Was geschehen ist: Die Rekonstruktion des modernen Wohnens
Hans-Georg von Arburg hat mit seinem neuesten Werk „Endlich Wohnen! Zuhause bleiben in der existenziellen Moderne“ eine umfassende Untersuchung vorgelegt, die sich mit den Diskursen über das Wohnen im Zeitraum von 1880 bis 1930 befasst. Das im Wallstein Verlag erschienene Buch widmet sich der Frage, wie die Moderne das Verständnis von häuslicher Existenz geprägt hat. Arburg strukturiert seine Analyse in zehn thematische Kapitel, die unter anderem Begriffe wie Residieren, Haushalten, Mieten, Siedeln, Logieren, Hausen, Campieren, Fahren, Spielen und Bleiben umfassen. Der Autor verfolgt dabei einen Ansatz, der die mediale Spiegelung dieser Wohnformen in den Vordergrund stellt. Dabei stützt er sich auf eine Vielzahl literarischer und publizistischer Quellen, die den gesellschaftlichen Wandel und die architektonischen Umbrüche jener Zeit widerspiegeln. Das Werk versteht sich als Stoffsammlung, die den Leser dazu einlädt, sich mit den verschiedenen Facetten des Wohnens – von der Mietskaserne bis zum Sanatorium – auseinanderzusetzen. Arburgs Arbeit bietet dabei ein umfangreiches Literaturverzeichnis, das als Ausgangspunkt für weiterführende Studien dienen kann, auch wenn der Autor selbst einräumt, dass die behandelten Bezugspunkte für ein fachkundiges Publikum teilweise bereits bekannt sein dürften.
Die Einzelheiten: Quellen und literarische Zeugnisse
Das Buch zeichnet sich durch eine dichte Verknüpfung von literarischen Zitaten und soziokulturellen Beobachtungen aus. Arburg greift auf bekannte Texte zurück, um die Lebenswirklichkeit der Epoche zu veranschaulichen. So zitiert er etwa aus Rainer Maria Rilkes „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, um den Geruch und die Atmosphäre in den Pariser Wohnverhältnissen jener Zeit drastisch zu schildern. Auch Gerhart Hauptmanns Stück „Die Ratten“ findet prominente Erwähnung, wobei Arburg eine Passage anführt, die das Treiben in einem Berliner Mietshaus mit all seinen sozialen Abgründen, dem Hunger und dem Elend, in einer fast schon überwältigenden sprachlichen Dichte beschreibt. Weitere Autoren, deren Werke Arburg in den Kontext des Wohnens einbettet, sind Robert Musil, Walter Benjamin, Roland Barthes, Georg Lukács und Maria Leitner. Besonders hervorzuheben ist der Bezug zu Maria Leitners Roman „Hotel Amerika“ aus dem Jahr 1930, der das Hotel als einen Ort beschreibt, in dem unzählige Schicksale aus allen sozialen Schichten zusammengepfercht sind. Diese literarische Spurensuche erstreckt sich über verschiedene Wohnformen, darunter Schlösser, Villen, Mietskasernen, Hotels, Wohnwagen und Sanatorien, und beleuchtet deren Rolle in der Architekturgeschichte und der öffentlichen Wahrnehmung.
Hintergrund: Der Wandel der Wohnkultur
Die Untersuchung von Arburg setzt in der Gründerzeit ein und erstreckt sich bis zur Zeit der großen Depression. Dieser Zeitraum ist geprägt von tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbrüchen, die sich unmittelbar auf die Wohnkultur auswirkten. Der Erste Weltkrieg spielt dabei eine zentrale Rolle, da er nicht nur zu einer akuten Wohnungsknappheit führte, sondern auch die Wahrnehmung des häuslichen Raums veränderte. Arburg thematisiert in diesem Zusammenhang, wie das Leben zu Hause im Krieg eine neue, teils raubtierhafte Qualität annahm. Auch die Architekturavantgarde findet Beachtung, wobei etwa die Bedeutung des Sanatoriums als Ort der Heilung und architektonischen Innovation diskutiert wird. Die Moderne versuchte, mit neuen Grundrissen – etwa durch den Verzicht auf Flure – mehr Platz in den Wohnungen zu schaffen, was Arburg in seinen Kontext einordnet. Die Entwicklung von Wohnformen, die über das klassische Haus hinausgingen, wie etwa das Leben in Eisenbahnen oder auf Passagierdampfern, wird ebenfalls als Ausdruck einer sich wandelnden, mobileren Gesellschaft interpretiert, die das Wohnen zunehmend als provisorische oder zeitlich begrenzte Angelegenheit betrachtete.
