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Haydneum Fertőd: Wird das Ungarns Flaggschiff der Alten Musik?
Kultur · 02.09.2026 15:30

Haydneum Fertőd: Wird das Ungarns Flaggschiff der Alten Musik?

Kurz: Das Haydneum in Fertőd soll zum ungarischen Zentrum für Alte Musik werden. Doch zwischen künstlerischem Anspruch und finanzieller Realität klafft eine Lücke.

Was geschehen ist – die Kernmeldung

In der ungarischen Kleinstadt Fertőd, gelegen in unmittelbarer Nähe zum Neusiedler See, vollzieht sich derzeit ein bemerkenswertes kulturelles Unterfangen. Das dort ansässige Rokokoschloss Eszterháza, einst Wirkungsstätte von Joseph Haydn, soll sich zu einem zentralen Knotenpunkt für Alte Musik entwickeln. Der Cembalist und Dirigent György Vashegyi rief im Juli 2021 das „Haydneum“ ins Leben, um eine Lücke zu füllen, die durch das Ende des früheren Haydn-Festivals vor über einem Jahrzehnt entstanden war. Das Projekt versteht sich als ungarisches Flaggschiff für die historische Aufführungspraxis. Es geht dabei weit über den reinen Konzertbetrieb hinaus; das Haydneum strebt an, als Forschungszentrum zu fungieren, musikwissenschaftliche Editionen voranzutreiben und die Ausbildung junger Musiker zu fördern. Die Initiative steht symbolisch für den Versuch, eine strukturschwache Region, die durch die Geschichte des Eisernen Vorhangs lange Zeit isoliert war, wieder an das europäische Musikgeschehen anzubinden. Trotz beachtlicher Erfolge bei der Digitalisierung musikalischer Bestände und hochkarätiger Aufführungen bleibt die langfristige finanzielle Absicherung des Projekts jedoch ein kritischer Punkt, der die ambitionierten Pläne der Verantwortlichen überschattet.

Die Einzelheiten des Projekts

Das Herzstück der Bemühungen ist die Aufarbeitung des musikalischen Erbes der Familie Esterházy. Das Haydneum hat das größte Digitalisierungsprojekt Ungarns gestartet, das darauf abzielt, etwa 500.000 Seiten aus den historischen Musiksammlungen online zugänglich zu machen. Bisher konnten bereits 110.000 dieser Digitalisate erfolgreich angefertigt werden. Musikalisch setzt das Haus auf ein breites Spektrum, das neben Joseph Haydn auch Komponisten wie Gregor Joseph Werner, Antonio Casimir Cartellieri oder Michael Haydn umfasst. Die künstlerische Leitung sucht dabei aktiv den Austausch mit etablierten europäischen Institutionen, etwa dem Centre de Musique Baroque Versailles oder dem Palazetto Bru Zane. Das aktuelle Festival in Eszterháza, das mit vier Konzerten einen Teil der Aktivitäten abbildet, eröffnete mit Haydns Oper „Orlando Paladino“. Diese Aufführung unter der Leitung von György Vashegyi und mit dem Orfeo Orchester im Apollo-Saal zeigte die hohe Qualität des Ensembles. Solisten wie Jone Martínez, Ella Marshall Smith, Attila Varga-Tóth und Cyrille Dubois gestalteten die Oper, wobei die Kritik die stimmliche Leistung von Martínez besonders hervorhob, während andere Partien mit kleineren technischen Herausforderungen zu kämpfen hatten.

Hintergrund und historische Einordnung

Die Wahl des Standortes Fertőd ist historisch tief begründet. Joseph Haydn verbrachte hier dreißig Jahre seines Lebens als Kapellmeister unter seinem Patron Nikolaus von Esterházy. Schon zu Haydns Zeiten klagte der Komponist über die isolierte Lage des Schlosses, das weit entfernt vom kulturellen Zentrum Wien lag. Diese geografische Randlage verschärfte sich im 20. Jahrhundert massiv. Durch den Verlauf des Eisernen Vorhangs wurde die Region zu einer Todeszone, in der sich selbst die einheimische Bevölkerung kaum frei bewegen konnte. Diese historische Bürde wirkt bis heute nach und macht die Region zu einem strukturschwachen Gebiet. Das Haydneum ist somit nicht nur ein musikalisches, sondern auch ein kulturpolitisches Projekt, das versucht, diese isolierte Region aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken. Die Gründung im Jahr 2021 erfolgte dreizehn Jahre nach dem Aus des ursprünglichen Haydn-Festivals. Vashegyi knüpft damit an eine Tradition an, die das Schloss einst zu einem Zentrum der europäischen Musik machte, und versucht, die historische Bedeutung des Ortes mit modernen wissenschaftlichen und künstlerischen Standards zu verknüpfen.

