Ein historisches Zeugnis des Himmelsereignisses
Vor genau 320 Jahren, am 12. Mai 1706, ereignete sich über Nürnberg ein astronomisches Phänomen, das die Menschen der damaligen Zeit tief beeindruckte: eine totale Sonnenfinsternis. Während die Bevölkerung das Spektakel am Himmel verfolgte, nutzte die Nürnberger Astronomin und Künstlerin Maria Clara Eimmart die Gelegenheit, um dieses Ereignis festzuhalten. Ohne die modernen technischen Hilfsmittel, die heute zur Verfügung stehen, schuf sie zwei handgezeichnete Gouachen, die den Moment der totalen Verdunkelung dokumentierten. Eines dieser Werke blieb über Jahrhunderte verschollen, während das andere ein Schicksal erlitt, das heute als kleines Wunder bezeichnet werden kann. Es wurde in den Beständen der Berliner Staatsbibliothek wiederentdeckt. Die Zeichnung besticht durch eine erstaunliche Präzision und eine Ästhetik, die modernen Betrachtern fast zeitgenössisch erscheint. Sie dient nicht nur als wissenschaftliches Dokument einer vergangenen Epoche, sondern auch als Zeugnis für das außergewöhnliche Talent einer Frau, die in einer von Männern dominierten Wissenschaftswelt wirkte und deren Werk nun, nach über drei Jahrhunderten, wieder ins öffentliche Bewusstsein rückt.
Die Wiederentdeckung in Berlin
Das Schicksal der beiden von Eimmart angefertigten Blätter verlief höchst unterschiedlich. Überlieferungen zufolge wurde eine der beiden Versionen einst der Stadtbibliothek Nürnberg als Schenkung übergeben, gilt jedoch bis zum heutigen Tag als verschollen. Die zweite Version blieb der Nachwelt erhalten, geriet jedoch in Vergessenheit. Erst im Jahr 2012 gelang es Markus Heinz, dem Leiter der Kartographie an der Berliner Staatsbibliothek, das wertvolle Blatt in einer alten, verstaubten Kiste aufzuspüren. Diese Entdeckung war der Ausgangspunkt für eine erneute wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Werk der Nürnbergerin. Das Bild zeigt die Sonne im Moment der totalen Verfinsterung, wobei die Mondscheibe zentral vor dem Gestirn steht. Besonders markant ist der feurige Ring der Korona, der die Dunkelheit des Mondes hervorhebt. Der Hintergrund ist in einem intensiven Aquamarinblau gehalten, das zu den Rändern hin an Tiefe gewinnt. Unterhalb des quadratischen Hauptmotivs sind in einem rechteckigen Feld die damaligen Konstellationen der Sonne sowie der Planeten Saturn und Venus präzise verzeichnet, was den mathematisch-abstrakten Charakter der Darstellung unterstreicht.
Der wissenschaftliche Werdegang einer Pionierin
Maria Clara Eimmart, die zwischen 1676 und 1707 lebte, war weit mehr als eine begabte Zeichnerin. Sie wurde von ihrem Vater, dem renommierten Astronomen und Direktor der Nürnberger Kunstakademie Georg Christoph Eimmart, umfassend ausgebildet. Ihr Bildungsweg umfasste Mathematik, Astronomie, Sprachen und das Zeichnen. Besonders auf dem Gebiet der Selenographie, der systematischen Erforschung der Mondoberflächen und -phasen, galt sie als anerkannte Wissenschaftlerin. Ihre Fähigkeiten ermöglichten es ihr, an der Seite ihres Vaters zu arbeiten, der auf der Nürnberger „Vestnertorbastei“ das erste Observatorium Deutschlands betrieb. Heute erinnert in Nürnberg kaum noch etwas an die Astronomin, während ihr Vater mit einem Denkmal geehrt wurde. Dennoch bemüht sich der in Fürth ansässige Mathematiklehrer Hans Gaab seit einigen Jahren intensiv darum, die Biografie von Maria Clara Eimmart zu rekonstruieren und ihre Bedeutung für die Wissenschaftsgeschichte der frühen Aufklärung wieder sichtbar zu machen.
