Rekordumsätze bei Palantir: Ein fragwürdiger Erfolg
Das US-amerikanische Datenanalyse-Unternehmen Palantir befindet sich in einer Phase des massiven Wachstums. Geschäftsführer Alexander Karp bezeichnete die jüngsten Quartalszahlen als außergewöhnlich, nachdem das Unternehmen seine Einnahmen im Jahresvergleich um 93 Prozent auf rund 1,68 Milliarden Euro steigern konnte. Dieser wirtschaftliche Erfolg ist maßgeblich auf die enge Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen zurückzuführen. Weltweit, und verstärkt auch in Europa, ist Palantir ein gefragter Partner für Geheimdienste, Militärbehörden und Rüstungsunternehmen.
Doch während die Umsätze in die Höhe schnellen, wirft eine aktuelle Untersuchung des britischen Centre for International Corporate Tax Accountability and Research ein kritisches Licht auf die steuerliche Praxis des Konzerns. Der Bericht legt nahe, dass Palantir seine Unternehmensstruktur gezielt so gestaltet hat, um die Steuerlast sowohl in den USA als auch in Europa auf ein Minimum zu reduzieren.
Strategische Gewinnverlagerung über den Atlantik
Der Kern der Vorwürfe liegt in der sogenannten Gewinnverlagerung. Laut den Forschenden werden in Europa generierte Einnahmen in die USA transferiert. Dort profitiert der Konzern von spezifischen steuerlichen Rahmenbedingungen. Ein wesentlicher Faktor ist dabei der unter Donald Trump eingeführte „One Big Beautiful Bill Act“. Zudem nutzt das Unternehmen eine Gesetzeslücke, die es erlaubt, Mitarbeiter verstärkt durch Aktienoptionen statt durch klassische Gehälter zu entlohnen, was wiederum enorme Steuerabzüge ermöglicht. Experten gehen davon aus, dass Palantir aufgrund dieser Taktiken in den USA möglicherweise über ein Jahrzehnt lang keine Bundeseinkommenssteuer entrichten muss.
Zusätzlich begünstigt wird diese Praxis durch politische Entscheidungen auf internationaler Ebene. So gaben europäische Staats- und Regierungschefs im Januar dem Druck nach, US-amerikanische multinationale Unternehmen von einer globalen Mindeststeuer auszunehmen, was Palantir direkt in die Karten spielt.
Deutschland und der Fiskus
Besonders deutlich wird die Problematik im europäischen Vergleich. Während das Vereinigte Königreich am stärksten von den Steuersenkungsstrategien betroffen ist, rangiert Deutschland auf dem zweiten Platz der untersuchten Länder. Für den deutschen Fiskus wird ein Steuerausfall von schätzungsweise 1,6 Millionen Euro prognostiziert.
Ein Indiz für die Verschiebung der Gewinne ist die Struktur der Einnahmen: Im Jahr 2024 stammten 65 Prozent des Gesamtumsatzes in Deutschland aus Dienstleistungsgebühren, die an die US-Muttergesellschaft abgeführt wurden. Dies deutet darauf hin, dass ein Großteil der in Deutschland erwirtschafteten Umsätze offiziell in den USA verbucht wird, wodurch die tatsächliche Wertschöpfung vor Ort steuerlich unterschätzt wird.
Die Rolle der öffentlichen Hand
Die Praxis der Steuervermeidung ist bei US-amerikanischen Technologiekonzernen kein Einzelfall. Unternehmen wie Apple, Amazon oder Microsoft standen bereits in der Vergangenheit aufgrund ähnlicher Strategien in der Kritik. Im Vergleich zu diesen Tech-Giganten ist Palantir zwar kleiner, doch sein Einfluss in sensiblen Bereichen der öffentlichen Sicherheit wächst stetig.
In Deutschland haben mehrere Bundesländer – darunter Baden-Württemberg, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Bayern – bereits millionenschwere Verträge mit Palantir abgeschlossen. Die Software des Konzerns wird hierzulande unter anderem von Polizeibehörden für den Aufbau von Überwachungsstrukturen genutzt. Der Forschungsbericht wirft nun die Frage auf, ob es vertretbar ist, staatliche Aufträge an ein Unternehmen zu vergeben, das gleichzeitig durch eine aggressive Steuervermeidungsstrategie finanzielle Mittel für eben jene staatlichen Aufgaben vorenthält.
Forderungen an die Politik
Die Autoren des Berichts ziehen eine klare Konsequenz aus ihren Erkenntnissen: Sie fordern die Regierungen dazu auf, bestehende Verträge mit Palantir einer kritischen Prüfung zu unterziehen und von zukünftigen Kooperationen abzusehen. Die Debatte um die Vergabe öffentlicher Aufträge an Unternehmen, die sich ihrer steuerlichen Verantwortung entziehen, dürfte damit an Brisanz gewinnen, insbesondere angesichts der wachsenden Abhängigkeit staatlicher Stellen von privater Analysesoftware.