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Bilderbuch von Johanna Schaible: Wie die Zeit vergeht
Kultur · 25.08.2026 08:25

Bilderbuch von Johanna Schaible: Wie die Zeit vergeht

Kurz: Die Schweizer Künstlerin Johanna Schaible widmet sich in ihrem neuen Bilderbuch der komplexen Natur der Zeit und der Rhythmik unseres täglichen Lebens.

Was geschehen ist: Die Zeit als zentrales Motiv

Die Schweizer Künstlerin Johanna Schaible hat mit ihrem neuesten Werk ein Bilderbuch vorgelegt, das sich erneut mit der Wahrnehmung und den Eigenarten der Zeit auseinandersetzt. Unter dem Titel „Guten Morgen – Gute Nacht“, erschienen im Carl Hanser Verlag, entwirft sie ein erzählerisches Konstrukt, das die starre Struktur eines 24-Stunden-Tages mit den weitreichenden, oft unvorhersehbaren Bögen des menschlichen Lebens verknüpft. Das Buch fungiert dabei als Wendebuch, das den Leser dazu einlädt, die Geschichte aus zwei entgegengesetzten Richtungen zu betrachten. Während die Zeit in der alltäglichen Wahrnehmung oft als homogenes Konstrukt erscheint, zeigt Schaible in ihren Illustrationen und knappen Texten auf, dass sie sich je nach Lebenssituation zusammenziehen oder ausdehnen kann. Es ist eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Monotonie und der Vielfalt, die wie ineinandergreifende Zahnräder unterschiedlicher Größe den menschlichen Alltag und die großen Lebenswege bestimmen. Die Veröffentlichung des Buches im Jahr 2026 unterstreicht das anhaltende Interesse der Künstlerin an der philosophischen Dimension von Zeitabläufen, die sie bereits in ihrem ersten, erfolgreichen Bilderbuch thematisiert hatte, in dem sie den Bogen von den Dinosauriern bis in die Gegenwart spannte.

Die Einzelheiten: Von der Küste bis in die Stadt

Das Werk umfasst 56 Seiten und ist als gebundene Ausgabe im Münchner Hanser Verlag erschienen. Der Preis liegt bei 22 Euro, wobei die Zielgruppe Kinder ab einem Alter von vier Jahren umfasst. Die visuelle Gestaltung beginnt bei beiden Enden des Buches am Meer: Die Morgen-Seite wird durch warme Rottöne und eine kräftige Sonne eingeleitet, während die Nacht-Seite mit einem verblassenden Himmel und leuchtendem Wasser arbeitet. Die Szenarien im Inneren sind vielfältig. So finden sich Darstellungen von Geschwistern in Schlafanzügen auf einem Balkon, neben denen im Wohnzimmer noch Buntstifte und Papier liegen. Später im Tagesverlauf werden Schulkinder gezeigt, die durch hohes Gras eilen, um einen Bus zu erreichen, oder Menschenmengen in einer hektischen Stadt. Ein besonders emotionaler Moment ist die Darstellung einer Frau auf einer Skipiste, die ihr Gesicht in den Händen verbirgt, begleitet von dem Satz: „Es gibt Tage, an denen tut uns die Sonne gut“. Dem gegenüber stehen dunkle, finstere Tage, an denen Rauch den Himmel verdunkelt und ausgebrannte Häuser sowie Schutt zu sehen sind – eine deutliche Anspielung auf die Zerstörungskraft von Kriegen. Diese Szenen werden mit dem Satz „Tage, die dunkler sind als die Nacht“ kommentiert.