Ein Leben im Schatten der Zeit
Das Leben von Maria Clara Eimmart war eng mit den wissenschaftlichen Netzwerken ihrer Zeit verknüpft. Sie war mit dem Astronomen Johann Heinrich Müller verheiratet, der später die Leitung der Kunstakademie nach ihrem Vater übernahm. Nach ihrem frühen Tod im Jahr 1707, der während der Geburt ihres ersten Sohnes eintrat, wurde ihr wissenschaftliches Erbe in verschiedene Richtungen verstreut. Ein Großteil ihres Nachlasses gelangte nach St. Petersburg, wo sich bis heute etwa 250 Arbeiten aus ihrer Hand befinden. Weitere dreizehn Werke werden im Museo della Specola in Bologna aufbewahrt, wo Müller ein Observatorium nach Nürnberger Vorbild einrichtete. In ihrer Heimatstadt Nürnberg sind lediglich zwei Blätter im Germanischen Nationalmuseum erhalten: eine Darstellung einer „Vestalin“ sowie ein Blatt mit der Aufschrift „sursum corda“, was so viel wie „Erhebet die Herzen“ bedeutet. Diese Werke werden oft als Alter Ego der Künstlerin interpretiert, da sie Frauen in der Rolle von Priesterinnen und Wissenschaftlerinnen zeigen.
Einordnung in den Kontext der Aufklärung
Die Leistungen von Maria Clara Eimmart sind vor dem Hintergrund der frühen Aufklärung zu betrachten. Dass sie trotz ihrer wissenschaftlichen Brillanz lange Zeit in Vergessenheit geriet, könnte mit der Dominanz der „Dürerzeit“ zusammenhängen, die das kulturelle Selbstverständnis Nürnbergs nach dem Dreißigjährigen Krieg prägte. Dennoch war Eimmart in ihrer Zeit keineswegs isoliert. Ihr Elternhaus an der Fleischbrücke war ein Treffpunkt für namhafte Gelehrte, darunter der Züricher Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer. Aus einem überlieferten Hochzeitsgedicht, das sie für Scheuchzer verfasste, geht hervor, dass sie sich den gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit unterordnete. Sie erfüllte ihre Pflichten als Tochter und Ehefrau, bevor sie sich ihren wissenschaftlichen und künstlerischen Ambitionen widmen konnte. Die Modernität ihrer astronomischen Zeichnungen, die fast mathematisch-abstrakt wirken, lässt jedoch darauf schließen, dass sie ihre wissenschaftliche Arbeit mit einer hohen intellektuellen Unabhängigkeit betrieb, die weit über das damals Übliche für Frauen hinausging.
Offene Fragen zur historischen Überlieferung
Trotz der intensiven Bemühungen, das Leben und Wirken von Maria Clara Eimmart zu rekonstruieren, bleiben zahlreiche Fragen offen. Der Verbleib eines Großteils ihres Werkes ist weiterhin ungeklärt, insbesondere das Schicksal der zweiten Gouache der Sonnenfinsternis von 1706, die einst der Stadtbibliothek Nürnberg übergeben wurde. Ebenso unklar ist, inwieweit ihre wissenschaftlichen Aufzeichnungen in den nach St. Petersburg verbrachten Beständen noch heute in ihrer Gänze erschlossen sind. Auch die genaue Zuschreibung einiger Werke innerhalb der umfangreichen Korrespondenzen und Nachlässe bleibt Gegenstand laufender Forschung. Die Lücke zwischen ihrer tatsächlichen Bedeutung als Wissenschaftlerin, die den Mond kartierte, und ihrer heutigen Wahrnehmung in der Öffentlichkeit ist eklatant. Es stellt sich die Frage, welche weiteren Dokumente in europäischen Archiven noch schlummern könnten, die ein noch präziseres Bild ihrer Arbeit ermöglichen würden. Die Forschung ist hier auf weitere Zufallsfunde angewiesen, da die systemische Aufarbeitung ihres Lebenswerks durch die Zersplitterung ihrer Arbeiten über verschiedene Länder hinweg erschwert wird.
Die Zukunft der Forschung und Erinnerungskultur
Die Wiederentdeckung der Zeichnung in Berlin hat neues Interesse an der Person Maria Clara Eimmart geweckt. Die Bemühungen von Hans Gaab, ihre Biografie aufzuarbeiten, bilden die Grundlage für eine künftige wissenschaftliche Würdigung. Da ihre Grabstätte auf dem Johannisfriedhof – ähnlich wie die von Albrecht Dürer – heute nahezu vergessen ist, stellt sich die Frage, wie die Stadt Nürnberg in Zukunft mit diesem Erbe umgehen wird. Die wissenschaftliche Gemeinschaft zeigt zunehmend Interesse an den Werken von Barockkünstlerinnen, die, wie Eimmart, in der Lage waren, wissenschaftliche Präzision mit künstlerischer Gestaltung zu verbinden. Es bleibt abzuwarten, ob die in St. Petersburg und Bologna lagernden Bestände in absehbarer Zeit digitalisiert oder in einer gemeinsamen Ausstellung zusammengeführt werden können, um die Bedeutung von Eimmarts Wirken für die Astronomie des 18. Jahrhunderts einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die wissenschaftliche Aufarbeitung ihrer Rolle als eine der wenigen Frauen in der Astronomie des 18. Jahrhunderts steht somit erst am Anfang.