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Ende der Amtszeit: Was Baerbock bei den UN angestoßen hat
Politik · 08.09.2026 08:06

Ende der Amtszeit: Was Baerbock bei den UN angestoßen hat

Kurz: Annalena Baerbock beendet ihre Amtszeit als Präsidentin der UN-Generalversammlung. Ein Rückblick auf ihre Reformbemühungen und den Widerstand der Großmächte.

Ein Rückblick auf die Amtszeit von Annalena Baerbock bei den Vereinten Nationen

Nach einem ereignisreichen Jahr endet die Amtszeit von Annalena Baerbock als Präsidentin der UN-Generalversammlung. Die ehemalige deutsche Außenministerin trat mit dem erklärten Ziel an, die Vereinten Nationen grundlegend zu reformieren und den Prozess der Entscheidungsfindung innerhalb der Organisation zu modernisieren. In einer Zeit, in der die Weltgemeinschaft vor massiven Herausforderungen steht, wollte Baerbock frischen Wind in die festgefahrenen Strukturen bringen. Dabei sah sie sich jedoch mit erheblichen Widerständen konfrontiert, die vor allem von den mächtigen Vetomächten im Sicherheitsrat ausgingen. Die Bilanz ihrer einjährigen Präsidentschaft ist geprägt von dem Versuch, die 193 Mitgliedsstaaten stärker in die Prozesse einzubinden und die oft als intransparent kritisierte Arbeitsweise der UN aufzubrechen. Mit ihrem Abschied von der politischen Bühne in New York endet ein Kapitel, das sowohl von diplomatischem Geschick als auch von deutlichen Konfrontationen mit den einflussreichsten Akteuren der Weltpolitik gekennzeichnet war. Während sie nun eine akademische Laufbahn an der Columbia University einschlägt, bleibt die Frage, wie nachhaltig ihre angestoßenen Reformprozesse in den kommenden Jahren tatsächlich wirken werden.

Die bürokratischen Hürden und der Reformwille

Bereits zu Beginn ihrer Amtszeit zeigte sich Baerbock überrascht von dem Ausmaß der bürokratischen Last, die auf den Vereinten Nationen lastet. Als ehemalige Außenministerin war sie zwar mit den Abläufen in deutschen Ministerien vertraut, doch die über 80 Jahre gewachsene Struktur der UN stellte eine neue Dimension dar. Sie kritisierte offen die Doppelstrukturen, die unklaren Zuständigkeiten und die übermäßige Anzahl an Führungspositionen. Ein besonderer Kritikpunkt war das Fehlen eines klaren Organigramms, das neuen Mitarbeitern die Orientierung erleichtern könnte. Baerbock betonte mehrfach, dass die Organisation ohne tiefgreifende Reformen Gefahr laufe, wie ein Kartenhaus zusammenzufallen. Ihr Ziel war es, die finanziell angeschlagene Institution schlanker und effizienter zu gestalten. Sie setzte sich dafür ein, die Arbeitsweise der Generalversammlung zu straffen, indem sie verhinderte, dass bereits vorhandene Beschlüsse immer wieder neu auf die Tagesordnung gesetzt werden. Dieser ineffiziente Prozess verschlang wertvolle Zeit, die für die Diskussion tagesaktueller Krisen hätte genutzt werden können. Durch neue Regeln konnte sie erreichen, dass für bestimmte Themen nur noch alle zwei oder drei Jahre ein neuer Beschluss gefasst werden muss, was die Arbeitsbelastung spürbar reduzierte.

Der Machtkampf um die Auswahl des Generalsekretärs

Einer der intensivsten Konflikte während Baerbocks Amtszeit entzündete sich an der Frage der Nachfolge für den scheidenden UN-Generalsekretär António Guterres. Baerbock verfolgte das Ziel, den Auswahlprozess grundlegend zu demokratisieren und transparenter zu gestalten. Sie sprach sich explizit für eine weibliche Besetzung des Amtes aus, was nach 80 Jahren UN-Geschichte ein Novum dargestellt hätte. Viel wichtiger war ihr jedoch die stärkere Einbindung der Mitgliedsstaaten. Bisher wurde der Kandidat primär vom Sicherheitsrat vorgeschlagen, während die Generalversammlung die Wahl lediglich absegnete. Um dies zu ändern, organisierte Baerbock öffentliche Anhörungen für alle Bewerber. Damit wollte sie sicherstellen, dass kein Kandidat den Prozess der Generalversammlung umgehen kann, ohne sich zuvor den Fragen der 193 Mitgliedsstaaten zu stellen. Dieser Vorstoß traf jedoch auf massiven Widerstand. Insbesondere die USA und Russland kritisierten Baerbock scharf und warfen ihr vor, ihre Kompetenzen als Präsidentin der Generalversammlung zu überschreiten. Dieser Streit verdeutlichte den tief verwurzelten Machtkampf zwischen dem exklusiven Sicherheitsrat und dem parlamentarisch geprägten Gremium der Generalversammlung.

