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Cyberangriffe: Immer mehr Firmen vermuten ausländische Geheimdienste dahinter
Technik · 26.08.2026 14:35

Cyberangriffe: Immer mehr Firmen vermuten ausländische Geheimdienste dahinter

Kurz: Eine neue Bitkom-Umfrage zeigt: Deutsche Unternehmen sehen sich zunehmend im Visier ausländischer Geheimdienste. Cyberangriffe bedrohen die Wirtschaft massiv.

Die aktuelle Bedrohungslage für deutsche Unternehmen

Die deutsche Wirtschaft sieht sich einer wachsenden Gefahr durch ausländische Nachrichtendienste gegenüber. Laut einer aktuellen, repräsentativen Umfrage des Digitalverbands Bitkom, für die 1003 Unternehmen ab zehn Beschäftigten in Deutschland befragt wurden, hat die Bedrohung durch staatlich gelenkte Cyberoperationen ein neues Ausmaß erreicht. Ein bemerkenswerter Anteil von 37 Prozent der Unternehmen, die in den vergangenen zwölf Monaten von Datendiebstahl, Industriespionage oder Sabotage betroffen waren, konnte diese Angriffe konkret einem fremden Nachrichtendienst zuordnen. Dieser Wert markiert einen deutlichen Anstieg im Vergleich zum Vorjahr, als dieser Anteil bei 28 Prozent lag. Im Jahr 2023 waren es sogar nur sieben Prozent. Diese Zahlen verdeutlichen, dass die digitale Sicherheit für deutsche Firmen zu einer zentralen Herausforderung geworden ist. Dabei ist die allgemeine Wahrnehmung der Bedrohung nahezu konstant geblieben: 96 Prozent der Unternehmen gehen davon aus, dass sie Ziel von digitalen oder analogen Angriffen sind oder vermuten dies zumindest. Besonders alarmierend ist jedoch die wachsende Unsicherheit bei der Identifizierung dieser Vorfälle. Während im Vorjahr noch 87 Prozent der Unternehmen einen erfolgreichen Angriff sicher feststellen konnten, sank dieser Wert auf 67 Prozent. Gleichzeitig stieg die Zahl der Firmen, die einen Angriff lediglich vermuten, ohne diesen zweifelsfrei belegen zu können, von zehn auf 29 Prozent an.

Details zu den Angriffsmustern und Akteuren

Die Analyse der Herkunftsländer von Cyberangriffen zeichnet ein klares Bild der geopolitischen Spannungsfelder. Unternehmen, die Opfer von Spionage oder Sabotage wurden, identifizierten China und Russland am häufigsten als Ursprung der Attacken. Unter den Firmen, die einen Angriff sicher einem Akteur zuordnen konnten, entfielen 52 Prozent auf China und 49 Prozent auf Russland. Weitere Regionen, aus denen Angriffe verzeichnet wurden, sind Osteuropa außerhalb der EU mit 34 Prozent, die USA mit 27 Prozent sowie andere EU-Länder mit 26 Prozent. Auch Deutschland selbst wird in zwölf Prozent der Fälle als Ursprung genannt. Ein neuer Akteur auf diesem Feld ist der Iran, der mit rund neun Prozent erstmals als relevanter Akteur der Wirtschaftskriminalität in Erscheinung tritt. Dennoch bleibt die organisierte Kriminalität die wichtigste Tätergruppe insgesamt: 62 Prozent der betroffenen Unternehmen konnten Angriffe auf dieses Milieu zurückführen. Bei den Methoden dominieren weiterhin Ransomware-Attacken mit 25 Prozent, wenngleich dies einen Rückgang gegenüber dem Vorjahr bedeutet. Weitere gängige Vektoren sind Passwort-Angriffe, Phishing, DDoS-Attacken sowie die Infizierung mit Schadsoftware und Spoofing-Methoden.