Die Beteiligten und ihre Rollen

Zentraler Akteur ist der Cembalist und Dirigent György Vashegyi, der als Gründer und treibende Kraft hinter dem Haydneum steht. Er ist es, der die Vision des Zentrums formuliert und die internationalen Kooperationen pflegt. Auf der Bühne agiert das Orfeo Orchester, das unter Vashegyis Leitung die musikalische Qualität des Hauses repräsentiert. Zu den Solisten der aktuellen Produktion zählten Jone Martínez, die als Angelica überzeugte, sowie Ella Marshall Smith, Attila Varga-Tóth und Cyrille Dubois. Auf institutioneller Ebene wird das Projekt durch die Beratung durch das Centre de Musique Baroque Versailles und das Palazetto Bru Zane unterstützt. Politisch steht das Projekt in einer neuen Phase der Abhängigkeit: Die Regierung unter Péter Magyar plant strukturelle Reformen, durch die das Haydneum enger an das Kulturministerium gebunden werden soll. Diese politische Neuausrichtung ist ein entscheidender Faktor für die zukünftige Entwicklung, wobei die konkreten Auswirkungen auf die Finanzierung derzeit noch unklar sind und selbst von den Verantwortlichen nur mit Unsicherheit kommentiert werden können.

Einordnung der aktuellen Situation

Einzuordnen ist das Haydneum als ein ambitioniertes Unterfangen, das versucht, eine Brücke zwischen der glanzvollen Vergangenheit des Schlosses Eszterháza und einer modernen, europäischen Musiklandschaft zu schlagen. Den Berichten zufolge gelingt es dem Team um Vashegyi, durch die Digitalisierungsarbeit und die Pflege von Raritäten ein Profil zu schärfen, das über das bloße Abspielen bekannter Klassiker hinausgeht. Kritisch anzumerken ist jedoch, dass das Festivalprogramm in der jüngsten Ausgabe eine gewisse Diskrepanz aufwies. Während der Auftakt mit der selten gespielten Oper „Orlando Paladino“ künstlerisch überzeugte und die Nähe zu Mozarts Ästhetik aufzeigte, wirkten die nachfolgenden Schubert-Konzerte weniger inspiriert. Die Interpretation der Klaviersonate in B-Dur durch Petra Somlai wurde als problematisch empfunden, da sie an dynamischen Extremen litt und dramaturgisch nicht vollends überzeugte. Auch die Darbietung der „Winterreise“ durch Raoul Steffani wurde als eher monochrom wahrgenommen. Dies deutet darauf hin, dass das Zentrum noch dabei ist, seine eigene Identität als Ort für ein anspruchsvolles, durchgängig überzeugendes Programm zu festigen.

Offene Fragen zur Zukunft

Der Quelltext lässt eine Reihe von Fragen unbeantwortet, die für die Zukunft des Haydneums von entscheidender Bedeutung sind. Zunächst bleibt die konkrete finanzielle Ausstattung durch die Regierung unter Péter Magyar völlig offen. Es ist nicht bekannt, in welchem Umfang die versprochene engere Anbindung an das Kulturministerium tatsächlich Ressourcen freisetzen wird oder ob sie lediglich eine administrative Maßnahme darstellt. Ebenso bleibt unklar, wie die strukturellen Reformen im Detail aussehen und ob sie die künstlerische Freiheit des Haydneums beeinflussen könnten. Eine weitere offene Frage betrifft die langfristige Akzeptanz des Standortes bei einem internationalen Publikum. Während die Qualität der Konzerte in Budapest und Fertőd gelobt wird, stellt sich die Frage, ob das Haydneum tatsächlich in der Lage sein wird, ein dauerhaftes Publikum aus Wien und Budapest anzuziehen, um die isolierte Lage des Schlosses zu kompensieren. Auch der Zeitplan für die Fertigstellung der restlichen Digitalisate ist nicht spezifiziert, ebenso wenig wie die langfristige Strategie zur Einbindung junger Musiker in den Lehrbetrieb.

Ausblick auf die kommenden Schritte

Die weitere Entwicklung des Haydneums hängt maßgeblich von der Umsetzung der angekündigten strukturellen Reformen ab. Es ist geplant, das Zentrum enger an das ungarische Kulturministerium zu binden. Welche konkreten Auswirkungen dies auf die operative Arbeit und die Finanzierung haben wird, bleibt abzuwarten. Die Verantwortlichen setzen ihre Arbeit an der Digitalisierung der Esterházy-Sammlung fort, wobei das Ziel der Erfassung von 500.000 Seiten weiterhin besteht. Auch die Konzerttätigkeit soll sowohl in Fertőd als auch in Budapest fortgesetzt werden, um das Haydneum als feste Größe im europäischen Musikleben zu etablieren. Ob und wann das Haydneum den Status eines voll ausgebauten Forschungs- und Konzertzentrums erreicht, das regelmäßig Besucher aus den umliegenden Metropolen anzieht, ist derzeit nicht absehbar. Die kommenden Monate werden zeigen, wie sich die neue politische Konstellation auf die künstlerische Vision von György Vashegyi auswirkt und ob die bisherigen Erfolge ausreichen, um das Projekt dauerhaft auf ein stabiles Fundament zu stellen.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/wahrzeichen-reise-reisen-stadtisch-21625239/ · Foto: Ozan Tabakoğlu
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/musik-und-buehne/oper/alte-musik-in-ungarn-was-aus-dem-haydneum-in-fertd-werden-soll-201174933.html