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Warum man die AfD wählt: Die Menschen wollen betrogen sein
Kultur · 29.08.2026 07:46

Warum man die AfD wählt: Die Menschen wollen betrogen sein

Kurz: Eine tiefenpsychologische Analyse der AfD-Wählerschaft: Warum politische Argumente oft ins Leere laufen und welche Rolle die Ich-Schwäche dabei spielt.

Die psychologische Dimension der AfD-Wahlentscheidung

Die politische Debatte um die AfD konzentriert sich häufig auf inhaltliche Argumente, Parteiprogramme oder die Frage nach einer möglichen Spaltung der Partei in moderate und radikale Flügel. Christian Geyer wirft in seiner Analyse jedoch einen anderen Blick auf das Phänomen: Er hinterfragt, ob die Anhängerschaft der Partei primär durch politische Überzeugungen motiviert ist oder ob hier psychologische Mechanismen greifen, die weit vor der eigentlichen politischen Entscheidung liegen. Es stellt sich die Frage, ob viele Wähler nicht eher als „Psycho-Wähler“ zu betrachten sind. Diese Menschen suchen nach Entlastungsstrategien für ihre eigenen Angstzustände und Überforderungsgefühle. Indem sie autoritären Versprechen aufsitzen, versuchen sie, eine grassierende Ich-Schwäche zu kompensieren. Geyer argumentiert, dass die bloße politische Auseinandersetzung mit der AfD oft wirkungslos verhallt, da sie die emotionalen Bedürfnisse der Wähler ignoriert oder sogar als Abwertung wahrgenommen wird, was die Bindung an die Partei paradoxerweise noch verstärken kann. Es geht um eine Form des „politischen Aberglaubens“, der in der heutigen Zeit durch soziale Medien und eine komplexe, als übermächtig empfundene Weltlage zusätzlich befeuert wird.

Die Rolle der Parteienforschung und ihre Grenzen

Parteienforscher wie Benjamin Höhne von der Technischen Universität Chemnitz haben bereits auf die psychologische Anfälligkeit von Wählern hingewiesen. In einer Stellungnahme gegenüber dem MDR betonte Höhne, dass die Angst vor der Zukunft, die Vielfalt der Krisen und die Zweifel an der Problemlösungskompetenz des demokratischen Staates dazu führen, dass sich Menschen zu rechtsextremen Parteien flüchten. Geyer kritisiert jedoch, dass diese Analysen oft in einer gewissen begrifflichen Vagheit verharren. Die psychologischen Bereitschaften der Wähler werden zwar als Faktor benannt, aber nicht hinreichend tiefgehend untersucht. Diese „küchenpsychologische“ Herangehensweise greift zu kurz, um Gegenstrategien zu entwickeln, die tatsächlich an der vorpolitischen Wurzel des Problems ansetzen könnten. Statt die psychologischen Bereitschaften der Wählerschaft – jenseits der bereits radikalisierten Rechtsextremisten – genauer zu betrachten, verliert sich der politische Diskurs in einer ständigen Wiederholung von Argumenten, die bei der Zielgruppe keine Resonanz mehr finden. Es bedarf einer präziseren anthropologischen Betrachtung, um zu verstehen, warum die AfD für so viele Menschen als Ventil für ihre existenziellen Ängste dient.

