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Erschütternder Roman: Versuch’s doch mal mit Selbstbefriedigung
Kultur · 21.08.2026 15:19

Erschütternder Roman: Versuch’s doch mal mit Selbstbefriedigung

Kurz: Lilli Tollkiens autofiktionales Debüt „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ schildert das erschütternde Aufwachsen eines Kindes in einer Kreuzberger WG der 80e

Was geschehen ist – die Kernmeldung

Das literarische Debüt der Autorin Lilli Tollkien mit dem Titel „Mit beiden Händen den Himmel stützen“ ist ein autofiktionaler Roman, der die Geschichte eines Kindes namens Lale erzählt. Das Mädchen wächst in den achtziger Jahren in einer linken Wohngemeinschaft in Berlin-Kreuzberg auf. Während die Erwachsenen in ihrem Umfeld ihre vermeintliche Freiheit zelebrieren, indem sie exzessiv Alkohol konsumieren, Drogen nehmen und ein promiskuitives Leben führen, ist das Kind weitgehend sich selbst überlassen. Die Geschichte beleuchtet die psychische Verwahrlosung eines Mädchens, dessen Mutter drogenabhängig ist und dessen Vater nach einem Banküberfall eine Haftstrafe verbüßt. Das Werk zeichnet das Bild einer Kindheit, die von Grenzüberschreitungen, Vernachlässigung und sexuellem Missbrauch geprägt ist. Tollkien verarbeitet in ihrem Buch die traumatischen Erfahrungen einer Kindheit, die unter dem Deckmantel einer falsch verstandenen Freiheit stattfindet. Der Roman ist dabei keine bloße Abrechnung, sondern eine tiefgehende Auseinandersetzung mit den Mechanismen der Selbstermächtigung eines Kindes, das in einer Welt ohne Regeln und Schutzmechanismen ums Überleben kämpft. Die Erzählung verdeutlicht, wie das Fehlen von Struktur und elterlicher Verantwortung ein junges Leben nachhaltig erschüttert und die Entwicklung einer stabilen Identität massiv gefährdet.

Die Einzelheiten des Romans

Lilli Tollkien wählt für die Schilderung dieser Erlebnisse einen nüchternen, fast protokollarischen Stil. Lale, die Protagonistin, erlebt den Alltag in der WG als ein ständiges Eindringen in ihre Privatsphäre. Sie beschreibt, wie sie nachts im Bett liegt und die Geräusche aus den anderen Zimmern wahrnimmt – das Atmen der Erwachsenen beim Sex, das Schnarchen und die geflüsterten, berauschten Gespräche. Die Wohnung wird für sie zu einem Ort, an dem sich fremde Frauen und Männer bewegen, als handele es sich um ein Bordell. Ein prägnantes Detail ist der Wunsch des Kindes nach Verboten, der von den WG-Bewohnern lediglich als Running Gag abgetan wird. Auch die Rückkehr des Vaters aus dem Gefängnis bringt keine Besserung der prekären Lage. Die Schule wird für Lale zu einem wichtigen Ankerpunkt, da sie dort, im Gegensatz zu ihrem Zuhause, klare Regeln und eine nüchterne Klassenlehrerin vorfindet. Die Autorin beschreibt zudem Lales schwierige Beziehung zu ihrer Mutter, die sie gelegentlich am Kottbusser Tor trifft, wobei die Mutter oft kaum in der Lage ist, ihre Tochter überhaupt zu erkennen. Der Roman umfasst 255 Seiten und ist im Aufbau-Verlag erschienen.

Hintergrund und Vorgeschichte

Die Erzählung ist in den Kontext der Berliner Achtzigerjahre eingebettet, einer Zeit, in der linke Räume und Wohngemeinschaften oft als Gegenentwurf zur bürgerlichen Gesellschaft propagiert wurden. Der Roman zeigt jedoch auf, dass diese Räume keineswegs geschützte Orte, sogenannte „Safe Spaces“, waren. Die Erwachsenen in Lales Umfeld verachteten Autorität und Repression, doch ihr Lebensstil führte dazu, dass sie selbst zu Tätern an einem schutzlosen Kind wurden. Die Vorgeschichte ist geprägt von der Abwesenheit der Eltern: Die Mutter ist drogenabhängig, der Vater sitzt wegen eines Banküberfalls im Gefängnis. Diese familiäre Konstellation zwingt Lale in eine Rolle, für die sie zu jung ist. Der Roman verdeutlicht, dass die Ideologie der Freiheit, die von den WG-Mitgliedern stolz vor sich hergetragen wird, in Wahrheit eine Form der Verantwortungslosigkeit darstellt. Lale versucht in dieser chaotischen Umgebung, durch Zucker als kleine Droge ein Gefühl von Wohlbefinden zu erzeugen, während sie gleichzeitig unter massiven Verlustängsten leidet. Die Geschichte zeigt, wie das Kind versucht, sich an die Beine der Erwachsenen zu klammern, um Halt zu finden, doch diese Unterstützung bleibt ihr verwehrt.

