbrauch der x86-Server langfristig kompensieren will. Ebenso wenig wird beantwortet, ob und wann die O-RAN Alliance tatsächlich eine echte Offenheit erreichen kann, die über die derzeitige Kontrolle durch westliche Partner hinausgeht. Eine weitere Lücke besteht in der Frage der Skalierbarkeit: Wenn der Ausbau des Backend-Cores in jedes Rechenzentrum aus Kostengründen bisher kaum realisiert werden konnte, wie soll dann die angestrebte Latenz von unter einer Millisekunde in einem nationalen Netz flächendeckend erreicht werden? Auch die Frage, welche spezifischen Innovationen 1&1 in Zukunft konkret plant, bleibt unbeantwortet. Martin räumte ein, dass man derzeit keine großen Innovationen vorweisen könne, was die Frage aufwirft, ob das Fundament ausreicht, um diese in absehbarer Zeit überhaupt zu ermöglichen, oder ob das Unternehmen in einer technologischen Sackgasse steckt.
Ausblick und zukünftige Schritte
Wie es für 1&1 weitergeht, hängt maßgeblich von der weiteren Entwicklung der Netzarchitektur und den vertraglichen Beziehungen zu den Roaming-Partnern ab. Das Unternehmen hält weiterhin am Ziel fest, durch Open RAN langfristig Vorteile zu generieren, auch wenn der Zeitplan hierfür vage bleibt. Ein konkreter Schritt war die Einführung des bidirektionalen Handovers, das nun bundesweit mit Vodafone umgesetzt ist. Weitere Schritte in diese Richtung könnten die Verhandlungen mit anderen Partnern wie Telefónica sein, mit denen bisher keine entsprechenden Vereinbarungen getroffen werden konnten. Auch die digitale Entwicklung des Providers schreitet voran, wie das Konzept des „einfachsten Provider-Wechsels“ zeigt. Robert Kozul, Leitung digitale Entwicklung bei 1&1 Telecommunication, stellte hierzu eine Lösung vor, bei der eine eSIM innerhalb von drei Minuten bereitgestellt werden kann. Allerdings räumte er ein, dass dies bei einer Rufnummernmitnahme aktuell noch nicht möglich ist. Die kommenden Monate werden zeigen, ob 1&1 die technischen Hürden bei Open RAN überwinden kann oder ob das Unternehmen gezwungen sein wird, seine Strategie grundlegend anzupassen, um nicht den Anschluss an die etablierten Netzbetreiber zu verlieren.