Strategien der Zähmung und ihre politische Wirkungslosigkeit

In der aktuellen Debatte kursieren verschiedene Strategien, um der AfD zu begegnen. Eine prominente Idee ist die der „roten Linien“, wie sie der Historiker Andreas Rödder formuliert hat. Diese Strategie wurde jüngst von der ehemaligen Bundesfamilienministerin Kristina Schröder aufgegriffen. Ihr Ziel ist es, die AfD in einen moderaten und einen radikalen Teil zu spalten. Durch ein Entgegenkommen in bestimmten Politikfeldern, etwa bei einer Renationalisierung von Kompetenzen, die derzeit auf europäischer Ebene reguliert werden, soll eine „andere AfD“ hervorgebracht werden, mit der ein politischer Umgang möglich wäre. Geyer bezeichnet diesen Ansatz als politisch naiv und sogar als „Geisterfahrerei“. Besonders angesichts der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt sei eine solche Strategie nicht nur zeitlich zu spät angesetzt, sondern sie verfehle auch vorsätzlich die psychologische Bühne, auf der die AfD ihre Erfolge feiert. Die Hoffnung, die Partei durch „konditionierte Gesprächsbereitschaft“ zu zähmen, ignoriert die tiefsitzenden Affekte der Anhängerschaft, die sich nicht durch taktische Manöver der etablierten Parteienpolitik beeinflussen lassen.

Die Analyse von Adorno und die heutige Internetöffentlichkeit

Um das Phänomen der AfD-Wählerschaft besser zu verstehen, zieht Geyer den Philosophen Theodor W. Adorno heran. Dessen Vortrag „Ist Aberglaube harmlos?“, gehalten am 30. November 1962, bietet überraschende Parallelen zur heutigen Situation. Adorno beschreibt den Aberglauben nicht nur als Relikt vergangener Zeiten, sondern als Ausdruck einer „Ich-Schwäche“ in der modernen Gesellschaft. Die Menschen werden in dieser Analyse zu Zentren bedingter Reflexe herabgesetzt, da ihre tatsächliche Entscheidungsmacht durch die Übermacht großer wirtschaftlicher Gruppen und einer hochkonzentrierten Verwaltungsmacht massiv eingeschränkt ist. Diese soziologische Diagnose lässt sich auf die heutige Internetöffentlichkeit übertragen, in der soziale Medien als Verstärker für eine politische Ersatzrationalität dienen. Die Anhänger der AfD, so der Schluss, suchen in einer Welt, in der sie sich als ohnmächtig empfinden, nach einfachen Erklärungen und autoritären Versprechen. Die digitale Welt bietet hierfür den idealen Nährboden, da sie komplexe Zusammenhänge auf affektive Botschaften reduziert und die psychologische Dynamik der Ich-Schwäche weiter befeuert.

Anthropologische Perspektiven auf die Wählerschaft

Die Frage, warum sich Menschen der AfD zuwenden, lässt sich laut Geyer nicht allein durch politische Programme beantworten. Es ist notwendig, die „vorpolitischen Bereitschaften“ der Wähler in den Blick zu nehmen, ohne dabei in eine pauschale Abwertung zu verfallen. Es geht um das Verständnis existenzieller Untergangsszenarien, um Alarmismus und um den Verlust der Nerven bei vielen Bürgern. Das Politische wird hier als Ausgleich für eine grassierende Ich-Schwäche genutzt, die sich über sich selbst unaufgeklärt entlädt. Wenn man die AfD-Anhängerschaft nicht als politisch unzurechnungsfähig abtun will, muss man die psychologische Dynamik hinter ihrem Wahlverhalten ernst nehmen. Der Faschismustheoretiker Adorno liefert hierfür Unterscheidungen, die über eine bloße „Begriffsmagie“ hinausgehen. Ein psychologisch erweiterter Politikbegriff könnte dazu beitragen, die Wählerschaft über ihre eigenen Motive aufzuklären, statt ihr lediglich mit einer Rhetorik zu begegnen, die sie als prekäre Existenzen in eine autoritäre Falle laufen lässt. Es ist eine Einladung, die anthropologischen Triebkräfte hinter dem politischen Handeln zu hinterfragen.

