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Holocaust und Kolonialismus: Sind faschistische und koloniale Gewalt vergleichbar?
Kultur · 19.09.2026 20:24

Holocaust und Kolonialismus: Sind faschistische und koloniale Gewalt vergleichbar?

Kurz: Das Deutsche Historische Museum widmet sich mit der Ausstellung „Umstrittene Verwandtschaft“ der komplexen Frage nach den Parallelen von Kolonialismus und NS-Ge

Was geschehen ist: Die Ausstellung „Umstrittene Verwandtschaft“

Das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin hat mit der Ausstellung „Umstrittene Verwandtschaft“ ein ambitioniertes und zugleich hochsensibles Projekt gestartet. Die Schau widmet sich der wissenschaftlich und gesellschaftlich intensiv debattierten Frage, ob nationalsozialistische Gewalt und koloniale Gewalt als vergleichbar betrachtet werden können. Dabei begibt sich das Museum auf ein historisch und politisch „vermintes Gelände“. Die Ausstellung, die unter dem Leitbegriff der „historischen Urteilskraft“ steht, versucht nicht, einfache Antworten zu liefern oder Deutungen vorzuschreiben. Stattdessen zielt sie darauf ab, den Besuchern das notwendige Material und den historischen Kontext an die Hand zu geben, damit sich jeder ein eigenes Bild machen kann. Die Kernmeldung der Ausstellung ist dabei der Versuch, eine Debatte, die seit fast einhundert Jahren geführt wird, aus der rein politischen Sphäre in den Raum einer fundierten, empirisch gestützten historischen Analyse zu überführen. Es geht um die Fähigkeit, die gegenwärtige Situation im Licht des historiographischen Wissens kritisch zu beurteilen und ideologische Vereinfachungen durch eine genauere Betrachtung widersprüchlicher Konfliktlinien zu ersetzen.

Die Einzelheiten: Zahlen, Namen und Exponate

Die Ausstellung umfasst etwa 650 Objekte, die in neun thematisch gegliederten Räumen präsentiert werden. Der zeitliche Rahmen erstreckt sich vom Hochimperialismus um das Jahr 1900 bis zur Dekolonisierung um 1960. Die Kuratoren, darunter Stephan Malinowski, betonen, dass diese Zeitspanne bewusst gewählt wurde, um eine sinnvolle wissenschaftliche Aufarbeitung zu ermöglichen. Ein zentrales Element der Ausstellung sind die Leitzitate, die jedem der neun Räume vorangestellt sind und Themen wie Zwangsarbeit, Widerstand, Kollaboration, Siedlung oder Vernichtung behandeln. Zu den konkreten historischen Beispielen gehören die Robe von Hans Litten, der als Rechtsanwalt in der Weimarer Republik Oppositionelle verteidigte und später im KZ ermordet wurde, sowie der politische Auftritt von August Bebel im Reichstag, der eine „Nilpferdpeitsche“ nutzte, um koloniale Gewalt in Afrika anzuprangern. Ein weiteres Exponat ist eine Dose des Giftgases Zyklon B aus Auschwitz. Zudem wird die Rolle von antikolonialen Aktivisten wie C. L. R. James beleuchtet, der 1935 am Londoner Trafalgar Square gegen den italienischen Vernichtungskrieg in Abessinien sprach. Die Ausstellung endet mit einem Raum, in dem Experten auf Monitoren ihre Sichtweisen darlegen und Besucher ihre eigenen Meinungen hinterlassen können.

Hintergrund: Eine Debatte mit langer Geschichte

Die Frage nach der Vergleichbarkeit von Kolonialismus und Nationalsozialismus ist keineswegs neu, sondern wird seit fast einem Jahrhundert diskutiert. Ursprünglich war diese Debatte stark politisch geprägt, bevor sie zunehmend in den Fokus der wissenschaftlichen Forschung rückte. Die Ausstellung im DHM macht deutlich, dass es bereits in den 1930er Jahren präpanafrikanische Intellektuelle gab, die Parallelen zwischen dem Verhalten der Kolonialmächte und dem aufkommenden Faschismus zogen. Diese Denker, oft global vernetzt und in verschiedenen Weltregionen publizierend, forderten eine Konsistenz in der moralischen Bewertung von Gewalt. Ein wesentlicher Hintergrund ist zudem die Entwicklung des Antisemitismus im 19. Jahrhundert, der sich zunehmend mit pseudo-wissenschaftlichen rassistischen Theorien verband. Die Ausstellung veranschaulicht, wie sowohl koloniale Systeme als auch das NS-Regime auf die marxistische Idee des Klassenkampfes reagierten, indem sie diese durch rassistische Kategorien ersetzten. Die historische Einordnung zeigt, dass die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts durch eine Vielzahl von Brüchen und Kontinuitäten gekennzeichnet ist, die sich nicht auf ein einzelnes Narrativ reduzieren lassen.

