Ein Meilenstein für die europäische Suchinfrastruktur
Das Joint Venture European Search Perspective (EUSP), ein Zusammenschluss der Suchmaschinen Ecosia und Qwant, hat einen bedeutenden Schritt zur technologischen Autonomie vollzogen. Mit der Inbetriebnahme eines eigenen Webindex für Deutschland erschließen die Unternehmen nun Webinhalte auf einer Infrastruktur, die unabhängig von den dominierenden US-Konzernen Google und Microsoft agiert. Deutschland ist nach Frankreich der zweite Markt, für den EUSP diese eigene Datenbasis bereitstellt.
Ein Webindex bildet das technologische Rückgrat jeder Suchmaschine. Er erfasst, welche Webseiten existieren, welche Inhalte sie bieten und wie sie miteinander verknüpft sind. Bisher stützten sich nahezu alle alternativen Suchdienste – einschließlich Ecosia und Qwant – auf die Daten von Google, Microsoft (Bing) oder Brave. Durch den Aufbau einer eigenen Infrastruktur wollen die Anbieter diese Abhängigkeit langfristig überwinden.
Strategische Bedeutung der digitalen Souveränität
Die Abhängigkeit von US-Anbietern wird zunehmend als Risiko für die digitale Souveränität Europas wahrgenommen. Dies betrifft nicht nur die klassische Websuche, sondern auch den Bereich der Künstlichen Intelligenz. Da moderne Chatbots häufig auf Suchmaschinenergebnisse zurückgreifen, um ihre Antworten zu generieren, wirkt sich eine eingeschränkte Infrastruktur direkt auf die Verfügbarkeit von KI-Diensten aus.
Ein Beispiel für die Verwundbarkeit durch US-Vorgaben war der Vorfall im Juni, als das KI-Unternehmen Anthropic den Zugang zu seinen leistungsstarken Modellen für Nicht-US-Bürger auf Anweisung der US-Regierung einschränken musste. Solche Ereignisse verdeutlichen, warum europäische Unternehmen und Behörden bestrebt sind, eigene, kontrollierbare Systeme aufzubauen.
Funktionsweise und Ausbau des neuen Index
Der neue deutsche Index umfasst nach Angaben von Ecosia-Geschäftsführer Wolfgang Oels etwa eine Milliarde Webseiten. Der Prozess der Integration erfolgt schrittweise: Ecosia wird den Anteil der Suchergebnisse aus dem eigenen Index kontinuierlich erhöhen, anstatt sofort eine komplette Umstellung vorzunehmen.
Zusätzlich zum Index hat EUSP eigene Ranking-Algorithmen entwickelt, die bestimmen, wie Suchergebnisse nach Relevanz sortiert werden. Über die Schnittstelle „Staan“ (Search Trusted API Access Network) ermöglicht das Joint Venture zudem Drittanbietern, wie anderen Suchdiensten oder KI-Entwicklern, den Zugriff auf diese Daten. Die EUSP hat bereits den Vorschlag unterbreitet, nationale Suchindexe als öffentliche digitale Infrastruktur in weiteren EU-Mitgliedstaaten zu etablieren.
Rückenwind durch regulatorische Rahmenbedingungen
Der Aufbau der EUSP-Infrastruktur profitiert von den Bemühungen der Europäischen Union, den Wettbewerb im Suchmarkt zu stärken. Der Digital Markets Act (DMA) verpflichtet Google als sogenannten „Gatekeeper“, Suchdaten – darunter Ranking-, Anfrage-, Klick- und Anzeigedaten – unter fairen Bedingungen an Wettbewerber weiterzugeben. Da die EU-Kommission die bisherige Umsetzung durch Google als unzureichend bewertete, wurde ein Präzisierungsverfahren eingeleitet, um die Einhaltung dieser Vorgaben sicherzustellen.
Auch in den USA steht Google aufgrund seines Suchmonopols unter Druck, da ein Bundesgericht das Unternehmen zur Datenweitergabe an qualifizierte Wettbewerber verpflichtete. Google hat gegen dieses Urteil Berufung eingelegt. Trotz dieser regulatorischen Entwicklungen bleibt die Marktsituation vorerst stabil: Google dominiert weiterhin mit einem Marktanteil von knapp 90 Prozent in Europa, auf mobilen Endgeräten sogar mit rund 95 Prozent.
Mit dem Start des deutschen Index verfügt der europäische Markt nun jedoch erstmals über eine technische Alternative, die es Suchmaschinenbetreibern und KI-Dienstleistern ermöglicht, das Web unabhängig von US-amerikanischen Infrastrukturen zu durchsuchen.