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KI-Propaganda auf Tiktok: So inszenieren AfD-Supporter den Niedergang Deutschlands
Technik · 18.08.2026 10:44

KI-Propaganda auf Tiktok: So inszenieren AfD-Supporter den Niedergang Deutschlands

Kurz: Eine Golem-Analyse von 357 Tiktok-Videos zeigt, wie Pro-AfD-Accounts durch KI-generierte Inhalte Ängste schüren und politische Gegner gezielt diskreditieren.

Was geschehen ist: Die Inszenierung des Niedergangs

Auf der Videoplattform Tiktok hat sich ein spezifisches Milieu etabliert, das mittels generativer Künstlicher Intelligenz (KI) gezielt politische Narrative verbreitet. Eine umfassende Analyse von 357 inoffiziellen Pro-AfD-Accounts durch das Nachrichtenportal Golem offenbart eine systematische Strategie: Anstatt lediglich klassische Wahlwerbung für die AfD zu betreiben, setzen diese Akteure auf die Erzeugung von emotional aufgeladenen, synthetischen Inhalten. Dabei werden reale Politiker in fiktive, oft kompromittierende Situationen gebracht, während gleichzeitig abstrakte Ängste in konkrete, visuelle Szenarien übersetzt werden. Die Videos suggerieren ein Deutschland im wirtschaftlichen und sozialen Abstieg. Die Protagonisten dieser Produktionen sind oft synthetische Rentner oder personifizierte Währungen, die in einer düsteren Umgebung agieren. Die Kernbotschaft dieser Kampagnen ist die Vermittlung eines massiven Bedrohungsszenarios. Es wird das Bild eines Landes gezeichnet, das sich in einer existenziellen Krise befindet, wobei die aktuelle Regierung als Hauptverantwortliche für diesen vermeintlichen Niedergang dargestellt wird. Die Technik der generativen KI dient dabei als Werkzeug, um diese Botschaften besonders eindringlich und visuell ansprechend zu verpacken, wodurch die Hemmschwelle zur Verbreitung solcher Desinformationen sinkt und die emotionale Bindung der Zuschauer an die Inhalte verstärkt wird.

Die Einzelheiten: Zahlen, Akteure und Narrative

Die Untersuchung von Oliver Jessner für Golem stützt sich auf einen Datensatz von 357 Videos, die im Zeitraum bis zum 18. August 2026 ausgewertet wurden. Die Analyse zeigt eine klare Gewichtung der inhaltlichen Schwerpunkte innerhalb dieser KI-gestützten Propaganda. Etwa 44 Prozent der identifizierten Narrative konzentrieren sich auf den direkten Angriff gegen die amtierende Bundesregierung oder einzelne ihrer Mitglieder. Ein weiteres zentrales Motiv ist die Erzählung eines Deutschlands, das dringend vor dem Untergang gerettet werden müsse; dieses Thema macht rund 14 Prozent der untersuchten Narrative aus. Die Kritik an der Ukraine sowie an der staatlichen Unterstützung für das Land nimmt einen Anteil von knapp zwölf Prozent ein. Die Angst vor Altersarmut und der Verlust der Rente werden in etwa acht Prozent der Fälle thematisiert. Überraschend gering ist der Anteil an expliziter Wahlwerbung für die AfD, die lediglich auf sieben Prozent kommt. Auch migrationsbezogene Narrative spielen in der rein quantitativen Auswertung eine untergeordnete Rolle, wenngleich sie in der Bildsprache der Videos durchaus präsent sind. Friedrich Merz tritt dabei häufig als zentrale Figur in den KI-generierten Szenarien auf und wird gezielt als Projektionsfläche für die Kritik der Urheber genutzt.

Hintergrund: Vom For-You-Feed zum Datensatz

Die Entstehung dieses Phänomens ist eng mit der Funktionsweise moderner Social-Media-Algorithmen verknüpft. Der sogenannte For-You-Feed auf Tiktok spielt dabei eine entscheidende Rolle, da er Nutzer kontinuierlich mit Inhalten versorgt, die eine hohe emotionale Resonanz versprechen. Die untersuchten Pro-AfD-Accounts nutzen diese Dynamik aus, indem sie generative KI einsetzen, um Inhalte zu erstellen, die genau auf diese algorithmische Belohnung ausgelegt sind. Historisch betrachtet haben sich die Erzählmuster von einfachen Stammtischparolen hin zu komplexen, audiovisuellen Inszenierungen entwickelt. Die Akteure hinter diesen Kanälen haben erkannt, dass abstrakte politische Slogans weniger effektiv sind als die visuelle Darstellung von konkretem Leid, wie etwa älteren Menschen, die Pfandflaschen sammeln müssen, während gleichzeitig finanzielle Mittel in die Ukraine abfließen. Diese Entwicklung markiert einen Wandel in der digitalen politischen Kommunikation, bei dem die Grenze zwischen Realität und KI-generierter Fiktion zunehmend verschwimmt. Die Recherche macht deutlich, dass es sich hierbei nicht um eine spontane Bewegung handelt, sondern um ein wiederkehrendes Erzählmuster, das gezielt darauf abzielt, die Wahrnehmung der politischen Realität bei den Zuschauern nachhaltig zu beeinflussen und zu verzerren.

