Ein unerwarteter Fund mit historischer Tragweite
In der beschaulichen Stadt Flörsheim im Main-Taunus-Kreis hat sich ein Ereignis zugetragen, das die Welt der Archivare und Bibliothekare gleichermaßen aufhorchen lässt. In den Räumlichkeiten des Sozialkaufhauses "Tisch und Teller", das von der Regionalen Diakonie Main- und Hochtaunus betrieben wird, kam ein historisches Dokument zum Vorschein, das dort niemand vermutet hätte. Zwischen einer Vielzahl gewöhnlicher Bücherspenden, wie sie tagtäglich in solchen Einrichtungen abgegeben werden, entdeckte der Mitarbeiter Florian Barthel einen Druck, der sich bei näherer Betrachtung als ein überaus wertvolles Rechtsbuch aus dem Jahr 1594 herausstellte. Der in lateinischer Sprache verfasste Band, der den Titel "Pauli Sententiae" trägt, befand sich in einem erstaunlich guten Erhaltungszustand. Dieser Umstand sorgte zunächst für Skepsis unter den Mitarbeitern des Sozialkaufhauses, da die Authentizität eines so alten Werkes in einem solchen Kontext zunächst kaum glaubhaft erschien. Dennoch löste der Fund eine Kette von Nachforschungen aus, die schließlich zur Identifizierung eines seit Jahrzehnten vermissten Kulturgutes führte. Nach der erfolgreichen Verifizierung durch Experten konnte das Werk nun offiziell an seinen rechtmäßigen Aufbewahrungsort, die Staatsbibliothek zu Berlin, zurückgeführt werden, womit eine Odyssee von mehr als acht Jahrzehnten ein glückliches Ende fand.
Die akribische Spurensuche der Experten
Nachdem Florian Barthel das Buch entdeckt hatte, wandte sich das Team des Sozialkaufhauses an Fachleute, um den Wert und die Herkunft des Bandes zu klären. Ein entscheidender Hinweis kam dabei aus einem Auktionshaus, das den Kontakt zur Königlichen Bibliothek in Erfurt empfahl. Diese Spur erwies sich als goldrichtig. Andrea Langner von der Sondersammlung der Universitätsbibliothek Erfurt und Michaela Scheibe von der Staatsbibliothek zu Berlin arbeiteten eng zusammen, um die wechselvolle Geschichte des Bandes zu rekonstruieren. Die Experten stießen dabei auf einen alten Stempel der "Königlichen Bibliothek zu Erfurt" sowie auf ein Exlibris, also einen Eigentumsnachweis, von Philipp Wilhelm von Boineburg. Diese Indizien erlaubten es, den Weg des Buches präzise nachzuzeichnen. Der Druck war ursprünglich Teil einer umfangreichen Sammlung von 850 Bänden, die einst Robert Königsmann, einem Straßburger Professor für Rhetorik, gehört hatte. Nach dessen Tod wurde die Sammlung von Johann Christian von Boineburg erworben und an seinen Sohn Philipp Wilhelm weitergegeben, der als Kurmainzer Statthalter in Erfurt fungierte. Die Universität Erfurt erhielt die Sammlung später als Schenkung, bevor sie im Jahr 1908 gemeinsam mit anderen Beständen an die damalige Königliche Bibliothek zu Berlin verkauft wurde.
Historischer Hintergrund und die Wirren des Krieges
Die Geschichte des Buches ist eng mit den turbulenten Ereignissen des 20. Jahrhunderts verknüpft. Bei dem in Nürnberg gedruckten Werk handelt es sich um eine juristische Schrift, die dem römischen Juristen Julius Paulus zugeschrieben wird, der im frühen 3. Jahrhundert lebte. Die vorliegende Ausgabe wurde von dem niederländischen Humanisten und Juristen Conradus Rittershusius herausgegeben, der zwischen 1560 und 1613 lebte. Die Textrekonstruktion geht auf den französischen Juristen Jacques de Cujas zurück. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Buch, wie viele andere wertvolle Kulturgüter auch, aus Berlin ausgelagert, um es vor den verheerenden Bombenangriffen zu schützen. Dabei gelangte der Band in das Kalibergwerk Hattorf in Hessen, das als unterirdisches Depot für Bibliotheksbestände diente. In den Wirren des Kriegsendes und der darauffolgenden Besatzungszeit ging das Buch verloren. Seit dem Jahr 1945 wurde es offiziell als Kriegsverlust geführt. Dass es nun, über 80 Jahre später, in einem Sozialkaufhaus wieder auftauchte, grenzt an ein kleines Wunder und unterstreicht, wie lange verschollene Kulturgüter oft unbemerkt in privaten Beständen überdauern können, bevor sie durch Zufall wieder ans Licht gelangen.