Die Rolle der Vereinten Nationen in einer krisengeschüttelten Welt

Die Bedeutung der Vereinten Nationen steht aktuell stark unter Druck. Der scheidende Generalsekretär António Guterres galt vielen Beobachtern als eher schwache Figur, die angesichts der globalen Konflikte – etwa im Kontext der Politik von Donald Trump, Wladimir Putin oder Benjamin Netanjahu – kaum wirksame Akzente setzen konnte. Dieser wahrgenommene Bedeutungsverlust wurde durch die anhaltenden Kriege und die Unfähigkeit der UN, diese effektiv zu beenden, weiter verschärft. Baerbock hingegen gelang es, in ihrer Rolle als Präsidentin der Generalversammlung medial deutlich präsenter zu sein als ihre Vorgänger. UN-Experte Daniel Forti von der Crisis Group unterstreicht, dass die Einbeziehung der Mitgliedsstaaten nicht nur eine Frage der Partizipation sei. Vielmehr gehe es darum, dass der nächste Generalsekretär mit einem starken und glaubwürdigen politischen Mandat ausgestattet in sein Amt startet. Nur so könne die Organisation in einer Zeit, in der sie von verschiedenen Seiten unter Beschuss steht, wieder an Relevanz gewinnen. Baerbocks Bemühungen, die Generalversammlung als aktiven Akteur im Reformprozess zu etablieren, waren somit auch ein Versuch, die Legitimität der UN in einer zunehmend fragmentierten Weltordnung zu stärken.

Einordnung der diplomatischen Spannungen

Einzuordnen ist das Handeln Baerbocks als bewusster Versuch, die institutionelle Statik der Vereinten Nationen aufzubrechen. Den Berichten zufolge war ihr Vorgehen nicht unumstritten, da es die gewohnten Machtverhältnisse zwischen den Vetomächten und der breiten Masse der Mitgliedsstaaten infrage stellte. Die Kritik aus Moskau und Washington ist in diesem Kontext als Verteidigung der traditionellen Vorherrschaft des Sicherheitsrates zu verstehen. Experten wie Daniel Forti betonen, dass Baerbock es geschafft hat, die Diskussionen über Reformen überhaupt erst zum Leben zu erwecken, indem sie Sitzungen leitete, in denen die Länder über die Zukunft der Organisation debattieren konnten. Die Kritik an ihrer Amtsführung ist somit untrennbar mit der Frage verbunden, wie viel Mitsprache die UN-Generalversammlung in einer von Großmächten dominierten Weltordnung überhaupt haben darf. Baerbock positionierte sich hierbei als Brückenbauerin, die versuchte, die Vision einer inklusiveren Weltorganisation gegen die Widerstände der Realpolitik zu verteidigen. Ihre Amtszeit wird daher als ein Versuch in Erinnerung bleiben, die UN aus ihrer bürokratischen Erstarrung zu lösen, auch wenn die strukturellen Widerstände letztlich zu groß für eine vollständige Transformation waren.

Offene Fragen zur zukünftigen Entwicklung

Obwohl Baerbock einige administrative Erleichterungen durchsetzen konnte, bleiben wesentliche Fragen zur Zukunft der Vereinten Nationen unbeantwortet. Es ist unklar, ob die eingeführten öffentlichen Anhörungen für die Wahl des Generalsekretärs auch unter ihrem Nachfolger Bestand haben werden oder ob die Vetomächte den Prozess wieder in die exklusiven Hinterzimmer des Sicherheitsrates zurückverlagern. Ebenso bleibt offen, wie nachhaltig die Straffung der Tagesordnung der Generalversammlung wirken wird, wenn neue, unvorhersehbare Krisen die diplomatische Agenda dominieren. Auch die Frage der personellen Besetzung an der Spitze der UN bleibt spannend: Zwar gibt es mehrere Kandidatinnen und Kandidaten für die Guterres-Nachfolge, doch wer letztlich das Rennen macht und ob dieser Person ein stärkeres Mandat gelingt, ist derzeit nicht absehbar. Baerbock selbst hat sich zu ihren langfristigen politischen Ambitionen nach ihrer Rückkehr aus dem akademischen Bereich nicht geäußert. Es bleibt somit eine Lücke in der Einschätzung, ob ihr Engagement in New York als Sprungbrett oder als bewusster Abschied von der aktiven Tagespolitik zu werten ist.

Der Übergang und die nächsten Schritte

Mit dem Ende ihrer Präsidentschaft vollzieht Baerbock einen persönlichen Wechsel. Die 45-Jährige wird sich vorerst aus der aktiven Politik zurückziehen und eine mehrjährige Professur an der Columbia University in New York antreten. Damit wird sie das weitere Auswahlverfahren für den neuen Generalsekretär nur noch aus der Distanz verfolgen können. Die offizielle Amtsübergabe findet im Rahmen ihrer letzten Sitzung statt, in der sie symbolisch den hölzernen Sitzungshammer an ihren Nachfolger, den 72-jährigen ehemaligen Außenminister von Bangladesch, Khalilur Rahman, überreicht. Dieser Wechsel markiert einen Zäsurpunkt für die Generalversammlung. Während Baerbock mit Leidenschaft ein neues Lebenskapitel in der Wissenschaft beginnt, steht die UN vor der Herausforderung, den von ihr eingeschlagenen Weg der Transparenz und Reform weiterzugehen oder in alte Muster zurückzufallen. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die von ihr angestoßenen Prozesse – etwa die regelmäßigen Anhörungen und die effizientere Beschlussfassung – als bleibendes Erbe ihrer Präsidentschaft Bestand haben werden oder ob die bürokratischen Strukturen der UN sich als zu resistent gegen den Wandel erwiesen haben.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/historisches-rathaus-im-lebhaften-sonnenlicht-33470366/ · Foto: Sergej *****
Quelle: https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/baerbock-un-amtszeit-ende-100.html