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Hörbuch von Sänger Monchi: „Wir leben, wo der Nachbar sein Kreuz bei der AfD macht“
Kultur · 18.08.2026 18:30

Hörbuch von Sänger Monchi: „Wir leben, wo der Nachbar sein Kreuz bei der AfD macht“

Kurz: Jan Gorkow, bekannt als Monchi von Feine Sahne Fischfilet, reflektiert in seinem neuen Hörbuch über das Leben in der ostdeutschen Provinz und den Rechtsruck.

Ein Schockmoment nach der Wahl

Der 24. Februar 2025 markierte für Jan Gorkow, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Monchi als Sänger der Punkband „Feine Sahne Fischfilet“, einen tiefgreifenden Einschnitt. Es war der Montag nach den vorgezogenen Bundestagswahlen, und die Nachrichten auf seinem Smartphone überschlugen sich. Freunde und Bekannte aus dem gesamten Bundesgebiet reagierten entsetzt auf die Wahlergebnisse aus Vorpommern. Die Zahlen waren für den Musiker, der in der Kleinstadt Jarmen aufgewachsen ist und dort mittlerweile mit seiner Familie lebt, ein Schock: Mehr als fünfzig Prozent der Wähler in seinem Landkreis hatten ihr Kreuz bei der AfD gemacht. Auf der politischen Landkarte färbte sich Mecklenburg-Vorpommern in weiten Teilen blau. Diese Entwicklung löste bei Gorkow eine existenzielle Frage aus, die ihn seither umtreibt: Ist es unter diesen gesellschaftlichen Bedingungen noch richtig, in der Heimat zu bleiben? Aus dieser persönlichen Erschütterung heraus entstand sein zweites Buch, „Jenseits der Brandmauer. Über mein Leben in der ostdeutschen Provinz“, das er nun auch als Hörbuch veröffentlicht hat. Er begibt sich darin auf eine Spurensuche, um das politische Klima in der Region zu verstehen und die Ursachen für den Rechtsruck in seinem direkten Lebensumfeld zu ergründen.

Einblicke in den Alltag der Provinz

Jarmen, der Wohnort von Monchi, wird im Hörbuch als eine Kleinstadt mit knapp 3000 Einwohnern beschrieben – ein Ort, der für Menschen aus noch kleineren Dörfern durchaus als Stadt wahrgenommen wird. Das Leben dort ist ruhig, geprägt von einer hohen sozialen Dichte, in der jeder jeden kennt. Die Infrastruktur ist jedoch überschaubar: Ein Kino sucht man vergeblich, und die kulinarische Versorgung am Abend beschränkt sich auf zwei Dönerimbisse, eine Tankstelle sowie vier Supermärkte. Die Entfremdung von großstädtischen Lebensrealitäten wird durch den Rückzug medizinischer Versorgung unterstrichen; so berichtet der Autor, dass in den vergangenen fünf Jahren zehn Zahnarztpraxen im Ort geschlossen wurden. In diesem Umfeld wirken Konzepte aus der Metropole oft deplatziert. Gorkow kritisiert insbesondere den Begriff der „Brandmauer“ als ein politisches Konstrukt, das in der Provinz völlig weltfremd erscheint. Wer dort lebe, könne sich nicht einfach abgrenzen, da die politischen Verhältnisse den Alltag durchdringen. Die Nachbarschaft, die Verkäuferin, der Kumpel, das Familienmitglied, der Klempner oder die Polizistin – sie alle gehören zu jener Gruppe, die mehrheitlich die AfD gewählt hat, was die Realität vor Ort fundamental prägt.

Die eigene Geschichte als Ausgangspunkt

Um den Rechtsruck zu verstehen, blickt Monchi in seinem Werk auch auf seine eigene Jugend in der Region zurück. Ein zentrales und traumatisches Ereignis seiner Biografie war ein körperlicher Angriff durch Rechtsextreme. Er beschreibt, wie er von den sogenannten „Dorf-Faschos“ zu Boden geworfen und im Gesicht getreten wurde. Alkohol spielte bei dieser Tat eine erhebliche Rolle, wobei der Autor betont, dass dies lediglich eine Feststellung des Tathergangs sei und keinesfalls eine Entschuldigung für die Täter darstelle. Die Folgen waren gravierend: Nach der Tat erhielt er eine SMS mit der Drohung, dass er „kaltgemacht“ werde, sollte er zur Polizei gehen. Er erstattete keine Anzeige. Stattdessen suchte er Hilfe bei Freunden aus der Fußballfangemeinde. Die anschließende Vergeltungsaktion, bei der die Gruppe eine Party der Rechten stürmte und einen Wagen demolierte, führte zur Festnahme durch die Polizei. Monchi wurde in der Folge wegen Landfriedensbruchs verurteilt. Er reflektiert heute, dass diese Ereignisse sein Leben maßgeblich beeinflussten, da er aufgrund des Vorfalls die Schule wiederholen musste und dadurch erst jenen Mitschüler kennenlernte, der später der Bassist seiner Band wurde.

