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Vor der Wahl in Sachsen-Anhalt: AfD ist Partei mit größter Sichtbarkeit auf TikTok
Technik · 03.09.2026 17:41

Vor der Wahl in Sachsen-Anhalt: AfD ist Partei mit größter Sichtbarkeit auf TikTok

Kurz: Eine Untersuchung der Universität Potsdam belegt: Der AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt dominiert die Aufmerksamkeit auf TikTok vor der Landtagswahl.

Was geschehen ist – die Kernmeldung

Kurz vor der anstehenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, die für den 6. September angesetzt ist, hat eine wissenschaftliche Untersuchung der Universität Potsdam für Aufsehen gesorgt. Die Analyse befasst sich mit der Sichtbarkeit politischer Akteure auf der Videoplattform TikTok. Dabei zeigt sich eine deutliche Diskrepanz in der digitalen Präsenz der verschiedenen Parteien und Kandidaten. Im Zentrum steht der Spitzenkandidat des AfD-Landesverbandes, Ulrich Siegmund. Die Daten belegen, dass er unter allen untersuchten politischen Accounts aus dem Bundesland die mit Abstand größte Aufmerksamkeit auf sich vereint. Während junge Wählerinnen und Wähler ihre Informationen zunehmend über soziale Medien beziehen, ist die Verteilung der Reichweite dort keineswegs ausgeglichen. Die Untersuchung, die im Rahmen des Potsdam Social Media Monitors durchgeführt wurde, verdeutlicht, wie stark sich ein einzelner politischer Akteur in der digitalen Wahrnehmung abheben kann. Die Ergebnisse werfen ein Schlaglicht auf die Dynamiken des digitalen Wahlkampfs, in dem die AfD in Sachsen-Anhalt eine dominierende Rolle einnimmt, die weit über das Maß anderer politischer Mitbewerber hinausgeht. Die Datenbasis umfasst dabei eine Vielzahl unterschiedlicher Akteure, von Fraktionen bis hin zu einzelnen Abgeordneten.

Die Einzelheiten der Untersuchung

Die Forschenden der Universität Potsdam haben für ihre Analyse einen umfassenden Datensatz ausgewertet. Insgesamt wurden mehr als 2.700 politische TikTok-Accounts untersucht, darunter Landtagsabgeordnete, Kandidaten, Landesverbände sowie Fraktionen und Jugendorganisationen. Der Untersuchungszeitraum erstreckte sich vom 1. Juni bis zum 30. August 2026. Ein zentrales Ergebnis ist die beeindruckende Zahl von 28 Millionen TikTok-Aufrufen, die allein auf den Account des AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund entfielen. Damit übertraf er sogar bundesweit agierende Akteure wie die Bundestagsfraktion der Linken mit 22,7 Millionen Aufrufen, die AfD-Bundestagsfraktion mit 18,1 Millionen sowie die AfD-Bundesvorsitzende Alice Weidel mit 17,9 Millionen Aufrufen. In Sachsen-Anhalt ergibt sich ein besonders einseitiges Bild: Von insgesamt 43,4 Millionen Aufrufen, die auf politische Accounts im Bundesland entfielen, verbuchte Siegmund allein 64,5 Prozent für sich. Zum Vergleich: In Mecklenburg-Vorpommern und Berlin, wo am 20. September gewählt wird, verteilt sich die Aufmerksamkeit deutlich breiter. Dort kommen die jeweils stärksten Konten nur auf etwa 13 beziehungsweise 9 Prozent der Gesamtaufrufe. Diese Zahlen verdeutlichen die extreme Konzentration der Aufmerksamkeit auf eine einzige Person in Sachsen-Anhalt.

Hintergrund und bisheriger Verlauf

Der Wahlkampf hat in den erhobenen Daten deutliche Spuren hinterlassen. Die Forschenden stellten fest, dass sich die Anzahl der Beiträge pro Account in den drei Bundesländern, in denen im September gewählt wird, innerhalb von 30 Tagen im Vergleich zum Herbst 2025 mehr als verdoppelt hat. In Brandenburg, Sachsen und Thüringen, wo erst im Jahr 2029 wieder gewählt wird, blieb die Beitragsfrequenz im selben Zeitraum hingegen stabil. Dennoch zeigt die Untersuchung, dass eine hohe Anzahl an Beiträgen nicht automatisch mit einer hohen Reichweite korreliert. Johannes Wolfgram vom Potsdam Social Media Monitor erläutert, dass die Reichweite eines Beitrags primär von der Größe des Publikums abhängt, das ein Konto bereits aufgebaut hat. Ein Beispiel hierfür ist der Ministerpräsident und CDU-Spitzenkandidat Sven Schulze. Er betreibt den aktivsten Account in Sachsen-Anhalt mit 152 Beiträgen seit dem 1. Juni. Dennoch erreicht er pro Beitrag lediglich etwa 5.600 Aufrufe, während Siegmund im Durchschnitt rund 214.000 Aufrufe pro Beitrag generiert. Dies unterstreicht, dass die historische Entwicklung der Account-Größe und die strategische Ausrichtung der Inhalte entscheidende Faktoren für den Erfolg auf der Plattform sind.

