Was geschehen ist: Die literarische Auseinandersetzung mit dem 7. Oktober
Der Schriftsteller Maxim Biller hat mit seinem neuen Roman „Schwarze Samstage“, der im Verlag Kiepenheuer & Witsch erscheint, ein Werk vorgelegt, das den 7. Oktober 2023 in den Mittelpunkt stellt. An diesem Tag verübte die Hamas den schwersten Anschlag auf jüdisches Leben seit dem Holocaust, bei dem nach verschiedenen Schätzungen zwischen 1200 und 1400 Menschen getötet, Hunderte schwer verletzt und mehr als 200 Geiseln in den Gazastreifen verschleppt wurden. Biller beschreibt diesen Tag als einen Zivilisationsbruch, der durch die bestialische Gewalt an Zivilisten, insbesondere Kindern, und die anschließende Häme in Teilen der muslimisch-propalästinensischen Milieus weltweit geprägt war. Der Autor nutzt den Roman, um diesen Tag und die darauffolgenden Ereignisse einer tiefgreifenden, polemischen und scharfsinnigen Analyse zu unterziehen. Dabei bricht er mit der in vielen Kulturmedien verbreiteten Rhetorik, die den Nahostkonflikt lediglich als ein Problem „unterschiedlicher Perspektiven“ darstellt. Stattdessen konfrontiert Biller den Leser mit der Unausweichlichkeit des Hasses und der Realität des Antisemitismus, den er als eine tiefsitzende, beinahe krankhafte Obsession der Weltöffentlichkeit gegenüber Israel und den Juden identifiziert.
Die Einzelheiten: Zahlen, Namen und Orte
Der Roman, der als „Roman eines Jahres“ tituliert wird, ist stark autobiografisch geprägt, auch wenn er als fiktionales Werk deklariert ist. Der Ich-Erzähler Ari teilt zahlreiche biografische Eckdaten mit Maxim Biller: Geboren 1960 in Prag, übersiedelte er 1970 nach Hamburg, studierte in München und lebt heute in Berlin. Ein zentraler Ort im Roman ist das Elternhaus des Erzählers in Hamburg, in dem unter anderem der Korrespondent der Frankfurter Rundschau, Heinrich Braasch, verkehrte. Biller setzt sich im Text kritisch mit bekannten Persönlichkeiten der deutschen Geistesgeschichte auseinander, darunter Jan Assmann, Aleida Assmann, Carolin Emcke und Alexander Mitscherlich, die er dem erinnerungspolitisch ambitionierten linksliberalen Milieu zuordnet. Der Roman beginnt mit einer konkreten Szene in einem Berliner Café, in dem der syrische Barmann den Erzähler Ari aufgrund seiner jüdischen Identität nach dem Hamas-Massaker abweist. Diese Szene dient als Ausgangspunkt für eine psychologische Untersuchung des sekundären Antisemitismus, der sich laut dem Erzähler in einer Schuldabwehr äußert, die er auf den Psychoanalytiker Zvi Rix zurückführt. Biller verknüpft diese aktuellen Beobachtungen mit judaistischen Reflexionen und historischen Betrachtungen, die bis in die Antike zurückreichen.
Hintergrund: Der Weg zum „Schwarzen Samstag“
Die Entstehung des Romans ist untrennbar mit der langjährigen, streitbaren Karriere Maxim Billers verbunden. Der Autor ist bekannt dafür, Konflikte nicht zu scheuen und sich in seinen Texten – etwa in „100 Zeilen Hass“ – unverblümt zu äußern. Seine Auseinandersetzung mit Israel und dem Antisemitismus hat ihn bereits mehrfach in die Kritik gebracht, etwa bei seinem Roman „Esra“, der gerichtlich verboten wurde. Auch eine Kolumne in der „Zeit“ aus dem Sommer 2023, in der er den Begriff „Morbus Israel“ prägte und die Hungerblockade in Gaza thematisierte, löste heftige, wenn auch aus Sicht des Autors begründungsarme Proteste aus. Der neue Roman führt diese Diagnose unter dem Begriff „Morbus Gaza“ fort. Biller sieht in der Obsession der Weltöffentlichkeit für den Gazakrieg eine Bestätigung seines Verdachts, dass die Kritik an Israel oft nur ein Vorwand für tieferliegenden Antisemitismus ist. Für Biller ist dies ein fortwährender Prozess, der weit vor dem 7. Oktober begann und in der Geschichte des Judentums als Zivilisationsprojekt wurzelt, das seit jeher auf Widerstände und Auslöschungsphantasien stößt.