Die Typologie der politischen Gesinnung

Im Rahmen seiner Auseinandersetzung mit dem Wahlverhalten in seiner Umgebung hat Gorkow eine eigene Typologie erstellt, um die Menschen, mit denen er über Politik spricht, besser einordnen zu können. Er unterteilt die Personen, denen er begegnet, in verschiedene Kategorien. Dazu zählen unter anderem die „Überzeugten“, die „Putin-Fans“, die „Mitläufer“ und die „Unsicheren“. Diese Kategorisierung dient ihm als Werkzeug, um die komplexen Gründe für den Rechtsruck jenseits von pauschalen Urteilen zu erfassen. Er versucht, die Beweggründe der Menschen im direkten Gespräch zu verstehen, ohne dabei den moralischen Zeigefinger zu heben. Es ist der Versuch, eine Brücke zu schlagen, wo die Fronten verhärtet scheinen. Dabei bleibt er seinem Stil treu: Er spricht das Hörbuch selbst ein, nutzt eine direkte, bisweilen derbe Sprache, flucht, verwendet regionale Begriffe und bezeichnet Menschen als „Hoschis“. Diese Art der Vermittlung erzeugt eine Atmosphäre, als würde man sich in einem privaten Gespräch austauschen. Die Schilderungen sind anekdotisch und basieren auf den unmittelbaren Erfahrungen, die er in seinem täglichen Leben in Vorpommern sammelt.

Einordnung der gesellschaftlichen Lage

Einzuordnen ist das Werk als eine subjektive, aber scharfsinnige Beobachtung der ostdeutschen Provinz, die oft den Blick der Medien und der Politik verfehlt. Gorkow stellt fest, dass die Jugend im ländlichen Raum vor massiven Herausforderungen steht. Er identifiziert den Mangel an Freizeitangeboten wie Jugendzentren, Sozialarbeitern und Sportvereinen als ein Hauptproblem. Wenn Jugendliche in den Wintermonaten keine Anlaufstellen haben, verbringen sie ihre Zeit vermehrt am Smartphone, insbesondere auf Plattformen wie TikTok. Dort gelingt es der rechten Szene laut Gorkow besonders effektiv, Emotionen und Ängste zu instrumentalisieren. Den Berichten zufolge ist dies eine Entwicklung, die weit über das aktuelle Wahlergebnis hinausreicht. Der Autor warnt davor, dass diese Jugendlichen in zehn Jahren keine Heranwachsenden mehr sind und befürchtet, dass sie ohne alternative Angebote ausschließlich von rechtsextremen Strukturen aufgefangen werden. Die „Brandmauer“ ist in seiner Wahrnehmung ein abstraktes Konzept, das an der Lebenswirklichkeit der Menschen vor Ort vorbeigeht, weil die politische Radikalisierung tief in die sozialen Strukturen eingedrungen ist.

Offene Fragen zur Zukunft der Provinz

Obwohl das Hörbuch eine detaillierte Bestandsaufnahme liefert, bleiben einige Fragen unbeantwortet. Der Quelltext lässt offen, welche konkreten politischen oder sozialen Maßnahmen über die bloße Diagnose des Mangels an Jugendangeboten hinaus als wirksam erachtet werden könnten. Gorkow selbst verkneift sich in seinem Werk explizit gutgemeinte Lösungsvorschläge. Es bleibt unklar, wie eine Gesellschaft, die sich bereits in einem derart fortgeschrittenen Stadium der politischen Spaltung befindet, wieder zusammenfinden kann. Ebenso wenig wird thematisiert, wie die Rolle der staatlichen Institutionen – etwa der Polizei oder der lokalen Verwaltung – in den betroffenen Gemeinden langfristig gestärkt werden könnte, um das Vertrauen der Bürger zurückzugewinnen. Die Frage, ob der Rückzug aus der Provinz durch die Schließung von Praxen und anderen Dienstleistungen durch eine gezielte staatliche Strukturpolitik kompensiert werden kann, wird zwar als Problem benannt, aber nicht in ihren politischen Umsetzungsmöglichkeiten diskutiert. Die Lücke zwischen der Identifikation der Probleme und der praktischen Lösungsfindung bleibt somit bewusst oder unbewusst bestehen.

Der Weg in die Zukunft

Wie es für den Autor und die Region weitergeht, bleibt ungewiss. Gorkow hat das Buch innerhalb weniger Wochen verfasst, um seine Gedanken unmittelbar festzuhalten. Das Hörbuch, das eine Spieldauer von 301 Minuten umfasst, dient ihm als Medium, um seine Perspektive vor den anstehenden Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt zu verbreiten. Es ist keine politische Strategie, sondern eine Einladung zum Dialog und zur Auseinandersetzung mit einer Region, die oft übersehen wird. Der Musiker zeigt sich hinsichtlich seiner eigenen Vergangenheit geläutert, insbesondere was die Anwendung von Gewalt betrifft, und fokussiert sich nun auf seine Rolle als Vater und Beobachter. Die Zukunft der Provinz hängt laut Gorkow davon ab, ob es gelingt, den Jugendlichen Perspektiven zu bieten, die nicht durch die Ideologie der AfD geprägt sind. Die ausstehenden Entscheidungen über die Ausgestaltung der sozialen Infrastruktur in ländlichen Räumen werden in den kommenden Jahren zeigen, ob die von ihm beschriebene Entwicklung aufgehalten werden kann. Für den Moment bleibt das Hörbuch ein Zeugnis einer persönlichen Suche nach Identität und politischer Orientierung in einer Zeit des Umbruchs.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/menschen-manner-frauen-tanzen-7520745/ · Foto: cottonbro studio
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/hoerbuch/monchi-saenger-von-feine-sahne-fischfilet-ueber-das-leben-in-der-ostdeutschen-provinz-accg-201119312.html