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Frankfurt: Zerstörte Synagoge wird mit VR-Fernrohr wieder sichtbar
Regional · 02.09.2026 08:28

Frankfurt: Zerstörte Synagoge wird mit VR-Fernrohr wieder sichtbar

Kurz: In Frankfurt wird die 1938 zerstörte Synagoge durch Virtual Reality wieder erlebbar. Ein neues Fernrohr macht die Geschichte an der Friedberger Anlage sichtbar.

Was geschehen ist: Die virtuelle Rückkehr eines verlorenen Bauwerks

In Frankfurt am Main ist ein bedeutendes Stück verlorener Stadtgeschichte in den öffentlichen Raum zurückgekehrt. An der Stelle, an der einst die größte Synagoge der Stadt stand, können Besucher ab sofort mittels moderner Technologie einen Blick in die Vergangenheit werfen. Die Nationalsozialisten hatten das Gotteshaus der Israelitischen Religionsgesellschaft im Zuge der Novemberpogrome des Jahres 1938 systematisch niedergebrannt und geplündert. Das Gebäude, das über Tage hinweg den Flammen preisgegeben wurde, während die Feuerwehr untätig blieb, existiert heute physisch nicht mehr. An seiner Stelle befindet sich ein wuchtiger Hochbunker, den das NS-Regime in den 1940er Jahren auf den Grundmauern der Synagoge errichtete. Durch ein neu installiertes "Fernrohr in die Vergangenheit", das in der Friedberger Anlage aufgestellt wurde, lässt sich die prächtige Fassade des zerstörten Bauwerks nun virtuell wieder in den heutigen Stadtkontext einblenden. Dieses Projekt verbindet historische Aufarbeitung mit innovativer Virtual-Reality-Technik, um das Ausmaß der Zerstörung und die einstige architektonische Bedeutung des Ortes für die Öffentlichkeit wieder erfahrbar zu machen.

Die Einzelheiten: Technik und historische Rekonstruktion

Die Umsetzung dieses Projekts stützt sich auf präzise computergestützte Modelle, die im Rahmen einer wissenschaftlichen Initiative der Technischen Universität Darmstadt entwickelt wurden. Ziel des Vorhabens ist es, insgesamt acht ehemals existierende Synagogen im digitalen Raum wieder auferstehen zu lassen. Das "Fernrohr in die Vergangenheit" fungiert dabei als eine Art visuelle Brücke: Wer durch das Gerät blickt, sieht nicht den heutigen Betonbunker, sondern die rekonstruierte Fassade der Synagoge. Ergänzend dazu bietet das Projekt die Möglichkeit, mittels Virtual-Reality-Brillen direkt in die Innenräume des zerstörten Gebäudes einzutauchen. Max Apel, Geschäftsführer der Initiative 9. November, hebt hervor, dass die digitalen Modelle stetig verfeinert werden. So seien die Innenräume mittlerweile detailliert koloriert, inklusive der farbigen Fenstergestaltung. Die Nutzung sowohl des Fernrohrs als auch der VR-Brillen ist für die interessierte Öffentlichkeit kostenfrei zugänglich. Die Initiative 9. November, die sich intensiv für das Gedenken an die Opfer der NS-Zeit engagiert, hat das Projekt maßgeblich vorangetrieben, um die historische Dimension des Ortes aus der Anonymität des heutigen Betonbaus herauszulösen.

Hintergrund: Vom Pogrom zum Hochbunker

Die Geschichte dieses Ortes in der Frankfurter Friedberger Anlage ist eng mit den Verbrechen des Nationalsozialismus verknüpft. Im November 1938, während der organisierten Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung, wurde die Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft zum Ziel der NS-Schergen. Über mehrere Tage hinweg wurde das Gebäude geplündert und in Brand gesetzt, bis von der einstigen Pracht nichts mehr übrig war. Ein besonders dunkles Kapitel stellt hierbei das Verhalten der damaligen Frankfurter Feuerwehr dar, die bewusst nicht eingriff, um die Löscharbeiten zu unterlassen und die Zerstörung des jüdischen Gotteshauses zu vollenden. Nach der vollständigen Vernichtung des Gebäudes nutzten die Nationalsozialisten das Grundstück in den 1940er Jahren für den Bau eines Hochbunkers. Dieser massive Betonklotz, der bis heute das Stadtbild an dieser Stelle prägt, diente dazu, die physische Präsenz der Synagoge im Stadtgedächtnis zu tilgen und durch ein Symbol der nationalsozialistischen Militär- und Zivilarchitektur zu ersetzen. Die heutige virtuelle Rekonstruktion versucht, diese gewaltsame Überlagerung der Geschichte aufzubrechen und den Blick auf das zu lenken, was verloren ging.

