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heise+ | E-Government: Wie BundID und E-Perso ihre Nutzer in die Verzweiflung treiben
Technik · 13.08.2026 11:00

heise+ | E-Government: Wie BundID und E-Perso ihre Nutzer in die Verzweiflung treiben

Kurz: Eine neue Analyse des Vereins NExT offenbart, warum Nutzer bei der digitalen Verwaltung scheitern: BundID und E-Perso gelten als Hürden statt als Hilfen.

Die digitale Sackgasse in deutschen Behörden

Die Digitalisierung der deutschen Verwaltung kommt nur schleppend voran, was nun durch eine aktuelle Erhebung der EU-Kommission erneut amtlich bestätigt wurde. Deutschland belegt in der Kategorie E-Government lediglich den 22. Platz von insgesamt 27 EU-Mitgliedstaaten. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Position sogar noch verschlechtert, was den dringenden Handlungsbedarf unterstreicht. Ein zentrales Problem ist dabei die geringe Verbreitung von Onlineformularen, die bereits mit Daten vorbefüllt sind – ein Standard, der in vielen anderen europäischen Ländern längst gelebte Praxis ist. Zudem zeigt sich, dass ein deutlich kleinerer Anteil der Bevölkerung im Vergleich zum EU-Durchschnitt überhaupt Gebrauch von den angebotenen digitalen Behördendiensten macht. Diese Zahlen spiegeln eine tiefgreifende Diskrepanz zwischen dem politischen Anspruch einer modernen, digitalen Verwaltung und der tatsächlichen Nutzererfahrung wider. Die Bürger stehen vor einer digitalen Infrastruktur, die oft als unzugänglich und frustrierend wahrgenommen wird, was die Akzeptanz für E-Government-Angebote nachhaltig schwächt.

Ursachenforschung durch den Verein NExT

Um die Gründe für dieses Scheitern zu verstehen, hat der Verein NExT, ein Zusammenschluss von Digitalexperten aus dem öffentlichen Sektor, eine detaillierte Analyse vorgelegt. Die Autoren der Studie haben sieben verschiedene Fallberichte ausgewertet, die sich mit der Nutzung von Onlinediensten in verschiedenen Behörden befassen. Dabei wurden sowohl Daten aus der praktischen Anwendung als auch Ergebnisse aus gezielten Tests mit Probanden herangezogen. Viele der in diesem Bericht zusammengeführten Erkenntnisse waren zuvor öffentlich nicht zugänglich. Die Untersuchung kommt zu einem ernüchternden Schluss: Die Hürden für die Bürger liegen nicht etwa in der Ausfüllung der eigentlichen Formulare, sondern bei den vorgeschalteten Prozessen. Der gesamte Vorgang der Anmeldung sowie der Nachweis der eigenen Identität erweisen sich für die Nutzer als die kritischen Schwachstellen im System. Diese Erkenntnis ist ein deutliches Signal an die Entwickler und politischen Entscheidungsträger, dass die technische Komplexität der Identitätsprüfung die eigentliche Barriere für eine erfolgreiche Digitalisierung darstellt.

Die Rolle von BundID und E-Perso

Im Zentrum der Kritik stehen die staatlichen Basiskomponenten, namentlich die BundID, der elektronische Personalausweis sowie die dazugehörige AusweisApp. Anstatt den Zugang zu Verwaltungsleistungen zu vereinfachen, führen diese Systeme bei vielen Anwendern zu einer erheblichen Frustration. Die Analyse von NExT verdeutlicht, dass die Nutzer an den komplexen Anforderungen dieser Identitätsverfahren scheitern. Die technische Umsetzung wirkt auf den Anwender oft isoliert und schwer verständlich. Anstatt einen nahtlosen Übergang von der Identifizierung zur eigentlichen Dienstleistung zu ermöglichen, führen die Systeme zu Systembrüchen, die den Nutzer aus dem Prozess werfen. Überbordende Anleitungen, die den Anwender mit technischen Details überfordern, tragen zusätzlich dazu bei, dass der Abbruch der digitalen Behördengänge vorprogrammiert ist. Die staatliche Infrastruktur scheint hierbei an den Bedürfnissen der Bürger vorbeizuentwickeln, da die technische Absicherung der Identität zwar formal korrekt erfolgt, aber die Usability dabei vollständig auf der Strecke bleibt.