Offene Fragen und die Lücke im Diskurs

Der Quelltext lässt einige Fragen offen, die für das Verständnis des Phänomens von zentraler Bedeutung wären. Zwar wird die psychologische Anfälligkeit der Wähler betont, doch bleibt unklar, wie eine „Aufklärung“ der Wählerschaft in der Praxis aussehen könnte. Wenn politische Argumente im AfD-Milieu verhallen, welche Kommunikationsformen könnten dann überhaupt noch eine Brücke schlagen? Zudem bleibt die Frage unbeantwortet, inwieweit die von Adorno beschriebene „Ich-Schwäche“ tatsächlich ein spezifisches Merkmal der AfD-Wählerschaft ist oder ob sie ein allgemeines gesellschaftliches Phänomen darstellt, das lediglich bei diesen Wählern eine bestimmte politische Ausprägung findet. Auch die konkreten Mechanismen, wie soziale Medien die „Ersatzrationalität“ im Einzelfall verstärken, werden nur angedeutet, aber nicht empirisch belegt. Es bleibt eine Lücke zwischen der theoretischen Analyse der psychologischen Disposition und der praktischen Umsetzung politischer Strategien, die diese Erkenntnisse berücksichtigen würden. Die Frage, wie man die „vorpolitische Stelle“ erreicht, ohne dabei die demokratischen Grundsätze zu untergraben, bleibt eine Herausforderung, auf die der Text keine einfache Antwort liefert.

Die Bedeutung des Begriffs „Aberglaube“ im politischen Kontext

Adornos Begriff des Aberglaubens ist im Kontext der AfD-Analyse zentral. Er beschreibt eine Form der Weltdeutung, die sich der rationalen Prüfung entzieht und stattdessen auf affektive Bindungen setzt. Wenn Geyer schreibt, dass die Menschen „betrogen sein wollen“, bezieht er sich auf die Bereitschaft, sich von einfachen, autoritären Versprechen täuschen zu lassen, weil die Wahrheit – die eigene Ohnmacht gegenüber den großen Institutionen – zu schmerzhaft ist. Dieser Aberglaube ist in der heutigen Zeit nicht harmlos, da er die Basis für eine „Faschisierung“ innerhalb einer funktionierenden Demokratie bilden kann. Die Menschen flüchten sich in eine Welt, in der sie sich wieder als handlungsfähig wahrnehmen, auch wenn diese Handlungsfähigkeit auf einer Illusion beruht. Die politische Herausforderung besteht darin, diesen Mechanismus zu durchbrechen, ohne die Menschen, die sich in diese Ersatzrationalität flüchten, komplett aufzugeben oder als Feinde zu stigmatisieren. Es ist ein Balanceakt zwischen der Verteidigung demokratischer Werte und der Notwendigkeit, die psychologischen Bedürfnisse einer verunsicherten Bevölkerung ernst zu nehmen.

Ausblick auf eine notwendige Blickumkehr

Die Analyse schließt mit der Forderung nach einer „Blickumkehr“. Anstatt sich immer wieder auf die neuesten Exzesse der AfD-Parteiprogrammatik zu konzentrieren, sollten sich Politik und Medien stärker auf die psychologischen Voraussetzungen der Wählerschaft fokussieren. Eine bloße „Entzauberung“ der Partei durch die Zeit oder durch mehr vom selben politischen Diskurs wird als wenig erfolgversprechend eingestuft. Vielmehr ist ein tieferes Verständnis der anthropologischen Triebkräfte erforderlich, die Menschen dazu bewegen, sich einer rechtsextremen Partei zuzuwenden. Die Zukunft wird zeigen, ob es gelingt, einen Politikbegriff zu entwickeln, der die psychologische Realität der Menschen integriert, ohne den demokratischen Konsens aufzugeben. Die Warnung vor einer „begrifflichen Vagheit“ und die Mahnung, die soziologischen Befunde Adornos ernst zu nehmen, bilden den Kern dieser Forderung. Es ist ein Plädoyer für eine reflektiertere Debatte, die den Menschen hinter dem Wähler nicht aus den Augen verliert, auch wenn dessen politische Entscheidungen den Grundfesten der liberalen Demokratie entgegenstehen.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/dynamisches-innendesign-des-museums-fur-moderne-kunst-36126281/ · Foto: Adrien Olichon
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/afd-waehler-die-menschen-wollen-betrogen-sein-accg-201168550.html