Die Beteiligten: Institutionen und Experten

Das Projekt wird maßgeblich von Raphael Gross, dem Präsidenten des Deutschen Historischen Museums, und dem Historiker Stephan Malinowski verantwortet. Raphael Gross betont die Bedeutung der „historischen Urteilskraft“, um die Gegenwart durch das Wissen über die Vergangenheit besser zu verstehen. Stephan Malinowski, der bis vor drei Jahren nicht als Ausstellungsmacher tätig war, hebt die Bedeutung der Perspektivität hervor. Er betont, dass die Ausstellung nicht dazu diene, den Nahostkonflikt auf eine koloniale Formel zu reduzieren, da dies der komplexen historischen Realität nicht gerecht würde. Zu den weiteren im Katalog oder in der Ausstellung genannten Experten gehört Ulrich Herbert, der die Dimensionen der Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg analysiert hat. Die Ausstellung bindet zudem Stimmen von Denkern wie Aimé Césaire und Jean Améry ein, um unterschiedliche Perspektiven auf die Barbarei des 20. Jahrhunderts zu kontrastieren. Ziel ist es, die Besucher mit einer Vielzahl von Sichtweisen zu konfrontieren, die von unterschiedlichen geografischen und politischen Standpunkten aus auf die Geschichte blicken.

Einordnung: Was der Vergleich bedeutet

Einzuordnen ist das Projekt als Versuch, die Grenzen und Möglichkeiten historischer Vergleiche auszuloten. Den Berichten zufolge besteht eine der zentralen Herausforderungen darin, die „Rationalität“ kolonialer Ausbeutung von der beispiellosen Vernichtungslogik des Holocaust zu unterscheiden. Während koloniale Gewalt oft auf maximale Ausbeutung von Arbeitskraft und Ressourcen abzielte, erreichte der Nationalsozialismus mit dem Mord an den europäischen Juden eine neue Stufe, für die es keine ökonomische oder militärische Rechtfertigung gab. Die Ausstellung macht deutlich, dass es zwar Überschneidungen gibt – etwa bei der Zwangsarbeit, wo die Zahlen der Opfer in beiden Systemen in die Millionen gingen –, aber auch fundamentale Brüche. Ein solcher Bruch markiert laut Malinowski die zweite Hälfte des Jahres 1941, als der Vernichtungswille eine neue Qualität erreichte, die sich nicht mehr allein aus der kolonialen Tradition erklären lässt. Die Ausstellung plädiert dafür, diese Unterschiede auszuhalten, statt sie in einer ideologischen Debatte zu verwischen.

Offene Fragen: Was die Ausstellung nicht beantwortet

Die Ausstellung lässt bewusst Fragen offen, da sie nicht den Anspruch erhebt, eine endgültige Deutungshoheit zu besitzen. Eine zentrale, nicht abschließend zu klärende Frage bleibt, wie man den Begriff „Lager“ im Kontext der verschiedenen Gewaltsysteme sinnvoll verwendet, ohne die spezifische Funktion von Vernichtungslagern wie Treblinka oder Auschwitz-Birkenau zu verharmlosen. Zudem bleibt die Frage, inwieweit der Begriff des „Extraktivismus“ ausreicht, um die gesamte koloniale Logik zu erfassen, ohne dabei die spezifischen ideologischen Motive des Nationalsozialismus zu übersehen. Die Ausstellung gibt keine Antwort darauf, wie ein Konsens in der globalen Erinnerungskultur aussehen könnte, da sie gerade die unterschiedlichen Perspektiven – etwa aus Uganda, Indien oder Kambodscha – nebeneinanderstellt, statt sie zu harmonisieren. Auch die Frage, ob der Holocaust als „einzigartig“ oder als Teil einer globalen Gewaltgeschichte zu sehen ist, wird nicht durch ein Urteil, sondern durch die Konfrontation mit den verschiedenen historischen Zeugnissen und Meinungsstreits offen gehalten.

Wie es weitergeht: Debatten und Reflexion

Die Ausstellung ist als Anstoß für eine weiterführende gesellschaftliche Debatte konzipiert. Da das DHM keine aktuellen politischen Konflikte lösen kann oder will, liegt der Fokus auf der langfristigen Auseinandersetzung mit historischem Material. Die Besucher sind dazu eingeladen, ihre eigenen Einschätzungen in den Reflexionsraum der Ausstellung einzubringen. Es ist zu erwarten, dass die Schau kontroverse Reaktionen hervorrufen wird, da sie sowohl den Vorwurf provozieren könnte, den Holocaust durch den Vergleich mit dem Kolonialismus zu relativieren, als auch den Vorwurf, die Unterschiede zu stark zu betonen. Die Ausstellungsmacher sind darauf vorbereitet, diese Spannungen auszuhalten. Die Debatte um die „Umstrittene Verwandtschaft“ wird somit weit über die Laufzeit der Ausstellung hinaus als Teil der deutschen und internationalen Geschichtskultur fortbestehen. Die wissenschaftliche Forschung wird weiterhin versuchen, die empirische Genauigkeit zu schärfen, um die komplexen Verflechtungen von Rassismus, Antisemitismus und imperialer Gewalt in einer globalisierten Welt besser zu verstehen.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/eingang-von-auschwitz-ii-birkenau-unter-blauem-himmel-38250296/ · Foto: Travel Photographer
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/darf-man-holocaust-und-kolonialismus-vergleichen-accg-201233262.html