Der Einfluss von Künstlicher Intelligenz auf die Sicherheit

Ein zentraler Aspekt der aktuellen Bedrohungslage ist der zunehmende Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) durch Angreifer. Die Mehrheit der befragten Unternehmen, konkret 82 Prozent, schätzt den Einfluss von KI-gestützten Methoden als wachsend ein. Diese Einschätzung stützt sich auf konkrete Indizien, die im Arbeitsalltag der IT-Sicherheitsabteilungen beobachtet werden. So berichten 53 Prozent der Firmen von einer automatisierten Anpassung der Angriffsversuche, was die Abwehr deutlich erschwert. Zudem wird die hohe Qualität von gefälschten Audio- und Videoaufnahmen – oft als Deepfakes bezeichnet – von 48 Prozent der Unternehmen als Problem wahrgenommen. Auch die Qualität von Textnachrichten und E-Mails, die kaum noch von menschlich verfassten Inhalten zu unterscheiden sind, wird von 38 Prozent der Befragten als kritisch eingestuft. Darüber hinaus bemerken 34 Prozent eine signifikant höhere Frequenz der Angriffe, die nur durch automatisierte Systeme aufrechterhalten werden kann. Diese technologische Aufrüstung aufseiten der Angreifer stellt die Unternehmen vor die Notwendigkeit, ihre eigenen Abwehrmechanismen kontinuierlich zu modernisieren und an die neuen, KI-gestützten Realitäten anzupassen.

Wirtschaftliche Schäden durch Cyberkriminalität

Die finanziellen Auswirkungen der Cyberkriminalität auf den Wirtschaftsstandort Deutschland sind massiv. Bitkom beziffert den Gesamtschaden durch Datendiebstahl, Industriespionage und Sabotage auf eine Summe zwischen 211 Milliarden und 270,8 Milliarden Euro. In diese Berechnung fließen vielfältige Kostenfaktoren ein: direkte Ausgaben für Betriebsausfälle, die Kosten für Ermittlungen und notwendige Ersatzmaßnahmen, Ausgaben für Rechtsstreitigkeiten sowie finanzielle Einbußen durch Erpressung. Ein wesentlicher Teil der Schäden entsteht zudem durch indirekte Folgen, etwa durch den Verlust von Wettbewerbsvorteilen oder den Diebstahl geistigen Eigentums, das in Form von Plagiaten auf den Markt gelangt. Besonders schwer wiegt dabei der Anteil der Cyberattacken an der Gesamtschadenssumme. Dieser liegt laut Bitkom bei 76 Prozent, was einer Summe zwischen 160,4 Milliarden und 205,8 Milliarden Euro entspricht. Der Trend ist hierbei steigend: Vor einem Jahr lag dieser Anteil noch bei 70 Prozent, vor fünf Jahren bei 59 Prozent. Insgesamt gaben 58 Prozent der Unternehmen an, in den vergangenen zwölf Monaten einen direkten Schaden durch Cyberangriffe erlitten zu haben.

Stellungnahmen und behördliche Einordnung

Die Ergebnisse der Bitkom-Studie werden von offizieller Seite mit großer Sorge betrachtet. Sinan Selen, der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, ordnet die Daten in den Kontext einer allgemein hohen Bedrohungslage ein. Seinen Aussagen zufolge fügen sich die Umfrageergebnisse nahtlos in das aktuelle Bild ein. Der Wirtschaftsstandort Deutschland stehe verstärkt im Fokus sowohl staatlicher als auch nicht-staatlicher Akteure. Selen betont, dass ausländische Nachrichtendienste ihre hybriden Aktivitäten in jüngster Zeit massiv intensiviert hätten. Als wesentliche Treiber dieser Entwicklung nennt er den anhaltenden Angriffskrieg Russlands sowie die zunehmende, verschleierte Nutzung von Künstlicher Intelligenz bei Cyberoperationen. Besonders gefährdet seien dabei Unternehmen aus der Sicherheits- und Verteidigungswirtschaft, die aufgrund ihrer strategischen Bedeutung attraktive Ziele für ausländische Dienste darstellen. Diese Einordnung durch den Verfassungsschutz unterstreicht die Notwendigkeit einer gesamtgesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wachsamkeit gegenüber digitalen Spionageaktivitäten, die weit über das bloße Ziel der finanziellen Bereicherung hinausgehen und die nationale Sicherheit berühren können.

