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Georg Nigls Nachtmusiken: Ein Wortgewirr, ein Stimmgeschnarr
Kultur · 03.08.2026 20:04

Georg Nigls Nachtmusiken: Ein Wortgewirr, ein Stimmgeschnarr

Kurz: Georg Nigls „Nachtmusiken“ bei den Salzburger Festspielen brechen mit Konventionen: Ein intimes Zusammenspiel von Gesang, Clavichord und Schauspielkunst.

Intimität statt großer Bühne

In der Salzburger Edmundsburg, hoch über dem Festspielbezirk, findet eine Konzertreihe statt, die sich bewusst vom klassischen Konzertbetrieb abhebt. Der Bariton Georg Nigl lädt bereits im vierten Jahr zu seinen „Nachtmusiken“ ein – ein Format, das so gefragt ist, dass die nur achtzig Plätze umfassenden Vorstellungen regelmäßig ausverkauft sind. Gemeinsam mit der Schauspielerin Dörte Lyssewski und dem Clavichord-Spieler Alexander Gergelyfi schafft Nigl einen Raum, der eher an eine konzentrierte Leseprobe als an einen pompösen Liederabend erinnert.

Die Ästhetik des Leisen

Der Kern des Konzepts liegt in der bewussten Abkehr von der üblichen Konzertlautstärke. Nigl hinterfragt die Praxis, Schuberts Lieder für große Konzertsäle auf eine künstliche Tonstärke zu trimmen. Stattdessen sucht er die Nähe zu jener häuslichen Atmosphäre, für die viele dieser Werke ursprünglich komponiert wurden. Das Clavichord von Alexander Gergelyfi gibt dabei einen dynamischen Rahmen vor, der das „Leise“ neu definiert. Es geht nicht um einen Mangel an Klang, sondern um eine Differenzierung, die dem Publikum eine neue Aufmerksamkeit für technische Details und musikalische Motive abverlangt.

Shakespeare als Spiegel der Kunst

Ein zentraler Bestandteil der aktuellen Reihe ist die Auseinandersetzung mit Shakespeare. Dabei wird die Edmundsburg zum Ort performativer Ironie. Wenn Dörte Lyssewski Hamlets berühmte Anweisungen an die Schauspieler rezitiert, in denen er ein „Maß“ fordert und vor übertriebenem Chargieren warnt, entsteht eine Spannung zwischen dem Text und der tatsächlichen Bühnenpräsenz. Lyssewski, die nach Vorgängern wie Ulrich Noethen und August Diehl als erste Frau in diesem Ensemble agiert, bringt eine präzise, fast scharf zugeschnittene Deklamation ein, die ihre Körpersprache direkt mit einbezieht.

Nigl ergänzt dies durch eine eigenwillige Interpretation von Shakespeares Narrenliedern. Er singt sie teils versponnen, verschleift Silben oder lässt die Stimme in ein fast solipsistisches Gebrabbel abgleiten. Besonders markant ist seine Darbietung von „It was a lover and his lass“, bei der er durch eine bewusste Überstrapazierung der Stimmbänder die Grenze zum Ruhestörer austestet. Auch bei anderen Stücken, etwa in der Manier von Tom Waits, bricht er mit der Erwartungshaltung an einen klassischen Konzertsänger.

Zwischen Villon und Mozart

Das Programm der „Nachtmusiken“ ist weit gefächert. Ein Abend war dem Dichter François Villon gewidmet, wobei Dörte Lyssewski eigene Übersetzungen präsentierte, darunter die „Ballade von den verkehrten Wahrheiten“. Diese Texte, die paradoxe Lebensweisheiten thematisieren, werden ohne ironische Brechung vorgetragen, was ihre Wirkung auf das Publikum verstärkt.

Ein weiteres Highlight ist die Verknüpfung von Mozarts „Lied der Trennung“ (KV 519) mit privaten Ehebriefen des Komponisten. Durch das Einschneiden der Korrespondenz in die musikalische Struktur entsteht eine neue Perspektive auf die Autorschaft und die persönliche Ebene hinter den Werken. Laut Berichten könnte diese spezifische Zusammenstellung, die eine beachtliche Länge erreicht, in dieser Form sogar eine Weltpremiere darstellen.

Hintergrund und Ausblick

Die „Nachtmusiken“ verstehen sich als Gegenentwurf zur großformatigen Inszenierung. Indem Nigl die Standardeinstellungen des Konzertsängers ablegt, ermöglicht er eine unmittelbare Auseinandersetzung mit dem Material. Die hohe Nachfrage nach den Tickets unterstreicht das Interesse an solchen intimen, fast kammerspielartigen Formaten innerhalb des Festspielbetriebs. Für die Zukunft der Reihe bleibt abzuwarten, welche weiteren literarischen und musikalischen Querverbindungen Nigl in diesem experimentellen Rahmen erschließen wird.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/skisprunganlage-innsbruck-30139376/ · Foto: Wolfgang Weiser
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/musik-und-buehne/konzert/georg-nigls-nachtmusiken-bei-den-salzburger-festspielen-accg-201086963.html