Ein musikalisches Ereignis: Konstantin Krimmels neues Album „Mélancolie“
Der Bariton Konstantin Krimmel hat mit seinem neuesten Album „Mélancolie“ ein bemerkenswertes Projekt vorgelegt, das in der Musikwelt für Aufsehen sorgt. Gemeinsam mit dem Pianisten Ammiel Bushakevitz stellt er eine Verbindung her, die sowohl musikalisch als auch kulturell tiefgreifend ist: Er konfrontiert die Lieder von Johannes Brahms mit den Werken von dessen engem Freund, dem rumänischen Komponisten Eusebius Mandyczewski. Die Veröffentlichung, die beim Label Alpha Classics erschienen ist, zeichnet sich besonders dadurch aus, dass Krimmel die „Rumänischen Lieder“ op. 7 von Mandyczewski erstmals in ihrer Originalsprache singt. Der Sänger, der sowohl in Rumänien als auch in Deutschland aufgewachsen ist, beweist hierbei erneut seine außergewöhnliche stimmliche Gestaltungskraft und seine Fähigkeit, komplexe emotionale Landschaften in Töne zu übersetzen. Das Album beginnt mit einer intensiven Dreiergruppe, in der unter anderem Brahms’ Vertonung von Detlev von Liliencrons „Auf dem Kirchhofe“ zu hören ist. Dabei zeigt sich Krimmels Fähigkeit, zwischen dramatischen Ausbrüchen und einer fast zerbrechlichen, choralartigen Zartheit zu pendeln, unterstützt durch das präzise und akzentuierte Klavierspiel von Bushakevitz.
Die Details: Hintergründe zu den Werken und der Aufnahme
Das Album „Mélancolie“ (Katalognummer Alpha 1258) ist das Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung mit dem europäischen Liedgut. Die „Rumänischen Lieder“ op. 7, die 1885 in Wien unter dem Titel „Cântece romănesci“ zweisprachig veröffentlicht wurden, bilden den Kern der Entdeckung. Die Texte stammen größtenteils von Vasile Alecsandri (1821–1890), einem Dichter, den Krimmel aufgrund seiner bildhaften Sprache und tiefen Naturverbundenheit besonders schätzt. Eusebius Mandyczewski, 1857 nahe Czernowitz geboren, war eine Schlüsselfigur der Wiener Musikszene. Er studierte bei Gustav Nottebohm und Eduard Hanslick. Sein Wirken umfasst nicht nur eigene Kompositionen wie orthodoxe Messen und Liederzyklen, sondern auch eine bedeutende editorische Arbeit: Er initiierte die ersten Gesamtausgaben der Werke von Joseph Haydn, Franz Schubert und Johannes Brahms. Die Zusammenarbeit zwischen Krimmel und dem israelisch-südafrikanischen Pianisten Ammiel Bushakevitz ist dabei als kongenial zu bezeichnen. Bushakevitz begleitet den Bariton mit einer pianistischen Ausdruckskraft, die den anbrandenden Meereswellen in der Musik standhält und gleichzeitig eine feine, unterstützende Basis für Krimmels Legato-Gesang bietet.
Historische Wurzeln und die Freundschaft zu Brahms
Die Verbindung zwischen Johannes Brahms und Eusebius Mandyczewski war weit mehr als eine rein berufliche Bekanntschaft; sie waren eng befreundet bis zum Tod des großen Komponisten. Beide teilten eine ähnliche Auffassung vom Kunstlied, die maßgeblich durch die Auseinandersetzung mit dem Volkslied geprägt war. Auch die Vorliebe für eine melancholisch gestimmte Lyrik verband die beiden Wahl-Wiener. Mandyczewski, der aus einer rumänisch-orthodoxen Priesterfamilie stammte, brachte durch seine Herkunft und seine Ausbildung am deutschen Gymnasium in Czernowitz eine einzigartige kulturelle Prägung in den Wiener Musikbetrieb ein. Die Entscheidung, diese Lieder nun in der Originalsprache aufzunehmen, ist ein bewusster Schritt, um die Authentizität und den spezifischen Charakter der Vertonungen hervorzuheben. Die Musikwissenschaft und die Praxis des Kunstliedes profitieren von dieser Einspielung, da sie ein Repertoire zugänglich macht, das lange Zeit im Schatten der bekannteren deutschen Lieder stand, obwohl es in der Tradition der europäischen Liedkunst fest verwurzelt ist.