Die Beteiligten: Institutionen und Akteure der Erinnerungskultur

Das Projekt ist das Ergebnis einer Kooperation zwischen akademischen Institutionen und zivilgesellschaftlichen Akteuren. Die Technische Universität Darmstadt zeichnet für die technische Entwicklung und die Erstellung der hochkomplexen 3D-Modelle verantwortlich. Auf der Seite der zivilgesellschaftlichen Vermittlung spielt der Verein Initiative 9. November eine zentrale Rolle; dessen Geschäftsführer Max Apel fungiert als einer der wichtigsten Fürsprecher des Projekts. Er betont die emotionale Wirkung der VR-Erfahrung, die ihm zufolge die enorme Dimension des Gebäudes erst richtig begreifbar macht. Auf politischer Ebene unterstützt die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig das Vorhaben. Sie ordnet das Projekt als einen essenziellen Bestandteil der städtischen Erinnerungsarbeit ein. Die Zusammenarbeit dieser unterschiedlichen Akteure zielt darauf ab, die Geschichte nicht nur in Archiven zu bewahren, sondern sie durch moderne Technologie in den Alltag der Stadtgesellschaft zurückzuholen und so einen aktiven Diskurs über das Erbe des Nationalsozialismus zu fördern.

Einordnung: Warum virtuelle Visualisierung notwendig ist

Den Berichten zufolge ist das Projekt weit mehr als eine rein technische Spielerei. Es ist einzuordnen als ein bewusster Akt der historischen Sichtbarmachung. Die Kulturdezernentin Ina Hartwig betont, dass es enorm wichtig sei, das durch die Nationalsozialisten Zerstörte wieder zu visualisieren, um das Bewusstsein für die Verluste zu schärfen. Die virtuelle Rekonstruktion dient dabei als ein Mittel der Verteidigung der demokratischen Grundordnung. Indem die Initiative den "hässlichen Betonklotz" des Bunkers durch die digitale Projektion der Synagoge überlagert, wird ein Kontrast geschaffen, der die Besucher zum Nachdenken anregt. Die lebendige und aufgeschlossene Erinnerungsarbeit, wie Hartwig sie beschreibt, soll verhindern, dass die Orte der Vernichtung in Vergessenheit geraten oder ihre Geschichte durch spätere Überbauungen vollständig verdrängt wird. Die Technik der Virtual Reality ermöglicht es hierbei, eine emotionale Verbindung zu einer Architektur herzustellen, die für die meisten Zeitgenossen nur noch aus Schwarz-Weiß-Fotografien oder abstrakten historischen Berichten bekannt ist.

Offene Fragen: Was die Dokumentation noch nicht klärt

Obwohl das Projekt einen bedeutenden Schritt in der Vermittlung der Frankfurter Stadtgeschichte darstellt, bleiben einige Aspekte im vorliegenden Quelltext unbeantwortet. So wird beispielsweise nicht explizit dargelegt, wie die langfristige Finanzierung des Projekts gesichert ist, insbesondere im Hinblick auf die Wartung der technischen Anlagen wie des Fernrohrs in der Parkanlage. Auch bleibt offen, wie die Akzeptanz in der Bevölkerung langfristig gemessen wird oder ob es Pläne gibt, die VR-Angebote über den aktuellen Standort hinaus an weiteren Orten der Stadt oder in Bildungseinrichtungen wie Schulen zugänglich zu machen. Zudem wird nicht spezifiziert, wie die TU Darmstadt die historische Authentizität der 3D-Modelle im Detail verifiziert hat, wenn für bestimmte Innenraumbereiche möglicherweise keine vollständigen Baupläne oder detaillierten Beschreibungen mehr existierten. Auch die Frage nach der physischen Integration weiterer Gedenktafeln oder Informationen direkt am Bunker, die über das virtuelle Angebot hinausgehen, wird nicht abschließend thematisiert.

Wie es weitergeht: Die Zukunft der digitalen Erinnerung

Das "Fernrohr in die Vergangenheit" ist als Teil einer größeren Strategie der TU Darmstadt zu verstehen, die insgesamt acht Synagogen in Frankfurt virtuell wieder sichtbar machen will. Das Projekt in der Friedberger Anlage markiert dabei einen wichtigen Meilenstein. Die kontinuierliche Verbesserung der Computer-Modelle deutet darauf hin, dass die digitale Aufarbeitung ein dynamischer Prozess ist, der auch in Zukunft weiterentwickelt wird. Die Beteiligten, allen voran die Initiative 9. November und die Stadt Frankfurt, setzen darauf, dass durch solche niederschwelligen Angebote wie das Fernrohr und die VR-Brillen das Interesse an der jüdischen Geschichte Frankfurts bei einem breiten Publikum geweckt wird. Weitere Schritte zur Ausweitung dieses digitalen Netzwerks der Erinnerung sind im Kontext des übergeordneten Projekts der TU Darmstadt zu erwarten, wobei die Erfahrungen aus der Umsetzung an der Friedberger Anlage vermutlich als Blaupause für die weiteren sieben Standorte dienen werden. Die Stadt Frankfurt unterstreicht damit ihren Anspruch, eine Vorreiterrolle in der modernen, technologisch unterstützten Erinnerungskultur einzunehmen.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/ruhiger-nachmittagsspaziergang-im-frankfurter-park-28550279/ · Foto: nana
Quelle: https://www.tagesschau.de/inland/regional/hessen/hr-frankfurt-zerstoerte-synagoge-wird-mit-vr-fernrohr-wieder-sichtbar-100.html