Ein spätes Debüt mit Millionenpublikum
Lange Zeit blieb die klassische Verlagswelt blind für einen der erfolgreichsten Krimi-Autoren Großbritanniens. Robert Partridge, ein ehemaliger Englischlehrer aus Cambridgeshire, veröffentlichte seine Romane zunächst im Alleingang als E-Books. Mit seinem Pseudonym Peter Grainger erzielte er dabei beachtliche Erfolge: Über eine Million verkaufte Exemplare belegen, dass seine Geschichten ein großes Publikum finden. Erst mit deutlicher Verzögerung – das nun auf Deutsch erscheinende Debüt „Ein unglücklicher Tod“ wurde bereits 2013 verfasst – haben traditionelle Verlage das Potenzial des Autors erkannt und ihn unter Vertrag genommen.
Der Mann hinter dem Namen: DC Smith
Im Zentrum der Reihe steht Detective Sergeant Smith, kurz „DC“ genannt. Die Initialen verweisen auf seine Vornamen David Conrad, eine Hommage seiner Mutter an die Schriftsteller D.H. Lawrence und Joseph Conrad. Smith ist eine vielschichtige Figur: Ein Mann um die sechzig, drahtig, pedantisch in puncto Grammatik und Teezubereitung, aber mit einem trockenen Humor ausgestattet. Seine Vergangenheit im Nordirlandkonflikt hat ihn geprägt, ebenso wie der Verlust seiner Frau durch eine Krebserkrankung. Trotz seiner melancholischen Ader ist er keineswegs depressiv, sondern ein eigensinniger Ermittler, der sich in der Hierarchie der Polizei bewusst unter Wert verkauft – er ließ sich einst vom Detective Inspector zum Detective Sergeant zurückstufen.
Ein Fall in King’s Lake
Der Schauplatz des ersten Romans ist das fiktive King’s Lake, das stark an das reale King’s Lynn erinnert. Der Fall beginnt mit dem Tod eines siebzehnjährigen Schwimmers, der während eines Kanu-Ausflugs spurlos verschwindet. Während die Behörden den Vorfall schnell als Unfall zu den Akten legen wollen, stößt Smith bei der Untersuchung des Leichnams auf Ungereimtheiten. Hämatome deuten auf einen gescheiterten Wiederbelebungsversuch hin. Die Ermittlungen führen den Protagonisten in das Milieu einer verschwiegenen Gemeinschaft von Geflüchteten aus dem ehemaligen Jugoslawien. Dabei kommen alte Konflikte und Verstrickungen mit britischen Soldaten aus der Zeit des Bürgerkriegs ans Licht.
Handwerk und Schreibstil
Graingers Erfolg basiert auf einer klassischen Erzählweise. Er beherrscht die Kunst des „Show, don’t tell“ und setzt auf präzise Dialoge. Seine Romane sind ökonomisch erzählt und verzichten auf unnötige Ausschmückungen. Für den Autor, der seine literarische Arbeit mit dem Rauchen vergleicht – eine Sucht, von der er nicht lassen kann –, ist das Schreiben eine Konstante in seinem Leben. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit widmet er sich leidenschaftlich der Vogelbeobachtung.
Ausblick und Kontext
Dass Verlage erst jetzt auf Grainger aufmerksam wurden, ähnelt dem Schicksal anderer Autoren, etwa Mick Herron, dessen „Slow Horses“-Reihe ebenfalls erst spät den Weg in den deutschsprachigen Raum fand. Für Grainger bedeutet der Erfolg, dass sein beschauliches Rentnerdasein in den Hintergrund rückt. Während die Reihe um DC Smith fortgesetzt wird, plant der Autor bereits ein neues Projekt, in dessen Zentrum eine ehemalige MI5-Agentin stehen soll. Die Leser dürfen gespannt sein, wie sich die Karriere des ehemaligen Lehrers weiterentwickelt, der bewiesen hat, dass Qualität auch abseits der großen Verlagsmaschinerie ein Millionenpublikum erreichen kann.