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Frankfurt hat das beste Öpnv-Angebot - Nordhessen liegt hinten
Regional · 02.09.2026 20:44

Frankfurt hat das beste Öpnv-Angebot - Nordhessen liegt hinten

Kurz: Eine neue Studie von Agora Verkehrswende kürt Frankfurt zum Spitzenreiter im ÖPNV-Angebot. Doch während Städte glänzen, klafft in ländlichen Regionen eine Lücke

Ein Spitzenplatz für Frankfurt im nationalen Vergleich

Die Mobilitätslandschaft in Deutschland ist höchst unterschiedlich ausgeprägt, wie eine aktuelle Untersuchung der Denkfabrik Agora Verkehrswende eindrucksvoll belegt. Im Rahmen des sogenannten ÖV-Atlas 2026, der am 2. September 2026 veröffentlicht wurde, wurden die öffentlichen Verkehrsangebote in sämtlichen Kommunen und Landkreisen der Bundesrepublik systematisch miteinander verglichen. Das Ergebnis für das Bundesland Hessen fällt dabei zweigeteilt aus: Während die Metropole Frankfurt am Main den ersten Platz im bundesweiten Ranking belegt und damit das beste Angebot für die Bürgerinnen und Bürger bietet, zeigen sich in anderen Regionen, insbesondere im Norden des Bundeslandes, deutliche Schwächen in der Anbindung. Die Studie verdeutlicht, dass die Qualität der öffentlichen Mobilität stark mit dem Grad der Urbanisierung korreliert. Große Städte profitieren von einer hohen Dichte an Haltestellen und einer eng getakteten Bedienung, was den Bewohnern eine hohe Flexibilität ermöglicht. Demgegenüber stehen Millionen Menschen, die in ländlichen Regionen leben und dort nur unzureichend oder gar nicht an das öffentliche Verkehrsnetz angeschlossen sind. Die Erhebung unterstreicht somit die strukturelle Ungleichheit, die den öffentlichen Nahverkehr in Deutschland bis heute prägt und die für eine erfolgreiche Mobilitätswende eine zentrale Herausforderung darstellt.

Methodik und detaillierte Kennzahlen der Untersuchung

Um zu einer fundierten Bewertung der Verkehrsqualität zu gelangen, haben die Experten von Agora Verkehrswende eine komplexe methodische Herangehensweise gewählt. Die Berechnung der sogenannten Güteklasse basiert auf einer bewährten Methode des Schweizer Bundesamts für Raumentwicklung. Dabei wurde das gesamte bewohnte Gebiet Deutschlands in ein Raster von 100 mal 100 Metern unterteilt. Für jedes dieser kleinen Quadrate wurden drei wesentliche Faktoren geprüft: Die räumliche Entfernung zur nächsten Haltestelle, die Taktdichte der angebotenen Fahrten sowie die Art des eingesetzten Verkehrsmittels. Interessanterweise wurden S-Bahn-Anbindungen in der Bewertung höher gewichtet als reine Bushaltestellen, da sie in der Regel eine höhere Kapazität und Geschwindigkeit bieten. Zudem flossen Daten zur Bevölkerungsdichte aus dem Zensus 2022 in die Berechnung ein, um den durchschnittlichen Gütewert für die Bewohner eines Gebiets zu ermitteln. Frankfurt erreichte hierbei einen Spitzenwert von 1,3. Auch andere hessische Kommunen konnten überzeugen: Darmstadt sicherte sich den sechsten Platz im Städte-Ranking, während Kassel auf dem 18. Rang landete. Auf Ebene der Landkreise schnitten der Hochtaunuskreis mit einer Güte von 2,6 und der Landkreis Offenbach mit 2,7 hervorragend ab und belegten bundesweit die Plätze vier und fünf.

Die Kluft zwischen Stadt und Land in Hessen

Ein wesentlicher Teil der Analyse widmet sich der Diskrepanz zwischen urbanen Zentren und ländlichen Räumen. Während Hessen im bundesweiten Länderranking einen soliden fünften Platz hinter den Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen sowie Nordrhein-Westfalen belegt, offenbart der Blick auf die regionalen Unterschiede innerhalb des Bundeslandes eine deutliche Schieflage. Die Differenz der ÖV-Güte zwischen Stadt und Land liegt in Hessen bei einem Wert von 2,5. Dies bedeutet, dass die Versorgungssicherheit in ländlichen Gebieten signifikant hinter der in den Ballungszentren zurückbleibt. Besonders kritisch ist die Situation in den hessischen Schlusslichtern: Der Vogelsbergkreis und Waldeck-Frankenberg erreichen jeweils einen Wert von 4,6, während der Schwalm-Eder-Kreis mit 4,7 den niedrigsten Wert im Bundesland aufweist. Diese Zahlen verdeutlichen, dass die Mobilitätswende in Hessen noch vor einer großen Aufgabe steht. Während die Metropolregionen bereits über ein sehr dichtes Netz verfügen, müssen die ländlichen Räume erst noch an das Niveau der Städte herangeführt werden, um eine echte Alternative zum privaten Pkw-Verkehr bieten zu können. Die Studie zeigt, dass der Wohnort in Hessen maßgeblich darüber entscheidet, wie einfach und flexibel man ohne eigenes Auto am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann.

