Was geschehen ist: Fachtagung zur digitalen Radikalisierung
Unter der Überschrift „Minderjährige im Digitalen Raum. Radikalisierungsbeschleuniger Social Media“ fand am Donnerstag, den 27. August 2026, eine bedeutende Fachtagung im Bonifatiushaus in Fulda statt. Rund 120 Fachkräfte aus dem schulischen Bereich, verschiedenen Behörden sowie unterschiedlichen Feldern der Sozialen Arbeit versammelten sich, um sich intensiv mit den Gefahren auseinanderzusetzen, die von sozialen Netzwerken für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ausgehen. Die Veranstaltung markierte bereits die dritte Zusammenkunft dieser Art innerhalb der letzten vier Jahre, was die wachsende Relevanz und Dringlichkeit des Themas unterstreicht. Ziel des Austauschs war es, staatliche und nichtstaatliche Akteure für die komplexen Mechanismen der digitalen Radikalisierung zu sensibilisieren und eine landkreisübergreifende Vernetzung zu fördern. Die Teilnehmer erörterten, wie digitale Räume als Katalysatoren für Polarisierung wirken und welche präventiven Maßnahmen notwendig sind, um der freiheitlich demokratischen Grundordnung gegenüber extremistischen Bestrebungen Stabilität zu verleihen. Die Tagung bot eine Plattform für den Austausch über aktuelle Forschungsergebnisse und praktische Handlungsstrategien, um den Herausforderungen der modernen Mediennutzung durch Heranwachsende effektiv zu begegnen.
Die Einzelheiten: Zahlen, Fakten und Expertenmeinungen
Die Fachtagung wurde von den osthessischen Fachstellen für Demokratieförderung und phänomenübergreifende Extremismusprävention (DEXT) der Stadt Fulda, dem Landkreis Fulda, dem Landkreis Hersfeld-Rotenburg sowie dem Vogelsbergkreis organisiert. Unterstützung erhielt das Organisationsteam zudem vom Beauftragten für die Prävention der politisch motivierten Kriminalität (PMK) des Polizeipräsidiums Osthessen sowie der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung (HLZ). Ein zentraler Punkt des Fachtags war der Eröffnungsvortrag von Frau Dr. Zillich von der Ludwig-Maximilians-Universität München, die unter dem Titel „Normverletzendes Verhalten auf Social Media“ referierte. Sie verwies dabei auf die aktuelle Jim-Studie, wonach Jugendliche im Alter von 12 bis 19 Jahren durchschnittlich 231 Minuten täglich ihr Smartphone nutzen. Diese intensive Nutzung birgt neben positiven Aspekten erhebliche Risiken, darunter Hassbotschaften, Verschwörungsnarrative und Desinformation. Besonders Plattformen wie TikTok, X und Telegram wurden als Orte identifiziert, an denen Algorithmen und spezifische digitale Funktionen („Affordanzen“) Extremisten dabei helfen, neue Zielgruppen zu erreichen. Matthias Feuerstein, Programmbereichsleiter für gesellschaftspolitische Bildung an der Akademie Burg Fürsteneck, lieferte mit seinem Tagungskommentar einen weiteren inhaltlichen Beitrag, der die Diskussionen abrundete.
Hintergrund: Vom analogen zum digitalen Extremismus
Die Veranstaltung in Fulda ist das Ergebnis einer kontinuierlichen Beobachtung der gesellschaftlichen Entwicklung. Bereits in den vergangenen Jahren wurde die Notwendigkeit erkannt, das Thema Radikalisierung nicht mehr nur als rein analoges Phänomen zu betrachten. Die Digitalisierung des Extremismus, oft als „Tik-Tokisierung“ bezeichnet, stellt Behörden und Bildungseinrichtungen vor völlig neue Herausforderungen. Die Organisatoren betonen, dass viele Straftaten und Radikalisierungsprozesse heute digitale Bezüge aufweisen. So stehen beispielsweise Propagandadelikte, die häufig im schulischen Kontext auftreten, oft in engem Zusammenhang mit viralen Online-Trends oder sogenannten „Challenges“. Diese Wechselwirkungen zwischen der Online- und der Offline-Welt sind laut den Experten der Tagung ein zentrales Merkmal gegenwärtiger Radikalisierungsverläufe. Die Fachtagung baut auf den Erkenntnissen der vorangegangenen Veranstaltungen auf und reagiert auf die zunehmende Komplexität der digitalen Kommunikation. Die Förderung durch das Hessische Ministerium des Innern, für Sicherheit und Heimatschutz im Rahmen des Landesprogramms „Hessen – aktiv für Demokratie und gegen Extremismus“ unterstreicht die landesweite Bedeutung, die dieser präventiven Arbeit beigemessen wird.