Perspektiven der Nutzer und technisches Design

Die Autoren der Studie betonen, dass die Kernursache für das Versagen in einem grundlegenden Designfehler liegt. Digitale Identitäten wurden in Deutschland primär als isolierte, technische Basiskomponenten konzipiert. Es fehlt jedoch die konsequente Ausrichtung auf eine Ende-zu-Ende-Integration (E2E), die den gesamten Prozess aus der Perspektive des Nutzers betrachtet. Ein Nutzer, der eine Behördenleistung in Anspruch nehmen möchte, sollte nicht mit den technischen Details der Identitätsprüfung konfrontiert werden müssen, sondern einen reibungslosen Ablauf erleben. Die aktuelle Praxis zwingt den Bürger jedoch dazu, sich mit den Eigenheiten von BundID und E-Perso auseinanderzusetzen, was den eigentlichen Zweck der Digitalisierung ad absurdum führt. Die technische Architektur priorisiert die Sicherheit und die isolierte Funktionalität der einzelnen Komponenten, vernachlässigt dabei aber die Nutzerführung. Das Ergebnis ist eine hohe Abbruchquote, die verdeutlicht, dass die derzeitigen Lösungen für den Alltag der Menschen nicht ausreichend optimiert sind.

Einordnung der digitalen Verwaltungssituation

Einzuordnen ist die aktuelle Situation als ein strukturelles Problem der deutschen Verwaltungsdigitalisierung. Den Berichten zufolge ist das Scheitern der Nutzer kein Zufall, sondern das Resultat einer Strategie, die den Fokus zu stark auf die technische Komponente und zu wenig auf die Anwenderfreundlichkeit legt. Die Tatsache, dass Deutschland im EU-Vergleich weiter zurückfällt, unterstreicht die Dringlichkeit einer Kurskorrektur. Die Experten von NExT liefern mit ihrer Analyse eine fundierte Grundlage, um die bisherigen Ansätze kritisch zu hinterfragen. Es zeigt sich, dass die Digitalisierung der Verwaltung nicht allein durch die Bereitstellung von Online-Portalen gelingt, sondern durch eine intuitive und barrierefreie Gestaltung der gesamten Dienstleistungskette. Wenn der Zugang zu einer Leistung komplizierter ist als der Gang zum Amt, wird die digitale Transformation ihr Ziel, die Verwaltung effizienter und bürgernäher zu machen, verfehlen. Die Kritik an BundID und E-Perso ist daher als Symptom eines tieferliegenden Problems in der deutschen E-Government-Strategie zu verstehen.

Offene Fragen zur weiteren Entwicklung

Der vorliegende Bericht wirft eine Reihe von Fragen auf, die im weiteren Verlauf der Digitalisierungsdebatte geklärt werden müssen. So bleibt etwa offen, wie die Behörden konkret auf die hohen Abbruchquoten reagieren werden und ob eine Anpassung der bestehenden Identitätsverfahren in naher Zukunft geplant ist. Auch die Frage, wie die Integration der EUDI-Wallet, der geplanten digitalen europäischen Brieftasche, gelingen soll, ohne die bereits bestehenden Probleme bei der Identitätsprüfung zu replizieren, wird im Quelltext nicht abschließend beantwortet. Es bleibt zudem unklar, inwieweit die Erkenntnisse der NExT-Studie in die laufenden politischen Entscheidungsprozesse einfließen werden. Die Lücke zwischen der technischen Entwicklung und der praktischen Anwendbarkeit ist groß; ob und wie diese Lücke durch neue Richtlinien oder eine grundlegende Überarbeitung der Benutzeroberflächen geschlossen werden soll, bleibt eine der zentralen Herausforderungen für die kommenden Jahre. Die Komplexität der Materie lässt vermuten, dass einfache Lösungen kaum ausreichen werden, um das Vertrauen der Nutzer zurückzugewinnen.

Ausblick auf zukünftige Herausforderungen

Die Digitalisierung der Verwaltung steht vor einer Phase, in der sich entscheiden wird, ob die eingeschlagenen Wege zu einer echten Vereinfachung führen oder ob die Komplexität weiter zunimmt. Mit der Einführung der EUDI-Wallet steht bereits die nächste große technische Neuerung an, deren Erfolg maßgeblich davon abhängen wird, ob die Fehler der Vergangenheit vermieden werden. Die Diskussion um die EUDI-Wallet zeigt, dass die staatlichen Akteure vor der schwierigen Aufgabe stehen, ein Ökosystem zu schaffen, in dem Identitätsanbieter und Behörden nahtlos zusammenarbeiten können. Ob dies gelingt, hängt nicht nur von der technischen Implementierung ab, sondern auch von der Bereitschaft, die Nutzerperspektive konsequent in den Mittelpunkt zu stellen. Die Erfahrungen mit BundID und E-Perso dienen hierbei als mahnendes Beispiel. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Verantwortlichen aus der Analyse des Vereins NExT die richtigen Schlüsse ziehen und die notwendigen Anpassungen vornehmen, um den digitalen Behördengang für den Bürger tatsächlich zu erleichtern.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/laptop-computer-einkaufen-verkauf-5625006/ · Foto: https://kaboompics.com/
Quelle: https://www.heise.de/hintergrund/E-Government-Wie-BundID-und-E-Perso-ihre-Nutzer-in-die-Verzweiflung-treiben-11368539.html?wt_mc=rss.red.ho.ho.atom.beitrag_plus.beitrag_plus