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Sven Regener über Berlin: »Die Arschgeigenquote auf der Welt ist überall gleich und liegt bei 20 bis 30 Prozent«
Kultur · 01.09.2026 14:18

Sven Regener über Berlin: »Die Arschgeigenquote auf der Welt ist überall gleich und liegt bei 20 bis 30 Prozent«

Kurz: Sven Regener blickt in seinem neuen Roman auf das West-Berlin der Achtzigerjahre zurück und räumt mit nostalgischen Verklärungen der damaligen Zeit auf.

Ein Blick zurück auf das West-Berlin der Achtzigerjahre

Der bekannte Autor und Musiker Sven Regener hat sich in seinem neuesten literarischen Werk intensiv mit der Ära des West-Berlins der Achtzigerjahre auseinandergesetzt. In einem ausführlichen Gespräch mit dem Journalisten Wolfgang Höbel, das am 1. September 2026 veröffentlicht wurde, beleuchtet Regener die spezifische Atmosphäre dieser Zeit. Dabei geht es ihm vor allem darum, den oft romantisierten Blick auf das damalige Berlin kritisch zu hinterfragen. Viele Menschen neigen dazu, die Achtzigerjahre als eine besonders wilde, freie und kreative Phase zu idealisieren, die im krassen Gegensatz zur heutigen politischen Situation in der Hauptstadt steht. In der aktuellen Debatte wird Berlin oft als eine Stadt beschrieben, in der die Politik lediglich das Scheitern verwaltet. Regener widerspricht dieser Sichtweise jedoch entschieden. Er zeigt auf, dass die Wahrnehmung der Vergangenheit oft durch einen nostalgischen Filter verzerrt wird, der die tatsächlichen Lebensumstände und die damaligen gesellschaftlichen Spannungen ausblendet. Sein Roman dient somit als ein Korrektiv zu der verbreiteten Vorstellung, dass früher alles grundsätzlich besser oder authentischer gewesen sei. Stattdessen zeichnet er ein differenzierteres Bild, das die Komplexität des urbanen Lebens in einer geteilten Stadt einfängt.

Die Arschgeigenquote als universelles Phänomen

Ein zentraler Punkt in den Ausführungen von Sven Regener ist seine Einschätzung zum menschlichen Miteinander, unabhängig von Ort und Zeit. Er vertritt die provokante, aber zugleich nüchterne These, dass die sogenannte „Arschgeigenquote“ auf der Welt überall gleich sei. Seinen Berechnungen zufolge liege dieser Anteil an unangenehmen Zeitgenossen konstant bei etwa 20 bis 30 Prozent. Diese Beobachtung zieht sich wie ein roter Faden durch seine Betrachtungen über Berlin, sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart. Regener macht deutlich, dass man sich nicht der Illusion hingeben sollte, dass eine bestimmte Ära oder ein spezifischer Ort von solchen Dynamiken befreit gewesen wäre. Auch im West-Berlin der Achtzigerjahre, das oft als Hort der Subkultur und der individuellen Freiheit gefeiert wird, gab es laut Regener keine grundlegend andere menschliche Zusammensetzung als heute. Diese Aussage relativiert den Mythos der „guten alten Zeit“ erheblich. Es ist eine Einordnung, die den Fokus weg von der bloßen Verklärung hin zu einer realistischen Betrachtung menschlicher Verhaltensweisen lenkt. Die Quote bleibt stabil, egal ob man sich in den besetzten Häusern der Achtziger oder in den modernen Bürogebäuden des heutigen Berlins bewegt.

Die Realität hinter den Mauern

Ein weiterer wesentlicher Aspekt des Gesprächs ist die kritische Auseinandersetzung mit der politischen und räumlichen Situation des damaligen West-Berlins. Regener stellt eine rhetorische Frage, die den Kern seiner Skepsis gegenüber einer unreflektierten Nostalgie trifft: Wer wünsche sich ernsthaft eine Stadt zurück, in der man hinter Mauern eingesperrt war? Diese Äußerung unterstreicht, dass die historische Realität des eingemauerten West-Berlins keineswegs nur aus Freiheit und wildem Leben bestand. Die physische und psychologische Barriere der Berliner Mauer prägte den Alltag der Menschen massiv. Regener erinnert daran, dass diese Einschränkungen eine fundamentale Bedingung waren, die das Lebensgefühl der damaligen Zeit maßgeblich bestimmte. Die Freiheit, die viele heute in der Rückschau so sehr betonen, war immer eine Freiheit innerhalb eines sehr eng gesteckten Rahmens. Indem er diesen Punkt betont, holt der Autor die Debatte auf den Boden der Tatsachen zurück. Er entlarvt die Sehnsucht nach den Achtzigern als eine Form der Geschichtsvergessenheit, die die bedrückenden Aspekte der Teilung ausblendet, um ein idealisiertes Bild der eigenen Jugend oder der damaligen Subkultur aufrechtzuerhalten.

