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Festival Laus Polyphoniae: So großartig sang Europa um 1600
Kultur · 02.09.2026 22:05

Festival Laus Polyphoniae: So großartig sang Europa um 1600

Kurz: Das Festival Laus Polyphoniae in Antwerpen feierte die europäische Mehrstimmigkeit um 1600 und bot dabei faszinierende Einblicke in vergessene musikalische Schä

Was geschehen ist – die Kernmeldung ausführlich

Das renommierte Festival Laus Polyphoniae in Antwerpen hat in seiner jüngsten Ausgabe ein beeindruckendes Panorama der europäischen Musik um das Jahr 1600 gezeichnet. Unter der Leitung von Bart Demuyt widmete sich die Veranstaltung der komplexen und vielschichtigen Welt der Mehrstimmigkeit, die weit über die bekannten Pfade der Musikgeschichte hinausging. Während die klassische Musikwissenschaft das Jahr 1600 oft primär als Beginn des Sologesangs und der Oper betrachtet, bewies das Festival, dass die Tradition der Polyphonie auch an der Schwelle zur Neuzeit eine lebendige, hochkulturelle Sprache mit zahlreichen regionalen Dialekten blieb. Von Ungarn über Deutschland bis nach Portugal und Skandinavien spannte sich der Bogen der Darbietungen. In den atmosphärischen gotischen Kirchen Antwerpens versammelte sich ein interessiertes Publikum, um Werke zu hören, die im regulären Konzertbetrieb nur selten Gehör finden. Das Festival fungierte dabei als Plattform, die sowohl durch große Namen als auch durch die Entdeckung unbekannter musikalischer Winkel überzeugte und die künstlerische Vielfalt jener Epoche eindrucksvoll zur Geltung brachte.

Die Einzelheiten – Zahlen, Namen und Orte

Die Programmgestaltung des Festivals zeichnete sich durch eine enorme Dichte und Qualität aus. Ein Höhepunkt war Claudio Monteverdis Marienvesper, dargeboten vom Ensemble Vox Luminis. Vincenzo Borghetti lieferte hierzu einen Essay im Programmbuch, der die Innovationsfixierung der Musikgeschichtsschreibung kritisch hinterfragte. Das Ensemble Utopia widmete sich Orlando di Lasso, während das Ensemble New York Polyphony Werke von Hans Leo Hassler interpretierte, darunter die Motette „Dixit Maria ad angelum“. Auch der Komponist Jacob Handl, bekannt als Gallus, war mit Weihnachtsgesängen vertreten, die trotz des sommerlichen Termins eine tiefe Resonanz beim Publikum fanden. Das britische Ensemble Stile antico wagte sich an die anspruchsvollen Motetten von Carlo Gesualdo, deren komplexe Struktur eine enorme Probenzeit erforderte. Paul O’Dette präsentierte Lautenmusik von Valentin Bakfark, Melchior Newsidler und Wojciech Długoraj. Weitere Beiträge kamen vom Huelgas Ensemble mit Werken von Claude Le Jeune, der Cappella Mariana mit Musik von Kryštof z Polžic a Bezdružic Harant sowie dem Officium Ensemble, das portugiesische Polyphonie von Estévão Lopez Morago zur Aufführung brachte. Den Auftakt bildete Tomás Luis de Victorias Requiem durch das Ensemble Tenebrae, während das Collegium Vocale Gent unter Philippe Herreweghe Lassos „Lagrime di San Pietro“ interpretierte.

Hintergrund – Die Genese des Konzepts

Die Idee für die diesjährige Ausrichtung des Festivals Laus Polyphoniae entsprang dem expliziten Wunsch des Festivalleiters Bart Demuyt, die oftmals vernachlässigte deutsche Musik um 1600 in den Mittelpunkt zu rücken. Demuyt erkannte, dass es in der Musiklandschaft jener Zeit zahlreiche Schätze gibt, die in der modernen Konzertpraxis kaum noch Beachtung finden. Der Titel „Meerstemmig Europa circa 1600“ war dabei als Metapher für die Vielfalt der musikalischen Ausdrucksformen zu verstehen. Die Polyphonie wurde nicht als starre akademische Übung begriffen, sondern als ein lebendiges Kommunikationsmittel, das sich über nationale Grenzen hinweg entwickelte. Durch das Zusammenführen von Ensembles, die bereit waren, sich auf das Unvertraute einzulassen, konnte Demuyt ein Programm realisieren, das weit über das Standardrepertoire hinausging. Die historische Bedeutung der Epoche, die den Übergang von der Renaissance zum Barock markiert, bildete dabei den theoretischen Rahmen, innerhalb dessen die einzelnen Konzerte als lebendige Zeugnisse einer kulturellen Blütezeit fungierten.

Die Beteiligten – Akteure und Institutionen

Das Festival lebt von der Zusammenarbeit hochkarätiger Ensembles und Experten. Neben dem Festivalleiter Bart Demuyt, der die inhaltliche Vision verantwortete, waren zahlreiche international renommierte Musiker beteiligt. Das Ensemble Vox Luminis, das Ensemble Utopia, das britische Stile antico sowie das Collegium Vocale Gent unter der Leitung von Philippe Herreweghe prägten das musikalische Niveau. Auch spezialisierte Gruppen wie die Cappella Mariana und das Officium Ensemble trugen maßgeblich zur inhaltlichen Tiefe bei. Die Sopranistin Barbora Kabátková gab Einblicke in die intensive Probenarbeit, bei der es vor allem darum ging, die komplexen Dichtungen von Luigi Tansillo zu durchdringen. Paul O’Dette, ein Veteran der Renaissancelaute, leistete durch das Studium von rund tausend mitteleuropäischen Quellen einen wesentlichen Beitrag zur wissenschaftlichen und künstlerischen Fundierung. Die Einbindung von Autoren wie Vincenzo Borghetti, der die musikgeschichtliche Einordnung im Programmbuch übernahm, unterstreicht den hohen Anspruch des Festivals, das sich als Ort des Austauschs und der Reflexion versteht.

