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Industriefotografie: Was man von den großen Abwesenden lernen kann
Kultur · 29.07.2026 20:51

Industriefotografie: Was man von den großen Abwesenden lernen kann

Kurz: Das Museum Penzberg zeigt Fotografien von Bernd und Hilla Becher im Dialog mit der lokalen Bergbaugeschichte. Ein Blick auf Strukturwandel und Industriekultur.

Industriefotografie als Spiegel des Wandels

Das Museum Penzberg – Sammlung Campendonk schlägt eine Brücke zwischen internationaler Fotokunst und lokaler Industriegeschichte. Die aktuelle Ausstellung rückt das Werk von Bernd und Hilla Becher in den Fokus und setzt es in Bezug zur eigenen Vergangenheit als Bergbaustadt. Obwohl das berühmte Fotografenpaar Penzberg selbst nie besuchte, offenbaren die gezeigten Aufnahmen aus Wales, Belgien und dem Ruhrgebiet frappierende Parallelen zu den Entwicklungen in Oberbayern.

Penzberg: Vom Kohleabbau zum Industriestandort

Die Geschichte des Penzberger Bergbaus endete am 30. September 1966. Nach 170 Jahren war die Förderung der Pechkohle aufgrund der Konkurrenz durch günstiges Erdöl nicht mehr wirtschaftlich. Der Strukturwandel verlief jedoch vergleichsweise zügig: Viele ehemalige Bergleute fanden neue Beschäftigung in der Produktion von Omnibussen bei der Firma MAN, die sich in der Region ansiedelte. Dieses „Wunder von Penzberg“ gilt bis heute als Beispiel für eine gelungene Transformation, auch wenn von der ursprünglichen Bergbauinfrastruktur – abgesehen von der Halde und einigen Wohngebäuden – kaum etwas erhalten blieb.

Die Ästhetik der Sachlichkeit

Bernd und Hilla Becher prägten das Genre der Industriefotografie maßgeblich. Ihre Bildsprache zeichnet sich durch eine konsequente Sachlichkeit aus: Frontale Ansichten, diffuses Licht und eine einheitliche Horizontlinie machen die technischen Bauwerke wie Hochöfen oder Fördertürme zu Objekten einer fast künstlerischen Typologie. In einer Zeit, in der Industriebauten oft noch keinen Denkmalschutz genossen, dokumentierten die Bechers den schleichenden Verfall und die Ästhetik dieser Anlagen.

Die Ausstellung in Penzberg präsentiert rund fünfzig Exponate, die den Fokus von einzelnen Bauwerken hin zu umfassenden Industrielandschaften verschieben. Die menschenleeren, schwarz-weißen Aufnahmen vermitteln eine stumme Brillanz, die den Betrachter zur Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und den Spuren vergangener Arbeitsprozesse einlädt.

Zeitgenössische Perspektiven und Herausforderungen

Neben den historischen Aufnahmen integriert die Schau zeitgenössische Arbeiten, etwa von der Regensburger Fotografin Lena Schabus. Ihre Montagen verdichten Industrielandschaften zu hyperrealistischen Welten und führen den Gedanken der industriellen Formensprache in die Gegenwart fort.

Der Kontext der Ausstellung ist jedoch von aktuellen wirtschaftlichen Spannungen geprägt. Penzberg steht heute in einer starken Abhängigkeit vom Pharmakonzern Roche, der als zentraler Arbeitgeber fungiert. Die finanzielle Situation der Stadt ist angespannt, was sich auch auf die Kulturinstitutionen auswirkt. Die personellen Veränderungen in der Museumsleitung und die Unsicherheit über die künftige Finanzierung unterstreichen die Fragilität kultureller Arbeit in einer von Konzerninteressen geprägten Kommune.

Identität und Strukturwandel

Die Ausstellung dient als Anstoß, den Strukturwandel nicht nur als technische Umstellung, sondern als tiefgreifenden Identitätsprozess zu begreifen. Während das Penzberger Bergwerk architektonisch nicht mit den monumentalen Anlagen der Becher-Fotografien vergleichbar ist, sind die sozialen und wirtschaftlichen Fragen identisch. Die Schau lädt dazu ein, den sechzigsten Jahrestag der Bergwerkschließung als Anlass zu nehmen, über das Ende als Anfang und die Bewahrung industriellen Erbes nachzudenken. Es bleibt der Wunsch der Kuratorinnen, dass die Stadt durch den Vergleich mit den großen Zeugnissen der Industriekultur ihren eigenen Platz in der Geschichte neu bewertet.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/treppe-stufen-stadt-himmel-16721695/ · Foto: Nevtuğ Yalçın
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/ausstellung/penzberger-ausstellung-ueber-bernd-und-hilla-becher-201048126.html