Die Beteiligten: Institutionen und Entscheidungsträger
An der inhaltlichen Gestaltung und Durchführung der Fachtagung waren zahlreiche Experten und Institutionen beteiligt. Neben dem Polizeipräsidium Osthessen und den DEXT-Fachstellen der beteiligten Landkreise und der Stadt Fulda wirkten das Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) Hessen, das Kompetenzzentrum gegen Extremismus in Baden-Württemberg (LKA BW) sowie die Organisation jugendschutz.net mit. Auch die Medienanstalt Hessen und die Berghof Foundation trugen mit ihrem Fachwissen zum Gelingen der Workshops bei. Der Erste Kreisbeigeordnete des Landkreises Fulda, Frederik Schmitt (CDU), unterstrich in seiner Rede die politische Relevanz des Themas. Er forderte eine stärkere Vernetzung aller staatlichen Ebenen, um den „Feinden der freiheitlich demokratischen Grundordnung“ effektiv begegnen zu können. Schmitt wies zudem auf die negativen Begleiterscheinungen exzessiver Handynutzung hin, wie etwa Sprachverfall oder psychische Erkrankungen, und betonte, dass der Schutz der Jugendlichen eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe darstelle, die sowohl staatliche als auch zivilgesellschaftliche Akteure in die Pflicht nehme.
Einordnung: Die Bedeutung der digitalen Prävention
Einzuordnen ist die Tagung als ein notwendiger Schritt zur Anpassung der Präventionsarbeit an die veränderten Kommunikationsgewohnheiten junger Menschen. Den Berichten zufolge ist die Erkenntnis gewachsen, dass eine reine Beobachtung der analogen Welt nicht mehr ausreicht, um Radikalisierungsprozesse frühzeitig zu erkennen. Die Experten sind sich einig, dass die Algorithmen sozialer Medien eine Eigendynamik entwickeln können, die extremistische Inhalte begünstigt und verstärkt. Die Einordnung der „Affordanzen“ – also der Möglichkeiten, die Plattformen bieten – zeigt, dass die technische Architektur von Netzwerken eine entscheidende Rolle bei der Verbreitung von Hassbotschaften spielt. Es wird deutlich, dass die Präventionsarbeit heute nicht mehr nur bei den Jugendlichen ansetzen muss, sondern auch die Rolle der Plattformbetreiber und die politischen Rahmenbedingungen kritisch hinterfragen sollte. Die Vernetzung der Fachkräfte, wie sie in Fulda praktiziert wurde, ist laut den Organisatoren essenziell, um auf die Dynamik der digitalen Welt reagieren zu können, bevor sich Online-Radikalisierung in reale Straftaten übersetzt.
Offene Fragen und wie es weitergeht
Der vorliegende Quelltext lässt einige Fragen offen, die für die praktische Arbeit der Fachkräfte von Bedeutung sein könnten. So wird zwar die Notwendigkeit der Vernetzung betont, es bleibt jedoch unklar, welche konkreten neuen Strukturen oder Kommunikationswege nach der Tagung etabliert werden sollen, um diesen Austausch über den Tagungszeitraum hinaus zu verstetigen. Auch die Rolle der Plattformbetreiber wurde zwar als Diskussionspunkt genannt, doch bleibt offen, welche spezifischen Forderungen oder Maßnahmen die Teilnehmer gegenüber diesen Unternehmen formulieren oder einfordern wollen. Ebenso fehlen im Text konkrete Zeitpläne für nachfolgende Veranstaltungen oder weiterführende Projekte, die aus den gewonnenen Erkenntnissen der Workshops hervorgehen könnten. Die angekündigten Schritte beschränken sich auf die allgemeine Zielsetzung der Prävention und der Sensibilisierung. Es bleibt abzuwarten, wie die erarbeiteten Handlungsstrategien in den Alltag der Schulen und Behörden in Osthessen integriert werden und ob die Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Landkreisen und dem Polizeipräsidium in konkrete, messbare Projekte münden wird.