Die Beteiligten: Autoren und Institutionen
Hans-Georg von Arburg fungiert in diesem Werk als Herausgeber und Interpret, der die verschiedenen Stimmen der Literaturgeschichte zusammenführt. Er tritt als Literaturwissenschaftler auf, der den Anspruch erhebt, die publizistische Begleitung der Architekturgeschichte zu systematisieren. Zu den zentralen Akteuren, deren Texte Arburg analysiert, zählen neben den bereits genannten Schriftstellern auch Architekten wie Le Corbusier, dessen Vision einer „Civilisation Machiniste“ für die moderne Wohnraumgestaltung von Bedeutung war. Auch die Zeitschrift „Die Schaubühne“, die später in „Weltbühne“ umbenannt wurde, wird als wichtiges Medium der Weimarer Republik angeführt, das den Diskurs über Kultur und Gesellschaft maßgeblich mitprägte. Die Auseinandersetzung mit diesen Persönlichkeiten und Institutionen dient Arburg dazu, das Wohnen nicht nur als architektonisches, sondern als zutiefst politisches und soziales Phänomen zu begreifen, das eng mit den ökonomischen und politischen Bedingungen der jeweiligen Zeit verknüpft ist.
Einordnung: Kritik an der methodischen Umsetzung
Einzuordnen ist das Werk als eine ambitionierte, jedoch in ihrer sprachlichen Gestaltung umstrittene literaturwissenschaftliche Arbeit. Den Berichten zufolge stößt die Sprache des Autors auf erhebliche Kritik. Arburg wird eine „extreme Sprachselbstverliebtheit“ vorgeworfen, die sich in der Verwendung von Neologismen wie „Mietenden“ oder einer Häufung von Anglizismen wie „Gatekeeper“ oder „Pacemakers“ äußert. Diese sprachlichen Eigenheiten werden als Hindernis für den Lesefluss empfunden, da sie den eigentlichen Gegenstand der Untersuchung oft überlagern. Auch die analytische Tiefe wird kritisch hinterfragt: Arburgs Vergleiche, etwa die Charakterisierung des Sanatoriums als „Embryo der Architekturavantgarde“, werden als rätselhaft oder gar unangemessen bewertet. Zudem wird bemängelt, dass es dem Autor an Distanz zum eigenen Beschreiben fehle und er dazu neige, literarische Vorlagen durch eine übermäßig theoretisierende Sprache zu entwerten. Dennoch wird anerkannt, dass die Zusammenstellung der Quellen und die thematische Breite des Buches einen gewissen Wert für die Forschung besitzen, sofern man bereit ist, sich durch die stilistischen Hürden des Textes zu arbeiten.
Offene Fragen: Was das Buch nicht beantwortet
Obwohl das Werk eine breite Palette an Themen abdeckt, bleiben bestimmte Aspekte der Wohnkultur unterbelichtet. So stellt sich die Frage, inwieweit die tatsächlichen architektonischen Innovationen – wie etwa die funktionalen Vorteile moderner Grundrisse – in der Praxis der Bewohner ankamen. Arburg konzentriert sich stark auf die mediale und literarische Spiegelung, lässt dabei jedoch die konkrete Lebensrealität der Menschen teilweise außen vor. Auch die Frage, wie die Bewohner selbst ihre Wohnsituationen jenseits der literarischen Überhöhung wahrnahmen, bleibt weitgehend unbeantwortet. Zudem wird die Pointe von Thomas Manns „Zauberberg“ im Kontext des „Logierens“ von Arburg zwar diskutiert, jedoch bleibt unklar, wie der Autor die Diskrepanz zwischen der provisorischen Natur eines Sanatoriumsaufenthalts und der tatsächlichen, jahrelangen Verweildauer der Protagonisten in einer umfassenden Theorie des Wohnens auflösen möchte. Hier klafft eine Lücke zwischen der theoretischen Kategorisierung und der literarischen Realität, die der Autor nicht vollständig schließt.
Wie es weitergeht: Einladung zur weiteren Lektüre
Das Buch von Hans-Georg von Arburg ist als Ausgangspunkt für eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Literatur der Moderne zu verstehen. Der Autor lädt explizit dazu ein, die behandelten Autoren neu zu entdecken oder wiederzulesen. Für den Leser bedeutet dies, dass die Lektüre von „Endlich Wohnen!“ als Anstoß dienen kann, sich den Originalwerken von Schriftstellern wie Maria Leitner oder Robert Musil zuzuwenden. Da das Buch als Stoffsammlung konzipiert ist, bleibt es dem Leser überlassen, die im Literaturverzeichnis aufgeführten Werke eigenständig zu erschließen. Es sind keine weiteren, auf diesem Werk aufbauenden Publikationen von Arburg im Quelltext angekündigt, doch die Struktur des Buches – mit seinem Prolog, den zehn Kapiteln und dem Epilog – bietet eine klare Orientierung für eine sporadische oder vertiefte Lektüre. Das Werk ist im Jahr 2026 im Konstanz University Press Verlag erschienen und umfasst 295 Seiten, was es zu einem handhabbaren, wenn auch inhaltlich dichten Begleiter für Interessierte an der Kulturgeschichte des Wohnens macht.