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CSD-Anschlag in Berlin: Was Jugendliche wirklich in die Radikalisierung treibt
Kultur · 29.07.2026 06:50

CSD-Anschlag in Berlin: Was Jugendliche wirklich in die Radikalisierung treibt

Kurz: Nach dem CSD-Anschlag in Berlin stellt sich die Frage nach dem Warum. Ein Jugendpsychiater erklärt, warum Radikalisierung oft tiefere psychologische Wurzeln hat

Die Suche nach den Ursachen hinter der Gewalt

Nach erschütternden Gewalttaten, wie dem Angriff auf den CSD in Berlin, folgt in der öffentlichen Debatte meist ein festes Muster: Es wird nach der Ideologie des Täters gefragt. War es religiöser Fanatismus, politischer Extremismus oder eine psychische Erkrankung? Der Kinder- und Jugendpsychiater Jürgen Fleischmann gibt zu bedenken, dass diese Fokussierung oft zu kurz greift. Zwar sei die Analyse der ideologischen Prägung wichtig, doch die entscheidende Frage lautet nach seiner Einschätzung: Unter welchen Bedingungen werden junge Menschen überhaupt empfänglich für extremistische Narrative?

Das Versprechen von Identität und Sinn

Radikale Gruppierungen – ob islamistisch, rechtsextrem oder gewaltorientiert – verfolgen zwar unterschiedliche Ziele, doch ihre Methoden ähneln sich in einem zentralen Punkt: Sie bieten das, was in modernen demokratischen Gesellschaften oft fehlt. Sie vermitteln ein Gefühl von Zugehörigkeit, Identität und Anerkennung. Für Jugendliche, die sich in einer komplexen Welt überfordert fühlen, wirken diese Angebote attraktiv. Sie liefern einfache Antworten, reduzieren Komplexität und nehmen dem Einzelnen die Last der Verantwortung ab. Wer sich in einer solchen Gruppe verortet, erhält eine klare Bedeutung und Gewissheit.

Die Wurzeln liegen in der Kindheit

Die Empfänglichkeit für solche Ideologien wird laut Fleischmann oft bereits in der Kindheit grundgelegt. Wenn Kinder nicht die Erfahrung machen, dass ihre eigene Stimme Gewicht hat oder ihre Meinung zählt, erleben sie Freiheit im Erwachsenenalter nicht als Chance, sondern als Überforderung. Wer nie gelernt hat, Selbstvertrauen zu entwickeln, sucht zwangsläufig Halt im Außen. Diese Sehnsucht nach einer autoritären Ordnung, wie sie bereits der Philosoph José Ortega y Gasset beschrieb, ist kein rein historisches Phänomen, sondern von aktueller Relevanz.

Integration als Demokratiepolitik

Die Radikalisierungsforschung bestätigt, dass stabile Beziehungen und gesellschaftliche Teilhabe essenzielle Schutzfaktoren gegen Gewalt sind. Daher dürfe Integrationsarbeit oder Kinder- und Jugendhilfe nicht als bloße Sozialleistung verstanden werden. Sie sind vielmehr eine Investition in die innere Sicherheit und den Zusammenhalt der Gesellschaft. Ein zentrales Problem sieht der Psychiater darin, dass Teile der Gesellschaft über Jahrzehnte hinweg als „Gäste“ behandelt wurden, obwohl sie längst Teil des Landes sind. Wer jungen Menschen dauerhaft vermittelt, nicht dazuzugehören, öffnet Tür und Tor für Extremisten, die genau diese Zugehörigkeit versprechen.

Der Wettbewerb um Zugehörigkeit

Die Gefahr der Radikalisierung ist nicht auf bestimmte Gruppen beschränkt. Sie betrifft ebenso Jugendliche in strukturschwachen Regionen, die keine Perspektiven sehen und sich gesellschaftlich nicht wahrgenommen fühlen. Innere Sicherheit beginnt daher nicht bei der Polizei oder dem Verfassungsschutz, sondern im Kinderzimmer, in der Kita und in der Schule.

Die Erfahrung aus der therapeutischen Arbeit zeigt, dass ideologische Überzeugungen oft in den Hintergrund treten, sobald Jugendliche auf anderem Wege positive Zugehörigkeit erfahren – etwa durch Verantwortung im Sportverein, bei der Freiwilligen Feuerwehr oder in anderen gesellschaftlichen Engagements. Der demokratische Staat steht somit in einem stetigen Wettbewerb um Zugehörigkeit. Er darf es sich nicht leisten, diese Leerstelle zu ignorieren, denn die Zukunft der Demokratie entscheidet sich dort, wo Kinder lernen, ob diese Gesellschaft auch ihre eigene ist.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/stadt-dammerung-himmel-wolken-12924761/ · Foto: Levent Simsek
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/jugendpsychiater-warum-junge-menschen-empfaenglich-fuer-ideologien-sind-accg-201072085.html