Die Beteiligten und ihre Rollen

Im Zentrum steht Lale, das Kind, das in der WG aufwächst und versucht, in der zerstörerischen Umgebung zu überleben. Die Erwachsenen in der WG, darunter der Vater und die drogenabhängige Mutter, fungieren als die handelnden Personen, die ihre eigenen Bedürfnisse über das Wohl des Kindes stellen. Betty, eine weitere Bewohnerin der WG, tritt als Figur auf, die Lale mit Ratschlägen zur Selbstbefriedigung konfrontiert, wenn diese nachts nicht schlafen kann. Die Klassenlehrerin in der Schule wird als eine wichtige Gegenfigur eingeführt, die durch Struktur und Verlässlichkeit einen Kontrast zur chaotischen häuslichen Umgebung bildet. Die Autorin Lilli Tollkien reflektiert durch ihre autofiktionale Perspektive die Rolle derjenigen, die das Kind hätten schützen müssen, aber stattdessen durch ihre Egomanie und Suchtproblematik das Kindeswohl gefährdeten. Die Institutionen, wie etwa die Schule, werden als Orte der Stabilität wahrgenommen, während die private Sphäre der Wohngemeinschaft als ein Ort der Gefahr und des Verrats am Kind dargestellt wird.

Einordnung der Geschehnisse

Einzuordnen ist das Werk als ein bedeutendes Beispiel für autofiktionale Literatur, die sich mit den Schattenseiten alternativer Lebensmodelle der achtziger Jahre auseinandersetzt. Den Berichten zufolge gelingt es Tollkien, das Ausmaß des Verrats am Kind eindringlich zu schildern, ohne in ein reines Antimännerbuch oder eine bloße Abrechnung abzugleiten. Die Erzählung wird als eine Geschichte der Selbstermächtigung gewertet, in der Lale lernt, sich von den zerstörerischen Märchen der Erwachsenen zu lösen. Die Kritikerin Melanie Mühl merkt an, dass das Buch an Angelika Klüssendorfs Werk „Das Mädchen“ erinnert. Die asymmetrischen Freundschaften, die Lale im späteren Verlauf eingeht, werden als Symptom ihres gestörten Nähe-Distanz-Verhältnisses gedeutet. Das Kind, das keinen Halt findet, verliert sich in einer Welt, die es nicht lesen kann. Die Bedeutung des Romans liegt in der schonungslosen Aufarbeitung einer Kindheit, in der die Freiheit der Erwachsenen zur psychischen und physischen Gefahr für das Kind wurde, und zeigt den schwierigen Weg zur Befreiung auf.

Offene Fragen und Lücken

Der Quelltext lässt einige Aspekte der Geschichte offen, die für das Verständnis des gesamten Romans von Bedeutung sein könnten. So wird nicht detailliert ausgeführt, wie genau der Prozess der Loslösung von der WG-Umgebung in den späteren Lebensjahren von Lale verlief. Auch die genauen Hintergründe der kriminellen Aktivitäten des Vaters oder die spezifische Krankheitsgeschichte der Mutter werden nur in den für die Kindheit relevanten Momenten angerissen. Es bleibt zudem unklar, inwieweit andere Bewohner der WG oder das soziale Umfeld außerhalb der Wohngemeinschaft jemals versuchten, in die prekäre Situation des Kindes einzugreifen. Die Frage, ob es staatliche Stellen oder Jugendhilfeeinrichtungen gab, die auf die Zustände aufmerksam wurden, wird im Text nicht beantwortet. Ebenso bleibt die Entwicklung der Protagonistin ins Erwachsenenalter nur angedeutet, insbesondere die Frage, wie sie ihre traumatischen Erfahrungen in ihre spätere Identität integriert hat. Diese Leerstellen laden den Leser dazu ein, sich intensiver mit dem Roman auseinanderzusetzen, um die vollständige Biografie der Protagonistin nachzuvollziehen.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/mann-frau-buch-retro-8667961/ · Foto: cottonbro studio
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/literatur/lilli-tollkiens-debuet-mit-beiden-haenden-den-himmel-stuetzen-201139961.html