Einordnung – Die Bedeutung der Polyphonie

Einzuordnen ist das Festival als ein notwendiges Korrektiv zur gängigen Musikgeschichtsschreibung. Den Berichten zufolge wird die Zeit um 1600 oft einseitig auf den Aufstieg des Sologesangs und der Oper reduziert. Das Festival Laus Polyphoniae macht jedoch deutlich, dass die Polyphonie keineswegs an Relevanz verloren hatte, sondern sich in einer hochkomplexen und ausgereiften Form präsentierte. Die Musik fungierte als Spiegel ihrer Zeit, in der religiöse und gesellschaftliche Spannungen in Klang gegossen wurden. Die „relationes non harmonicae“ in William Byrds Werken sind hierfür ein treffendes Beispiel: Sie dienen als Sinnbild für eine Kunst, die in ihrer ingeniösen Komplexität einen Kommentar zur damaligen, von Feinden bedrohten Welt liefert. Die Aufführungen in den gotischen Kirchen Antwerpens verstärkten die Wirkung dieser Musik, da sie die sakrale Umgebung nutzten, um die spirituelle und emotionale Tiefe der Kompositionen erfahrbar zu machen. Es ist eine Einladung an das Publikum, die Komplexität nicht als Hindernis, sondern als ästhetischen Reichtum zu begreifen.

Offene Fragen – Was der Quelltext nicht beantwortet

Trotz der ausführlichen Berichterstattung bleiben einige Aspekte unbeantwortet. Der Quelltext macht keine Angaben dazu, wie die Finanzierung eines derart aufwendigen Festivals mit zahlreichen internationalen Ensembles langfristig gesichert ist. Auch bleibt offen, ob die gezeigten Programme in anderen Städten oder in Form von Tonträgern einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Ebenso wird nicht näher erläutert, welche Auswahlkriterien für die spezifischen Kirchenräume in Antwerpen ausschlaggebend waren, abgesehen von ihrer architektonischen und historischen Bedeutung. Die Frage, inwieweit die Einbindung von Werken aus Skandinavien oder Osteuropa eine dauerhafte Erweiterung des Repertoires für zukünftige Festivals darstellt, wird ebenfalls nicht explizit thematisiert. Auch über die genaue Zusammensetzung des Publikums, etwa hinsichtlich des Anteils an Fachpublikum gegenüber Laien, gibt der Text keine detaillierten Auskünfte, wenngleich die hohe Auslastung der Konzerte hervorgehoben wird.

Wie es weitergeht – Ausblick auf die Zukunft

Das Festival Laus Polyphoniae hat mit seiner diesjährigen Ausgabe erneut bewiesen, dass ein spezialisiertes Programm auch ein breites Publikum begeistern kann. Die Strategie, große Namen mit unbekannten Werken zu kombinieren, hat sich als erfolgreich erwiesen. Für die Zukunft ist zu erwarten, dass das Festival seine Rolle als Plattform für musikwissenschaftliche Entdeckungen weiter ausbaut. Die Ankündigung, dass solche Veranstaltungen im normalen Konzertbetrieb oft untergehen würden, deutet darauf hin, dass die Organisatoren auch in den kommenden Jahren an diesem besonderen Format festhalten werden. Ob und wann eine Fortsetzung der Beschäftigung mit mitteleuropäischen Quellen oder eine Vertiefung der portugiesischen Polyphonie stattfinden wird, bleibt abzuwarten. Die positive Resonanz der Hörer, die als „schier unersättlich“ beschrieben wurden, bildet jedoch eine solide Basis für weitere Projekte dieser Art. Das Festival bleibt damit ein Fixpunkt für Liebhaber der Alten Musik, die auf der Suche nach einer tieferen Auseinandersetzung mit den Wurzeln der europäischen Klangkultur sind.

Die Rolle der Interpretation

Ein wesentlicher Aspekt des Festivals war die Frage der Interpretation. Wie die Sopranistin Barbora Kabátková ausführte, war die Arbeit an den Texten von Luigi Tansillo für das Collegium Vocale Gent ein zentraler Bestandteil der Vorbereitung. Es ging nicht nur um die technische Bewältigung der Noten, sondern um ein tiefes Verständnis der poetischen Vorlagen. Auch die Arbeit von Stile antico an den Werken von Gesualdo zeigt, dass die Musiker bereit waren, enorme Anstrengungen zu unternehmen, um die sperrigen, fast skulpturalen Klänge in eine fließende Form zu bringen. Diese Akribie bei der Textdarstellung und die Bereitschaft, sich auf die „vertrackte Schreibart“ einzulassen, machen den besonderen Wert des Festivals aus. Es geht nicht um eine bloße Reproduktion historischer Musik, sondern um eine lebendige Aneignung, die den Geist der Zeit in die Gegenwart übersetzt. Die Verbindung von intellektuellem Anspruch und emotionaler Ausdruckskraft bleibt dabei der rote Faden, der sich durch alle Konzerte des Festivals zog.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/mann-im-schwarzen-hemd-das-frau-im-schwarzen-hemd-kusst-6193915/ · Foto: Thirdman
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/musik-und-buehne/konzert/laus-polyphoniae-in-antwerpen-mit-musik-um-1600-201178124.html