Die Akteure und ihre Rolle bei der Mobilitätsplanung

Die Denkfabrik Agora Verkehrswende fungiert in diesem Kontext als analytischer Beobachter, der durch die Bereitstellung valider Daten eine faktenbasierte Diskussion über die Zukunft des Nahverkehrs anstoßen möchte. Als Datengrundlage dienten dabei die bundesweiten Soll-Fahrplandaten der Durchgängigen Elektronischen Fahrplaninformation (DELFI) mit Stand vom 31. Januar 2026. Die Akteure, die letztlich über die Gestaltung des Angebots entscheiden, sind jedoch die politischen Entscheidungsträger auf Bundes- und Landesebene. Die Autoren der Studie richten einen dringenden Appell an diese Institutionen: Es müsse ein Mindestangebot garantiert werden, das die Teilhabe aller Bürgerinnen und Bürger sicherstellt, unabhängig davon, ob sie in einer Großstadt oder in einer abgelegenen Gemeinde leben. Die Mobilitätswende, so die Einschätzung der Experten, könne nur dann gelingen, wenn insbesondere auf den sogenannten pendelintensiven Achsen zwischen Groß- und Mittelstädten attraktive Alternativen zum Auto geschaffen werden. Nur durch eine deutliche Reduzierung der Autokilometer könne ein wirksamer Beitrag zum Klimaschutz geleistet werden. Die Verantwortung liegt somit bei den Verkehrsverbünden, den Kommunen und der Landespolitik, die gemeinsam die Weichen für eine flächendeckende und zuverlässige Infrastruktur stellen müssen.

Einordnung der Ergebnisse und methodische Grenzen

Es ist wichtig, die Ergebnisse des ÖV-Atlas 2026 richtig einzuordnen. Die Studie bewertet das theoretische Angebot, das auf Basis der Fahrpläne existiert. Sie ist jedoch keine Messung der tatsächlichen Reisequalität oder der Zuverlässigkeit im Alltag. Wie Agora Verkehrswende selbst betont, werden Verspätungen, Zugausfälle oder andere betriebliche Störungen in der Berechnung der Güteklasse nicht berücksichtigt. Ein Fahrplan kann auf dem Papier exzellent aussehen, in der Realität jedoch durch mangelnde Pünktlichkeit enttäuschen. Zudem weist die Studie eine weitere methodische Lücke auf: Flexible On-Demand-Angebote, wie sie etwa durch Rufbusse in dünn besiedelten Regionen realisiert werden, sind bisher nicht in den DELFI-Daten enthalten und konnten daher nicht in die Bewertung einfließen. Dies ist ein entscheidender Punkt, da gerade solche Angebote in ländlichen Räumen eine wichtige Rolle für die Mobilität spielen könnten. Die Studie liefert somit ein wertvolles Bild der strukturellen Anbindung, darf aber nicht als abschließendes Urteil über die Qualität des täglichen Pendelns missverstanden werden. Sie dient vielmehr als Indikator dafür, wo das Angebot rein quantitativ noch massiv ausgebaut werden muss.

Offene Fragen und der weitere Weg für die Verkehrspolitik

Trotz der detaillierten Auswertung bleiben einige Fragen unbeantwortet, die für die tägliche Praxis der Fahrgäste von großer Bedeutung sind. So lässt der ÖV-Atlas offen, wie die tatsächliche Auslastung der Verkehrsmittel in den verschiedenen Regionen aussieht und wie barrierefrei die Haltestellen für mobilitätseingeschränkte Personen gestaltet sind. Auch die Kostenstruktur für die Nutzer, also die Preisgestaltung der Tickets, spielt in der Studie keine Rolle, obwohl sie ein wesentlicher Faktor für die Entscheidung zwischen Bahn und Auto ist. Ebenso wenig wird geklärt, wie die Finanzierung eines flächendeckenden Mindestangebots in den strukturschwachen Regionen konkret gesichert werden soll. Die Denkfabrik gibt hierzu lediglich die allgemeine Empfehlung ab, dass Bund und Länder in die Pflicht genommen werden müssen. Wie diese Forderung in konkrete Investitionsprogramme oder Gesetzesänderungen münden wird, bleibt abzuwarten. Es ist davon auszugehen, dass die Debatte über die Verteilung von Fördermitteln zwischen urbanen und ländlichen Räumen durch diese Studie neuen Schwung erhalten wird, da die Kluft nun durch präzise Daten untermauert ist. Die Politik steht nun vor der Herausforderung, aus diesen Erkenntnissen konkrete Maßnahmen für die kommenden Jahre abzuleiten, um die Mobilitätswende auch in den ländlichen Regionen Hessens voranzutreiben.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/frankfurter-skyline-mit-modernen-wolkenkratzern-38765212/ · Foto: Leonhard Niederwimmer
Quelle: https://www.tagesschau.de/inland/regional/hessen/hr-frankfurt-hat-das-beste-oepnv-angebot-nordhessen-liegt-hinten-100.html