Ein Intellektueller an der Spitze der Frankfurter Kultur
Felix Semmelroth, der über ein Jahrzehnt lang die Geschicke der Frankfurter Kulturpolitik lenkte, ist im Alter von 76 Jahren verstorben. Sein Wirken als Kulturdezernent zwischen 2006 und 2016 war geprägt von einer Mischung aus intellektueller Zurückhaltung, administrativem Geschick und einem feinen Gespür für die repräsentativen Anforderungen seines Amtes. Weggefährten und Beobachter beschreiben ihn als einen Mann, der Melancholie mit einem hintergründigen Sarkasmus zu verbinden wusste.
Vom Sozialdemokraten zum CDU-Kulturdezernenten
Semmelroths politischer Werdegang war ungewöhnlich. Ursprünglich in der Sozialdemokratie verwurzelt, vollzog der Anglist und Professor einen Wechsel zur CDU. Dieser Schritt, der ihm den Weg in das Dezernat ebnete, wurde von Kritikern mitunter als opportunistisch bewertet. Tatsächlich jedoch markierte er das Ende einer schleichenden Entfremdung von seiner ursprünglichen politischen Heimat.
Der entscheidende Impuls kam durch die damalige Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth. Sie schätzte Semmelroths Kompetenz und Loyalität, die er bereits als Leiter ihres Büros unter Beweis gestellt hatte. Roth, die weniger auf Parteifarben als auf fachliche Eignung setzte, fand in ihm einen klugen Ratgeber, der ihre impulsiven politischen Vorstöße in geordnete Bahnen lenken konnte. Diese enge Verbindung erwies sich für Semmelroth als wertvoll, da er den politischen Einfluss der Oberbürgermeisterin erfolgreich für die Belange der Kultur einsetzen konnte.
Bilanz einer zehnjährigen Amtszeit
Semmelroths Amtszeit wird heute als eine Ära mit einer positiven Bilanz gewertet. Trotz schwieriger Haushaltslagen gelang es ihm, größere Kürzungen im Kulturetat abzuwenden. Zu den prägenden Erfolgen seiner Zeit zählen die Erweiterungen des Jüdischen Museums sowie des Historischen Museums. Auch die städtischen Bühnen – Oper und Schauspiel – erlebten unter seiner Ägide eine Phase der Blüte.
Dennoch gab es Herausforderungen: Das Museum der Weltkulturen entwickelte sich zu einem Sorgenkind, bei dem gescheiterte Erweiterungspläne mit unglücklichen Personalentscheidungen zusammentrafen. Während Semmelroth bei den etablierten Institutionen eine hohe Präsenz zeigte, war sein Verhältnis zur Freien Szene zwar von Anerkennung ihrer Bedeutung geprägt, doch lag sein Fokus erkennbar stärker auf den großen, traditionsreichen Häusern.
Ein Abschied im Zorn
Das Ende seiner Amtszeit im Jahr 2016 war von politischen Spannungen überschattet. Im Zuge von Koalitionsverhandlungen im Römer musste Semmelroth seinen Posten räumen, um Platz für die SPD zu machen. Sein Abschied war bemerkenswert offenherzig: Er äußerte deutlichen Zorn über die Entscheidung seiner Partei, die CDU. Aus seiner Sicht war es strategisch kurzsichtig, die einflussreichen Dezernate für Kultur und Planung aufzugeben.
Diese Analyse hallt bis heute nach. Kritiker werfen der Frankfurter CDU vor, die strategische Bedeutung des Kulturressorts nie in ihrer Gänze erfasst zu haben. Auch nach seinem Ausscheiden blieb Semmelroth eine reflektierte Stimme. Nach einem kurzen, gesundheitlich bedingten Intermezzo als hessischer Antisemitismusbeauftragter im Jahr 2019 zog er sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück.
Ein Vermächtnis der Kulturpolitik
Mit dem Tod von Felix Semmelroth verliert Frankfurt eine Persönlichkeit, die den Spagat zwischen diskretem Intellektuellen und öffentlichem Repräsentanten souverän meisterte. Er brachte jenen Glanz in das Amt, der in der Frankfurter Gesellschaft geschätzt wird, ohne dabei die notwendige Verwaltungsarbeit zu vernachlässigen. Sein Weggang markierte für die Frankfurter CDU den Verlust eines dezidierten Kulturpolitikers, dessen strategisches Verständnis der Stadtgesellschaft bis heute als Diskussionspunkt dient.