Die Akteure: Konstantin Krimmel und Ammiel Bushakevitz
Konstantin Krimmel hat sich in den vergangenen Jahren als einer der profiliertesten Liedsänger seiner Generation etabliert. Bekannt für seine stilistische Vielseitigkeit, hat er bereits mit Einspielungen wie „Saga“, „Zauberoper“ oder „Mythos“ überzeugt. Seine Offenheit für ein breites Repertoire zeigte sich bereits in einer Livedarbietung von Valentin Silvestrovs „Silent Songs“ mit Hélène Grimaud. Er gilt als ein Sänger, der mit seiner Stimme ganze Welten aufbauen kann. Ammiel Bushakevitz, der als Liedbegleiter international geschätzt wird, erweist sich auf „Mélancolie“ als idealer Partner. Die Zusammenarbeit der beiden Musiker ist geprägt von einem tiefen Verständnis für die Nuancen der Texte und der Musik. Während Krimmel die fremd klingenden Diphthonge des Rumänischen mit einer natürlichen Schönheit ausstattet, sorgt Bushakevitz für die rhythmische und harmonische Stabilität. Sie agieren als Einheit, die auch ohne Kenntnis der rumänischen Sprache den Inhalt und Charakter der Lieder für den Hörer unmittelbar erfahrbar macht.
Einordnung der künstlerischen Leistung
Einzuordnen ist das Album als ein wichtiger Beitrag zur Wiederentdeckung und Würdigung des europäischen Liedschaffens jenseits der bekannten Pfade. Den Berichten zufolge gelingt es Krimmel, die poetischen Naturbilder – von vergänglichem Glück bis zur nostalgischen Liebe – in einer Weise zu entfalten, die suggestiv und zugleich völlig ungezwungen wirkt. Besonders hervorzuheben ist die stimmliche Qualität: Krimmels Bariton klingt in jeder Lage kontrolliert, sei es in den kräftigen Fortissimo-Passagen oder in den lichten Höhen. Sein Vibrato wirkt dabei nie gekünstelt, sondern stets belebend. Die Entscheidung, Mandyczewskis Lieder den Werken von Brahms gegenüberzustellen, erweist sich als dramaturgisch klug. Die beiden Liedgruppen ergänzen sich ideal, da sie auf derselben ästhetischen Basis stehen, aber durch die unterschiedlichen Sprachen und kulturellen Hintergründe eine spannende Reibungsfläche bieten. Das Album ist somit nicht nur ein Dokument für die Stimmkunst von Konstantin Krimmel, sondern auch ein Zeugnis für die Qualität der Kompositionen Mandyczewskis, die eine größere Aufmerksamkeit verdienen.
Offene Fragen und Lücken in der Dokumentation
Obwohl das Album „Mélancolie“ einen tiefen Einblick in das Schaffen von Eusebius Mandyczewski bietet, bleiben einige Aspekte im Dunkeln. Der vorliegende Quelltext gibt beispielsweise keine Auskunft darüber, ob weitere geplante Aufnahmen von Mandyczewskis umfangreichem Werk (das über zweihundert rumänische Volkslieder umfasst) durch Krimmel oder andere Interpreten folgen werden. Auch bleibt offen, wie die Rezeption der rumänischen Originaltexte durch ein primär deutschsprachiges Publikum in der Praxis bewertet wird, da der Text lediglich die künstlerische Qualität und die intuitive Verständlichkeit betont. Ebenso fehlen konkrete Details zur Auswahl der spezifischen Lieder: Warum genau diese Auswahl getroffen wurde und ob es noch unveröffentlichte Manuskripte gibt, die für dieses Projekt in Betracht gezogen wurden, wird nicht explizit thematisiert. Die Lücken betreffen also vor allem die zukünftige wissenschaftliche oder diskografische Aufarbeitung des restlichen Œuvres von Mandyczewski, das weit über die hier präsentierte Auswahl hinausgeht.