Gründe für den Erfolg der Angreifer

Warum gelingt es Angreifern trotz steigender Aufmerksamkeit immer wieder, in Unternehmensnetzwerke einzudringen? Die Bitkom-Umfrage liefert hierzu eine detaillierte Analyse der Schwachstellen. 59 Prozent der Unternehmen, die einen Schaden erlitten haben, führen dies auf eine unzureichende Erkennung von Sicherheitsvorfällen zurück. Ein weiteres Kernproblem ist die Fehlkonfiguration von IT-Systemen, die von 57 Prozent der Firmen als Ursache genannt wird. Auch ein unzureichendes Identitäts- und Zugriffsmanagement, welches den Zugriff auf sensible Daten nicht ausreichend beschränkt, wurde von 55 Prozent der Betroffenen als Schwachpunkt identifiziert. Technische Schwachstellen in der Softwarearchitektur (50 Prozent) sowie der Einsatz veralteter Hard- und Software (43 Prozent) bieten Angreifern ebenfalls Einfallstore. In acht Prozent der Fälle erfolgte die Kompromittierung zudem indirekt über externe Dienstleister oder Zulieferer, was die Komplexität der Lieferketten-Sicherheit verdeutlicht. Diese Faktoren zeigen, dass es oft grundlegende Defizite in der sogenannten Cyber-Hygiene sind, die den Angreifern den Weg ebnen, anstatt ausschließlich hochkomplexe Zero-Day-Exploits.

Die Debatte um IT-Sicherheitsbudgets

Ein zentraler Streitpunkt bleibt die finanzielle Ausstattung der IT-Sicherheit. Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst kritisiert in diesem Zusammenhang die stagnierenden Budgets. Im Durchschnitt investieren deutsche Unternehmen 18 Prozent ihres gesamten IT-Budgets in die Sicherheit – ein Wert, der seit dem Vorjahr unverändert geblieben ist. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) empfiehlt hingegen einen Anteil von 20 Prozent. Zwar haben immerhin 45 Prozent der Unternehmen das Ziel erreicht, mindestens 20 Prozent oder mehr ihres IT-Budgets in diesen Bereich zu lenken, doch für die breite Masse bleibt dies eine Herausforderung. Wintergerst mahnt eindringlich, dass IT-Sicherheit jedes Unternehmen betreffe und ausreichende Investitionen unerlässlich seien. Unternehmen dürften es sich nicht leisten, darauf zu vertrauen, dass sie von Angriffen verschont bleiben. Die Diskrepanz zwischen der wachsenden Bedrohungslage und den teilweise stagnierenden Investitionen stellt ein strukturelles Risiko dar, das die Widerstandsfähigkeit der deutschen Wirtschaft gegenüber staatlich gesteuerter Spionage und Kriminalität schwächen könnte.

Offene Fragen und zukünftige Entwicklungen

Obwohl die Studie ein umfassendes Bild der Bedrohungslage zeichnet, bleiben einige Fragen unbeantwortet. So lässt der Quelltext offen, welche konkreten Gegenmaßnahmen die Unternehmen planen, um die identifizierten Schwachstellen wie Fehlkonfigurationen oder mangelndes Identitätsmanagement kurzfristig zu beheben. Auch bleibt unklar, wie die Unternehmen die steigende Unsicherheit bei der Zuordnung von Angriffen – also die Zunahme der "Vermutungsfälle" – in ihrer internen Risikobewertung handhaben. Es wird nicht explizit ausgeführt, welche Rolle staatliche Förderprogramme bei der Schließung der Budgetlücke spielen könnten oder inwiefern eine engere Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Sicherheitsbehörden über den Informationsaustausch hinaus angestrebt wird. Auch die Frage, wie effektiv die Abwehr von KI-gestützten Angriffen mit den derzeitigen Budgets überhaupt möglich ist, bleibt ein Punkt, der weiterer Diskussion bedarf. Die Entwicklung zeigt jedoch, dass die Unternehmen vor einem dauerhaften Prozess stehen: Die Anpassung der Sicherheitsstrategien an die hybriden Bedrohungen durch ausländische Geheimdienste wird auch in den kommenden Monaten und Jahren eine der zentralen Aufgaben für die IT-Verantwortlichen in Deutschland bleiben.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/strasse-burgersteig-gehweg-auto-11045358/ · Foto: Valeria Boltneva
Quelle: https://www.heise.de/news/Cyberangriffe-Immer-mehr-Firmen-vermuten-auslaendische-Geheimdienste-dahinter-11426701.html?wt_mc=rss.red.ho.ho.atom.beitrag.beitrag