Die Beteiligten und ihre Rollen

Die Untersuchung wurde durch den Potsdam Social Media Monitor durchgeführt, wobei Johannes Wolfgram als Experte die Mechanismen der Plattform analysiert. Auf politischer Seite steht Ulrich Siegmund als Spitzenkandidat des AfD-Landesverbandes im Fokus, dessen Organisation als gesichert rechtsextrem eingestuft wird. Weitere Akteure, die in der Studie als Vergleichswerte herangezogen wurden, sind der CDU-Spitzenkandidat und Ministerpräsident Sven Schulze, die AfD-Bundestagsfraktion, die Bundestagsfraktion der Linken sowie die AfD-Bundesvorsitzende Alice Weidel. Auch der Politik-Analyst Martin Fuchs äußert sich zur strategischen Ausrichtung der Parteien. Er weist darauf hin, dass die AfD über Jahre hinweg konsequent das digitale Vorfeld bespielt habe, während andere Parteien in der Vergangenheit Defizite in ihrer Social-Media-Arbeit aufwiesen. Die Plattform TikTok selbst spielt durch ihre algorithmische Gestaltung eine zentrale Rolle, da sie Inhalte bevorzugt, die eine hohe Interaktion versprechen. Die jungen Wählerinnen und Wähler bilden dabei die Zielgruppe, für die soziale Medien mittlerweile die primäre Informationsquelle darstellen, was den Druck auf die politischen Akteure erhöht, ihre Strategien anzupassen.

Einordnung der Ergebnisse

Einzuordnen ist das Ergebnis so: Die gemessene Aufmerksamkeit in den sozialen Medien lässt sich nicht direkt mit den Umfragewerten oder der künftigen Sitzverteilung im Landtag gleichsetzen. Die Forschenden betonen ausdrücklich, dass Aufrufe lediglich Sichtbarkeit messen, jedoch keine Zustimmung oder gar Wahlentscheidungen abbilden. Es ist den Berichten zufolge möglich, dass ein Konto hohe Aufrufzahlen generiert, weil Nutzerinnen und Nutzer den Inhalten aktiv widersprechen oder sich an kontroversen Debatten beteiligen. Die hohe Sichtbarkeit der AfD-Inhalte könnte zudem auf die Funktionsweise der Algorithmen zurückzuführen sein. Eine weitere Studie des Potsdam Social Media Monitors zum Bundestagswahlkampf 2025 ergab, dass neu erstellte Accounts bereits nach elf bis zwölf Minuten Videos mit AfD-Hashtags angezeigt bekamen, während SPD-Inhalte erst nach 70 Minuten erschienen. Plattformen könnten Inhalte, die als besonders reaktionsstark gelten, bevorzugt ausspielen, um die Nutzerbindung zu erhöhen. Dies führt zu einer Vereinfachung und Verschärfung politischer Kommunikation, da Akteure versuchen, virale Trends nachzuahmen, um die Reichweitenmechanismen der Plattform optimal für ihre Zwecke zu nutzen.

Offene Fragen und Lücken

Die Untersuchung lässt einige Fragen offen, die der Quelltext nicht beantworten kann. Zunächst bleibt unklar, inwieweit die hohen Aufrufzahlen durch bezahlte Reichweite, also gezielte Werbeanzeigen, beeinflusst wurden. Die Forschenden geben an, dass ihre Daten keine Aussage über die zugrunde liegenden Ursachen der hohen Sichtbarkeit treffen können, etwa ob es sich um organische Reichweite oder finanzierte Inhalte handelt. Ebenso bleibt offen, wie hoch der Anteil der Nutzerinnen und Nutzer ist, die aus dem Ausland oder außerhalb des Wahlgebiets auf die Inhalte zugreifen, da die Plattformdaten keine präzise geografische Zuordnung der Zuschauer zulassen. Auch die genaue Zusammensetzung der Zielgruppe, die diese Inhalte konsumiert, wird nicht detailliert aufgeschlüsselt. Es bleibt eine Lücke bei der Frage, ob die hohe Sichtbarkeit tatsächlich zu einer Mobilisierung führt, die sich in der Wahlbeteiligung niederschlägt, oder ob es sich um einen reinen Aufmerksamkeits-Effekt innerhalb der digitalen Filterblasen handelt. Die Daten liefern somit ein präzises Bild der Sichtbarkeit, lassen aber die kausalen Zusammenhänge zwischen Algorithmus, bezahlter Werbung und tatsächlichem Wählerverhalten offen.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/stadt-wolken-gebaude-deutschland-25212898/ · Foto: Wolfgang Weiser
Quelle: https://netzpolitik.org/2026/vor-der-wahl-in-sachsen-anhalt-afd-ist-partei-mit-groesster-sichtbarkeit-auf-tiktok/