Die Beteiligten: Akteure und Perspektiven
Im Zentrum steht der Ich-Erzähler Ari, eine Figur, die als „Mitleidethiker“ und „Erinnerungsspeicher“ fungiert. Er ist ein Beobachter, der gegen die „Dickfelligkeit“ der Gesellschaft allergisch ist. Biller nutzt den Erzähler, um seine eigene, oft als „boykotterprobt“ bezeichnete Position zu vertreten. Neben dem Erzähler spielen reale Personen aus dem intellektuellen und medialen Betrieb eine Rolle, wenn auch oft als Zielscheibe von Billers Kritik. Der Autor grenzt sich scharf von jenen ab, die in der Nahostdebatte auf Dialog und „unterschiedliche Erzählungen“ setzen. Eine Ausnahme bildet der Historiker Michael Wolffsohn, dessen Position zur militärischen Stärke und Wehrhaftigkeit Israels Biller in der deutschen Öffentlichkeit als eine der wenigen konsequenten Stimmen schätzt. Die Interaktion mit dem syrischen Barmann im Café fungiert als psychologischer Ankerpunkt, um die feindselige Stimmung gegenüber Juden in der Gegenwart zu illustrieren. Dabei wird der Jude als „Vorwurf“ für eine nicht jüdische Welt gezeichnet, die mit der eigenen Schuldgeschichte nicht abschließen kann.
Einordnung: Antisemitismus als Zivilisationsbruch
Einzuordnen ist das Werk als ein bewusster Gegenentwurf zur aktuellen deutschen Debattenkultur. Biller kritisiert die Tendenz, den 7. Oktober durch abstrakte Begriffe wie „Genozid“ oder „Apartheid“ zu relativieren oder in einen Kontext zu stellen, der die Täter zu Opfern macht. Den Berichten zufolge betrachtet Biller das Judentum als ein diesseitiges Aufklärungsprojekt, das vom Christentum und Islam überschrieben wurde. Die „auserwählte“ Stellung des Volkes wird dabei als Gegenstand einer historischen Eifersucht gedeutet, die in die Auslöschungsphantasien von der Antike bis zum Holocaust mündete. Biller bewertet die israelische Realpolitik als alternativlos, da sie dem Überlebenswillen entspringe. Er lehnt die wissenschaftliche Distanz von Holocaust-Forschern ab und setzt stattdessen auf eine literarische Selbstbefragung. Seine Kritik an der „Kulturzeit“-Rhetorik, die Israel als einzige Demokratie in Frage stellt, zeigt, wie Biller die intellektuelle Verweigerung der Anerkennung Israels als Demokratie direkt mit Antisemitismus gleichsetzt.
Offene Fragen: Was das Buch nicht beantwortet
Obwohl der Roman sehr weit ausholt, bleiben bestimmte Aspekte der Debatte bewusst oder unbewusst offen. Der Quelltext weist darauf hin, dass Biller die gegenwärtige israelische Politik als Anlass für die Israel-Kritik zwar voraussetzt, sie aber nicht detailliert erörtert. Es bleibt unklar, wie der Autor die Grenze zwischen legitimer politischer Kritik an einer Regierung und dem von ihm konstatierten Antisemitismus im Detail zieht, abgesehen von seiner generellen Haltung, dass jede Israel-Kritik letztlich auf Antisemitismus hinausläuft. Zudem lässt das Buch die Frage offen, wie eine Kommunikation zwischen den verhärteten Fronten – etwa zwischen dem jüdischen Erzähler und dem muslimischen Barmann – überhaupt noch möglich sein soll, wenn die Vernunft als Mittel zur Verständigung bereits als gescheitert betrachtet wird. Auch die religionsgeschichtlichen Passagen, in denen Biller das Judentum als Zivilisationsprojekt definiert, werden als komplex beschrieben, wobei der Text offen lässt, inwieweit diese Deutung historisch oder eher als literarisches Konstrukt zu verstehen ist.
Wie es weitergeht: Die Rolle der Literatur
Der Roman „Schwarze Samstage“ ist als ein Beitrag zu verstehen, der die deutsche Öffentlichkeit zur Auseinandersetzung zwingt. Biller zeigt auf, dass Literatur die Fähigkeit besitzt, psychologische Deutungsmuster offenzulegen, die in einer rein wissenschaftlichen oder journalistischen Debatte oft untergehen. Es ist zu erwarten, dass das Buch, wie alle Werke Billers, eine intensive Kontroverse auslösen wird. Der Autor setzt darauf, dass die „Realität“ ihm recht gibt, indem er den Antisemitismus als eine Konstante beschreibt, die durch den 7. Oktober lediglich eine neue, noch schwärzere Dimension erhalten hat. Die Ankündigung, dass der Erzähler sich durch viele „Samstage“ hindurcherzählt, deutet darauf hin, dass die Auseinandersetzung mit dem Trauma des 7. Oktobers für den Autor ein fortlaufender Prozess ist, der nicht mit einer einfachen Antwort oder einem Ende der Gewalt endet. Biller bleibt ein Autor, der den Streit sucht, und sein neues Werk ist ein Versuch, die Sprachlosigkeit und die Teilnahmslosigkeit gegenüber dem jüdischen Leid mit literarischer Wucht zu durchbrechen.