Die Akteure hinter der Rückführung
An der Identifizierung und Rückgabe des historischen Bandes waren verschiedene Akteure beteiligt. Auf lokaler Ebene spielte das Sozialkaufhaus "Tisch und Teller" in Flörsheim eine zentrale Rolle. Die Betriebsleiterin Heike Rosa betonte, dass ihr Haus regelmäßig historische Bücher als Spenden erhalte, wobei das Team bei Zweifeln stets auf die Expertise von Historikern zurückgreife. Florian Barthel, der den Fund machte, handelte dabei vorbildlich, indem er die richtigen Kontakte knüpfte. Auf wissenschaftlicher Seite waren es Andrea Langner von der Sondersammlung der Universitätsbibliothek Erfurt und Michaela Scheibe von der Staatsbibliothek zu Berlin, die durch ihre fachliche Expertise und die Zusammenarbeit die Herkunft des Buches zweifelsfrei belegen konnten. Die Regionale Diakonie Main- und Hochtaunus als Trägerin des Kaufhauses zeigte sich erfreut über den glücklichen Ausgang der Entdeckung. Die Zusammenarbeit zwischen den Institutionen verlief effizient, sodass der gesamte Prozess der Identifizierung und Rückführung innerhalb von nur zwei Wochen abgeschlossen werden konnte, was für die beteiligten Bibliotheken einen bemerkenswerten Erfolg darstellt.
Einordnung des Fundes in den Kontext von Kulturgutverlusten
Einzuordnen ist das so: Der Fund in Flörsheim ist ein bezeichnendes Beispiel für die Problematik der sogenannten Kriegsverluste, von denen deutsche Bibliotheken nach 1945 in erheblichem Maße betroffen waren. Viele Bestände, die in Bergwerke oder andere vermeintlich sichere Orte ausgelagert wurden, kehrten nie an ihren Ursprungsort zurück. Den Berichten zufolge ist es ein Glücksfall, dass das Buch nun den Weg zurück in die Staatsbibliothek zu Berlin gefunden hat. Solche Funde sind selten, da viele dieser Objekte über Jahrzehnte hinweg in privaten Haushalten verblieben sind, oft ohne dass die Besitzer sich des historischen Wertes oder der Herkunft bewusst waren. Die Rückführung eines solchen Werkes ist nicht nur ein Gewinn für die wissenschaftliche Forschung, sondern stellt auch eine symbolische Wiedergutmachung für die Verluste dar, die durch die Zerstörungen und Plünderungen des Zweiten Weltkriegs entstanden sind. Die Tatsache, dass das Buch in einem so exzellenten Zustand erhalten blieb, zeugt zudem von einer sorgsamen Behandlung durch die unbekannten Zwischenbesitzer, die das Werk vermutlich über Generationen hinweg in ihrem Besitz hielten, ohne die genaue Provenienz zu kennen.
Lücken in der Geschichte und offene Fragen
Obwohl die Identität des Buches und seine Reise von der Königlichen Bibliothek in Erfurt bis zur Staatsbibliothek in Berlin gut dokumentiert sind, bleiben einige Fragen offen. Der Quelltext beantwortet insbesondere nicht, wer das Buch nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Kalibergwerk Hattorf entwendet oder an sich genommen hat. Es ist unklar, auf welchem Weg das Werk in die Hände der Person gelangte, die es schließlich als Spende an das Sozialkaufhaus in Flörsheim weitergab. Auch über die Identität der Spenderin oder des Spenders gibt es keine Informationen. Es bleibt somit eine Lücke in der Provenienzgeschichte des Buches für den Zeitraum zwischen 1945 und dem Zeitpunkt der Spende an das Sozialkaufhaus. Ebenso wird nicht explizit dargelegt, ob das Sozialkaufhaus oder die Diakonie rechtliche Schritte gegen unbekannt erwägen oder ob der Fall als abgeschlossen betrachtet wird. Die genauen Umstände, wie das Buch nach der Auslagerung in den privaten Besitz gelangen konnte, bleiben somit ein ungelöstes Rätsel der Nachkriegsgeschichte, das vermutlich nie vollständig aufgeklärt werden kann.
Der weitere Verbleib des historischen Bandes
Der Prozess der Rückführung ist bereits erfolgreich abgeschlossen worden. Wie die Betriebsleiterin Heike Rosa bestätigte, ist das Buch mittlerweile sicher in Berlin eingetroffen. Damit hat das Werk seinen rechtmäßigen Platz in der Staatsbibliothek zu Berlin wieder eingenommen. Es ist davon auszugehen, dass das Buch nun einer fachgerechten konservatorischen Prüfung unterzogen wird, um seinen Zustand langfristig zu sichern. Weitere Schritte, etwa eine öffentliche Ausstellung oder eine wissenschaftliche Publikation über den Fund, wurden im Quelltext nicht explizit angekündigt, doch dürfte das Werk nun wieder für die Forschung zugänglich sein. Die Staatsbibliothek zu Berlin hat mit der Rückkehr des Bandes einen Teil ihrer historischen Sammlung zurückerhalten, der als Kriegsverlust bereits als verschollen galt. Die Angelegenheit ist damit aus Sicht der beteiligten Institutionen beendet, und das Buch ist nach seiner langen Reise wieder dort, wo es hingehört – in einem professionell verwalteten Archiv, in dem es für zukünftige Generationen von Historikern und Juristen als Quelle dienen kann.