Die Beteiligten: Akteure und Zielscheiben

Im Zentrum der Untersuchung stehen inoffizielle Pro-AfD-Accounts, die als Urheber der KI-Inhalte fungieren. Diese Kanäle agieren meist unabhängig von offiziellen Parteistrukturen, verfolgen jedoch eine klare politische Agenda, die sich gegen die aktuelle Regierung richtet. Als Zielscheiben dieser Kampagnen dienen vor allem Regierungsmitglieder, deren Handeln in den Videos in einen Kontext des Versagens oder der bewussten Schädigung des Landes gestellt wird. Friedrich Merz nimmt in diesem Gefüge eine besondere Rolle ein, da er in den KI-generierten Szenarien häufig als Hauptfigur auftritt, um spezifische Ängste – etwa in Bezug auf die Rentenpolitik – zu personifizieren. Die betroffenen Personen und Institutionen sehen sich dabei einer Flut von Inhalten gegenüber, die ihre Glaubwürdigkeit untergraben sollen. Die Recherche von Golem unterstreicht, dass die Akteure hinter diesen Accounts die Möglichkeiten der generativen KI geschickt nutzen, um ihre Reichweite zu maximieren. Dabei bleibt die Identität der Betreiber der Accounts in vielen Fällen im Dunkeln, was die Zurechenbarkeit der Inhalte erschwert und den propagandistischen Charakter der Videos weiter unterstreicht. Es handelt sich um ein dezentrales Netzwerk, das durch ein gemeinsames Ziel verbunden ist.

Einordnung: Was die Inszenierung bedeutet

Einzuordnen ist das so: Die Nutzung von KI zur Erstellung politischer Propaganda stellt eine neue Qualität der Desinformation dar. Den Berichten zufolge funktioniert das untersuchte Milieu weniger wie ein klassischer Wahlwerbespot, der auf ein spezifisches Datum oder eine Wahl hinarbeitet, sondern vielmehr als ein dauerhaftes Instrument zur psychologischen Beeinflussung. Die Strategie besteht darin, durch die ständige Wiederholung von Bedrohungsszenarien eine Atmosphäre der Unsicherheit und Angst zu schaffen. Indem abstrakte Ängste in konkrete, visuelle Bilder übersetzt werden, wird die politische Debatte emotionalisiert und von sachlichen Argumenten entkoppelt. Diese Form der Propaganda zielt darauf ab, das Vertrauen in demokratische Institutionen systematisch zu zersetzen. Die Tatsache, dass direkte Wahlwerbung für die AfD nur eine untergeordnete Rolle spielt, deutet darauf hin, dass die langfristige Destabilisierung des politischen Diskurses als wichtiger erachtet wird als kurzfristige Mobilisierungserfolge. Die KI-generierten Bilder wirken dabei als Verstärker, die den Zuschauern eine vermeintliche Wahrheit präsentieren, die sich der kritischen Überprüfung entzieht, da sie auf emotionaler Ebene und nicht auf faktischer Basis operiert.

Offene Fragen: Was die Recherche nicht beantwortet

Trotz der detaillierten Analyse der 357 Videos bleiben zentrale Fragen offen, die eine umfassende Bewertung des Phänomens erschweren. Die Golem-Recherche kann ausdrücklich nicht beantworten, wie groß das gesamte Pro-AfD-KI-Milieu auf Tiktok tatsächlich ist. Es ist unklar, wie viele weitere Accounts existieren, die ähnliche Methoden anwenden, aber bisher nicht in den Datensatz aufgenommen wurden. Ebenso wenig lässt sich bestimmen, inwieweit diese Accounts untereinander vernetzt sind oder ob sie von einer zentralen Stelle koordiniert werden. Auch die Frage nach der tatsächlichen Reichweite und dem Einfluss auf das Wahlverhalten der Nutzer bleibt spekulativ. Die Recherche liefert keine Daten darüber, wie die Algorithmen von Tiktok konkret auf diese Art von Inhalten reagieren und ob sie durch die Plattform in ihrer Verbreitung begünstigt werden. Zudem bleibt offen, wer die finanziellen oder technischen Ressourcen für die Erstellung der KI-Inhalte bereitstellt und ob es Verbindungen zu professionellen Akteuren gibt. Diese Lücken im Quelltext verdeutlichen, dass die Untersuchung nur einen Ausschnitt des gesamten Ausmaßes der KI-gestützten Propaganda auf Tiktok darstellen kann und weitere Forschung notwendig ist, um das volle Ausmaß der Bedrohung für den öffentlichen Diskurs zu erfassen.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/iphone-smartphone-fotograf-technologie-16689016/ · Foto: Shantanu Kumar
Quelle: https://www.golem.de/news/ki-propaganda-auf-tiktok-so-inszenieren-afd-supporter-den-niedergang-deutschlands-2608-211999.html