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Johann Reißers Roman „Pulver“: Sie schrieben sich Briefe von Hölle zu Hölle
Schlagzeilen · 24.07.2026 16:56

Johann Reißers Roman „Pulver“: Sie schrieben sich Briefe von Hölle zu Hölle

Kurz: Der Roman „Pulver“ von Johann Reißer beleuchtet die Geschichte der Rottweiler Pulverfabrik und ihres Gründers Max Duttenhofer – doch das Konzept überzeugt nur b

Ein Industrieller zwischen Aufstieg und Schattenseiten

Max Duttenhofer, ein Name, der heute vor allem in Fachkreisen und durch lokale historische Aufarbeitungen bekannt ist, steht im Zentrum von Johann Reißers Roman „Pulver“. Der 1843 geborene Apothekersohn aus Rottweil wandelte sich im 19. Jahrhundert zu einem der einflussreichsten Großindustriellen der Gründerzeit. Durch die Heirat in eine Pulvermüller-Familie legte er den Grundstein für ein Imperium, das durch die Erfindung des rauchschwachen Schießpulvers internationale Bedeutung erlangte.

Duttenhofer, der zu Lebzeiten mit Größen wie Alfred Nobel, Otto von Bismarck und Gottlieb Daimler verkehrte, verkörpert den Typus des Unternehmers, dessen Erfolg untrennbar mit der deutschen Rüstungsindustrie verbunden war. Reißers Werk, das den Zeitraum von 1858 bis in die Gegenwart umfasst, versucht, dieses komplexe Erbe in eine literarische Form zu gießen.

Die Perspektive der Zeitgenossen

Um die Geschichte der Pulverfabrik und ihres „Pulverkönigs“ zu erzählen, wählt Reißer einen multiperspektivischen Ansatz. Er lässt zahlreiche Figuren zu Wort kommen, die das Geschehen aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchten. Darunter finden sich Familienmitglieder, wie Duttenhofers Bruder Karl, aber auch kritische Stimmen. Ein Kunstprofessor etwa reflektiert über die architektonische Geschmacklosigkeit der Fabrikantenvilla, während Jakob, ein unehelicher Sohn des Industriellen, die politischen Verstrickungen anprangert.

Besonders die Schilderung der Schattenseiten nimmt in diesen Erzählsträngen breiten Raum ein. Jakob thematisiert die Lieferung von Millionen Patronen an das Osmanische Reich, die unter anderem im Völkermord an den Armeniern Verwendung fanden. Auch die gesundheitlichen Folgen für die Arbeiterinnen und Arbeiter sowie die ökologischen Belastungen im Neckartal werden thematisiert, was den Roman in einen Kontext mit der historischen Forschung stellt, etwa von Jörg Kraus.

Briefe aus zwei Höllen

Einen emotionalen Kern des Buches bildet die Geschichte von Rosa und ihrem Verlobten Hans. Während Rosa in der Pulverfabrik unter den gesundheitsschädlichen Bedingungen des Pulverstaubs leidet und schließlich Patronen für den Ersten Weltkrieg fertigt, kämpft Hans an der Front. Ihr Austausch, der den Kontrast zwischen der „Hölle“ der Fabrik und der „Hölle“ des Schlachtfeldes verdeutlicht, illustriert den Zerfall einer ganzen Generation.

Die Schilderungen von Hans, der mit den grausamen Realitäten moderner Kriegsmaschinen konfrontiert wird, stehen im krassen Gegensatz zu dem idealisierten Bild eines heldenhaften Kampfes, das viele junge Männer zu Beginn des Krieges noch hegten. Die Nachwirkungen dieses Traumas begleiten die Figuren weit über das Kriegsende hinaus und zeigen die zerstörerische Kraft des industriellen Krieges auf das Individuum.

Literarische Herausforderungen eines Epochenpanoramas

Obwohl dem Roman eine fundierte Recherche zugrunde liegt, ergibt sich aus der erzählerischen Struktur eine Herausforderung. Das Bestreben, 160 Jahre Geschichte durch eine Vielzahl an Figuren und Einzelschicksalen abzubilden, führt dazu, dass der rote Faden an Kontur verliert. Die detaillierten Innensichten der zahlreichen Charaktere verhindern, dass sich die übergeordnete historische Entwicklung der Pulverfabrik und deren gesellschaftliche Auswirkungen voll entfalten können.

Die Geschichte von Rosa und Hans allein hätte bereits das Potenzial für einen eigenständigen Roman geboten. In der vorliegenden Form zerfasert das groß angelegte Panorama jedoch in einzelne Stränge. Das ambitionierte Projekt, das sowohl die industrielle Entwicklung als auch die sozialen Folgen und die politische Verantwortung eines Rüstungsproduzenten einfangen möchte, bleibt trotz der inhaltlichen Dringlichkeit des Themas in seiner erzählerischen Umsetzung fragmentiert.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/geschaftsmann-mann-person-sitzung-5511632/ · Foto: Mike van Schoonderwalt
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/literatur/max-duttenhofer-pulverkoenig-im-roman-von-johann-reisser-accg-200843689.html