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Herkunft und Status: Wie es ist, aus dem Spandau von London zu kommen
Kultur · 28.08.2026 20:45

Herkunft und Status: Wie es ist, aus dem Spandau von London zu kommen

Kurz: Jacinta Nandi reflektiert über ihre Herkunft aus dem Londoner Vorort Ilford, das schwierige Klassensystem und die Suche nach Identität zwischen zwei Kulturen.

Was geschehen ist – die Kernmeldung

Die Autorin Jacinta Nandi setzt sich in ihrem Beitrag mit der komplexen Identität auseinander, die mit einer Herkunft aus Ilford, einem Stadtteil im Londoner Bezirk Redbridge, verbunden ist. Für Menschen außerhalb Großbritanniens ist dieser Ort kaum ein Begriff, was die Autorin dazu zwingt, bei der Frage nach ihrer Herkunft stets eine Vereinfachung vorzunehmen. Anstatt den spezifischen, eher unscheinbaren Vorort zu nennen, greift sie auf das Label „London“ zurück, um dann bei Nachfragen die Enttäuschung ihres Gegenübers über das fehlende „London-London“-Flair zu erleben. Nandi beschreibt Ilford als einen Ort, der geographisch und kulturell zwischen der Metropole und der Grafschaft Essex schwebt. Die Auseinandersetzung mit dieser Herkunft führt sie zu einer tieferen Analyse über soziale Klassen, den Umgang mit Herkunft in Deutschland und Großbritannien sowie die oft skurrilen Verbindungen zwischen ihrer Heimat und der deutschen Literaturlandschaft. Es ist eine Geschichte über das Gefühl, aus einer „verlässlich unwichtigen“ Randstadt zu stammen, die dennoch eine eigene, unverwechselbare Identität besitzt.

Die Einzelheiten – Zahlen, Namen und Orte

Ilford liegt im Bezirk Redbridge, einer Region, die an der Grenze zwischen Ost-London und der Grafschaft Essex liegt. Die Autorin betont die bürokratische Ambivalenz: Man nutzte Londoner Telefonnummern, besaß jedoch eine Postleitzahl aus Essex. Der Bezirk Redbridge wurde kürzlich von Bürgermeister Sadiq Khan als der grünste Bezirk Londons bezeichnet, eine Einschätzung, die Nandis Tante zwar stolz zur Kenntnis nimmt, jedoch mit dem Hinweis auf das wenig ästhetische Erscheinungsbild des Stadtzentrums relativiert. Die demografische Zusammensetzung ist durch einen hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund geprägt, was den Ort für viele Londoner ungewöhnlich erscheinen lässt. Kulinarisch bietet Ilford eine Mischung aus indischen Imbissstuben und Kuriositäten wie dem „Punjabi Food and German Pizza“-Restaurant. Kulturell ist der Ort laut Nandi frei von Poetry Slams, was sie humorvoll als einen „Poesie-Schutzschild“ bezeichnet. Bekannte Persönlichkeiten wie die Bachmannpreisträgerin Sharon Dodua Otoo und die Dichterin Denise Levertov stammen ebenfalls aus Ilford, was die Autorin als Beweis für die Bedeutung ihres Heimatortes anführt.

Hintergrund – Die Entwicklung einer Identität

Die Geschichte von Ilford ist geprägt von einer gewissen Stagnation, die die Autorin als Immunität gegen Gentrifizierung beschreibt. Während andere Stadtteile wie Walthamstowohl in London als auch in anderen Metropolen – durch den Zuzug von Hipstern und die Umbenennung von Zentren in „Villages“ (wie etwa Walthamstow Village oder Stratford Village) aufgewertet wurden, blieb Ilford von solchen Entwicklungen weitgehend verschont. Nandi beschreibt dies als eine Art Asterix-Dorf-Phänomen. In den 70er und 90er Jahren galt die Gegend als gefährlicher als heute. Die heutige Atmosphäre beschreibt sie als respektvoll und fast bürgerlich, auch wenn das Stadtbild optisch wenig hergibt. Die Autorin zieht einen Vergleich zum Berliner Stadtteil Spandau. Obwohl geographisch ungenau – Spandau liegt im Westen, Ilford im Nordosten –, sieht sie in beiden Orten „Randstädte großer Städte“, die als unscheinbar, leicht beschämt und verlässlich unwichtig wahrgenommen werden. Diese „Randständigkeit“ prägt das Selbstverständnis der Menschen, die dort aufwachsen und sich oft zwischen zwei Welten bewegen.