Die Akteure und ihre Perspektiven

In dem Interview treten zwei Hauptakteure in den Vordergrund: der Autor Sven Regener, der als Beobachter und Chronist seiner Zeit fungiert, und der Journalist Wolfgang Höbel, der als Fragesteller die kritischen Punkte anspricht. Regener nutzt seine Rolle als Schriftsteller, um die gängigen Narrative über Berlin zu dekonstruieren. Er agiert dabei nicht als nostalgischer Zeitzeuge, sondern als analytischer Geist, der die Mechanismen der Verklärung durchschaut. Die Institution des Nachrichtenportals, in diesem Fall der Spiegel, bietet die Plattform für diesen Diskurs. Die Einordnung der Aussagen erfolgt im Kontext der aktuellen politischen Stimmung in Berlin, in der oft über die Funktionsfähigkeit der Verwaltung und die allgemeine Lebensqualität debattiert wird. Regener positioniert sich dabei bewusst gegen den Strom derer, die Berlin als gescheitert betrachten. Er sieht in der Stadt weiterhin einen Ort, der von den gleichen menschlichen Konstanten geprägt ist wie jede andere Metropole auch. Seine Perspektive ist die eines erfahrenen Beobachters, der die Stadt über Jahrzehnte hinweg begleitet hat und sich weigert, in ein einfaches Schwarz-Weiß-Schema zu verfallen, das nur zwischen „früher war alles besser“ und „heute ist alles schlecht“ unterscheidet.

Einordnung der gesellschaftlichen Wahrnehmung

Einzuordnen ist das Gespräch mit Sven Regener als ein notwendiger Beitrag zur Berliner Stadtgeschichte und zur aktuellen Identitätsdebatte. Die Bewertung der Achtzigerjahre als „wilder und besser“ ist den Berichten zufolge eher ein psychologisches Phänomen als eine historische Tatsache. Regener liefert mit seinem Roman und seinen Aussagen eine Entzauberung, die den Blick für die Gegenwart schärfen soll. Wenn er davon spricht, dass die Politik heute das Scheitern verwalte, so ist dies eine Zuschreibung, die er zwar im Interview aufgreift, aber durch seine Argumentation gegen die Nostalgie relativiert. Es geht ihm nicht darum, die heutigen Probleme Berlins zu leugnen, sondern sie in ein realistisches Verhältnis zu setzen. Die „Arschgeigenquote“ fungiert dabei als ein humorvolles, aber wirkungsvolles Instrument, um die Erwartungshaltung an eine Stadt oder eine politische Ära zu dämpfen. Man darf nicht erwarten, dass eine Stadt ihre Probleme durch eine bloße Veränderung der Zeitgeister löst, wenn die menschliche Natur – mit all ihren Licht- und Schattenseiten – konstant bleibt. Diese Einordnung macht deutlich, dass Regener den Fokus auf die Eigenverantwortung und die realistische Einschätzung der Bedingungen legt, statt auf die Suche nach einer utopischen Vergangenheit.

Offene Fragen und Lücken in der Darstellung

Obwohl das Interview einige zentrale Thesen aufstellt, bleiben im Quelltext zahlreiche Fragen unbeantwortet. Es wird beispielsweise nicht im Detail erläutert, welche spezifischen Ereignisse oder Charaktere in Regeners neuem Roman die Grundlage für seine Thesen bilden. Der Leser erfährt nicht, wie genau die Handlung des Romans die von ihm beschriebene „Arschgeigenquote“ illustriert oder welche konkreten Erfahrungen aus den Achtzigern ihn zu dieser Schlussfolgerung geführt haben. Auch bleibt offen, wie er die aktuelle Berliner Politik im Detail bewertet, abseits der allgemeinen Feststellung, dass er die Stadt nicht als gescheitert ansieht. Es fehlen konkrete Beispiele für die heutige Verwaltungspraxis, die er als „Verwaltung des Scheiterns“ bezeichnet sieht. Zudem wird nicht geklärt, ob er glaubt, dass sich die Quote der unangenehmen Menschen in Krisenzeiten verändert oder ob sie wirklich ein statischer Wert ist. Die Lücken im Quelltext lassen viel Raum für Spekulationen über den Inhalt des Romans selbst, da dieser nur als Ausgangspunkt für das Gespräch dient, ohne inhaltlich tiefergehend beschrieben zu werden. Auch die Frage, wie die Berliner Bevölkerung selbst zu dieser Einschätzung steht, bleibt gänzlich unbehandelt, da der Fokus ausschließlich auf Regeners persönlicher Sichtweise liegt.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/berliner-fernsehturm-und-spreeblick-37128557/ · Foto: Raylarında Şehrin
Quelle: https://www.spiegel.de/kultur/sven-regener-ueber-berlin-die-arschgeigenquote-auf-der-welt-ist-ueberall-gleich-und-liegt-bei-20-bis-30-prozent-a-399dfdac-e987-4914-be2c-897eac02c173#ref=rss