Die Beteiligten – Personen und Institutionen

Im Zentrum steht die Autorin Jacinta Nandi selbst, die ihre Erfahrungen als in Deutschland lebende Britin reflektiert. Sie erwähnt ihre verstorbene Mutter, die stolz auf den hohen Ausländeranteil in Ilford war, sowie ihre Tante, die eine kritische, aber zugleich humorvolle Sicht auf den Zustand des Stadtteils pflegt. Der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan wird als offizielle Instanz zitiert, die das Image des Bezirks Redbridge durch die Auszeichnung als „grünster Bezirk“ aufwerten möchte. Auf einer Party während der Frankfurter Buchmesse trifft Nandi auf einen anonymen Gesprächspartner, der stellvertretend für die Reaktionen auf ihre Herkunftsgeschichte steht. Zudem werden literarische Größen wie Sharon Dodua Otoo und Denise Levertov genannt, die als kulturelle Botschafterinnen ihres Heimatortes fungieren. Die Erwähnung der Band Small Faces und deren Song „Itchycoo Park“ rundet das Bild der lokalen Identität ab, die sich aus kleinen, oft übersehenen Mosaiksteinen zusammensetzt.

Einordnung – Soziale Klassen und Wahrnehmung

Einzuordnen ist Nandis Bericht als eine kritische Auseinandersetzung mit dem unterschiedlichen Klassenbewusstsein in Deutschland und Großbritannien. Den Berichten zufolge ist das britische Klassensystem zwar snobistisch, aber oft subtiler als das deutsche Pendant. In Deutschland beobachtet die Autorin eine Tendenz, soziale Unterschiede zu verschleiern und stattdessen ein „normales“ Deutschsein zu propagieren, während Menschen mit Namen wie Kevin oder Chantal als „peinlich“ stigmatisiert werden. In Großbritannien hingegen ist die Auseinandersetzung zwischen Ober- und Mittelschicht offener und direkter. Die Autorin stellt fest, dass sie Deutschland möglicherweise gewählt hat, um dem englischen Klassensystem zu entfliehen, stellt sich jedoch die Frage, ob sie in der deutschen Gesellschaft nicht wieder in andere, ebenso starre Muster verfällt. Die „Peinlichkeit“, die sie bei sich selbst wahrnimmt, wenn sie ihre Herkunft überbetont, spiegelt den Wunsch wider, trotz der Herkunft aus einem „Drecksloch“ eine kulturelle Relevanz zu beanspruchen.

Offene Fragen – Was bleibt unbeantwortet

Der Quelltext lässt einige Aspekte bewusst offen, die für das Verständnis der soziologischen Lage von Ilford hilfreich wären. So wird nicht detailliert erläutert, welche ökonomischen Faktoren genau dazu geführt haben, dass Ilford von der Gentrifizierung verschont blieb, während umliegende Gebiete wie Stratford einen massiven Wandel durchliefen. Auch die Frage, wie die Bewohner von Ilford selbst ihre Zukunft in einem sich verändernden London sehen, bleibt weitgehend unbeantwortet. Ebenso wird nicht geklärt, ob die von der Autorin wahrgenommene „Peinlichkeit“ ihrer eigenen Person eine spezifische Reaktion auf das deutsche Umfeld ist oder ob sie diese Verhaltensweise auch in einem rein britischen Kontext an den Tag legen würde. Die Verbindung zwischen Ilford und der deutschen Literatur bleibt zudem eine sehr subjektive Interpretation der Autorin, die keine wissenschaftliche oder historische Fundierung beansprucht, sondern vielmehr als literarisches Konstrukt dient.

Wie es weitergeht – Ausstehende Entwicklungen

Konkrete Termine oder politische Entscheidungen werden im Text nicht genannt, da es sich um einen essayistischen Rückblick handelt. Dennoch deutet die Autorin an, dass die Bedeutung von Ilford durch infrastrukturelle Maßnahmen wie die Anbindung an die „Elizabeth Line“ wächst. Diese U-Bahn-Linie hat den Ort laut Nandi „literally on the map“ gesetzt, was langfristig doch zu einer Veränderung der Wahrnehmung oder gar zu einer schleichenden Aufwertung führen könnte. Die Autorin selbst scheint ihren Platz zwischen den Kulturen gefunden zu haben, auch wenn sie weiterhin nach der „Spandau-English literature connection“ sucht. Ob sie ihre These über den „Poesie-Schutzschild“ von Ilford durch weitere Recherchen über Denise Levertov und deren Deutschlandbezug weiter untermauern wird, bleibt als offenes Projekt bestehen. Die Erzählung endet mit der Reflexion darüber, was es bedeutet, peinlich zu sein, und lässt den Leser mit der Frage zurück, ob die eigene Herkunft jemals vollständig von der Identität entkoppelt werden kann.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/gebaude-galerie-england-museum-6398533/ · Foto: Ollie Craig
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/herkunft-und-status-wie-es-ist-aus-dem-spandau-von-london-zu-kommen-201161257.html