Hintergrund: Die philosophische Tiefe der Routine

Johanna Schaible hat sich bereits in ihrer vorherigen Arbeit intensiv mit der Zeit beschäftigt. Ihr erstes Bilderbuch zeichnete sich durch wechselnde Tempi aus, die den Leser auf eine Reise durch die Erdgeschichte bis in den heutigen Nachmittag mitnahmen. Mit dem aktuellen Werk „Guten Morgen – Gute Nacht“ wählt sie einen fokussierteren Ansatz, der sich auf den unmittelbaren Tagesrhythmus konzentriert. Dabei geht es der Künstlerin nicht um eine rein lineare Erzählung, sondern um das Aufzeigen von Gleichzeitigkeiten. Die Idee des Wendebuches ist dabei kein bloßes Spiel, sondern ein notwendiges Gestaltungsmittel, um beiden Tageshälften – dem Tag und der Nacht – gerecht zu werden. Die Nacht wird dabei nicht nur als bloßes Ende des Tages begriffen, sondern als eigenständiger Raum. Schaible kontrastiert hierbei Traumwelten, wie etwa Eisbären im ewigen Eis, mit der harten Realität nächtlicher Arbeit, symbolisiert durch die grellen Flutlichter einer Baustelle. Diese Gegenüberstellung verdeutlicht, dass Zeit für verschiedene Individuen in unterschiedlichen Konstanten verläuft, auch wenn alle durch die unerschütterliche Routine des Mond- und Sonnenwechsels verbunden bleiben.

Die Beteiligten: Eine künstlerische Perspektive

Die Hauptakteurin hinter diesem Projekt ist die Schweizer Künstlerin Johanna Schaible. Sie zeichnet sowohl für die Illustrationen als auch für die konzeptionelle Ausarbeitung des Buches verantwortlich. Das Werk wurde im Carl Hanser Verlag in München veröffentlicht. Der journalistische Blick auf das Buch stammt von der Redakteurin Anna Nowaczyk, die für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schreibt. In ihrer Analyse hebt sie besonders die Fähigkeit der Künstlerin hervor, nicht nur Schlaglichter auf einzelne Szenen zu werfen, sondern die Vernetzung verschiedener Lebensentwürfe innerhalb eines gemeinsamen Zeitrahmens sichtbar zu machen. Die Figuren im Buch, seien es die Geschwister, die Schulkinder oder die Frau auf der Skipiste, dienen als Stellvertreter für die menschliche Erfahrung. Die Tiere, wie etwa die Eisbären in den Traumsequenzen, erweitern diesen Horizont und betonen die universelle Gültigkeit der Zeit, die sich über den Menschen hinaus erstreckt. Institutionell ist der Hanser Verlag als Herausgeber maßgeblich für die Verbreitung dieses Werkes im deutschsprachigen Raum verantwortlich.

Einordnung: Zeit als subjektive Erfahrung

Einzuordnen ist das Werk als ein Beitrag zur kindgerechten Philosophie. Den Berichten zufolge gelingt es Schaible, eine Brücke zwischen der kindlichen Wahrnehmung von Zeit – die oft als unendlich oder sehr langsam empfunden wird – und der Erwachsenenperspektive zu schlagen. Die Bewertung des Buches unterstreicht, dass es weniger um einen reinen Erkenntnisgewinn geht, sondern vielmehr um das Wecken von Erinnerungen und das Schaffen eines Bewusstseins für die eigene Vergänglichkeit und Gleichzeitigkeit. Die warmen Farben der Illustrationen fungieren dabei als beruhigendes Element, das die unerschütterliche Routine des Tageswechsels unterstützt. Die Kritik deutet darauf hin, dass die Künstlerin eine besondere Stärke darin beweist, die „eigenartige Gleichzeitigkeit“ vieler Leben darzustellen. Dass das Buch trotz der Darstellung von Krieg und Zerstörung eine tröstliche Gewissheit vermittelt – nämlich die, dass die Sonne den Mond immer wieder ablösen wird –, wird als besondere Qualität hervorgehoben. Es ist ein Plädoyer für die Akzeptanz der verschiedenen Tempi, in denen sich Leben entfalten können.

Offene Fragen: Was bleibt unbeantwortet?

Der vorliegende Quelltext lässt einige Aspekte der Entstehung und der inhaltlichen Tiefe offen. So wird beispielsweise nicht explizit erläutert, welche spezifischen künstlerischen Techniken Johanna Schaible für die Illustrationen verwendet hat, um die unterschiedlichen Stimmungen von „hellen“ und „finsteren“ Tagen visuell zu trennen. Auch bleibt offen, ob die Künstlerin bei der Konzeption des Buches auf spezifische pädagogische oder psychologische Beratungen zurückgegriffen hat, um die komplexe Thematik der Zeit für Kinder ab vier Jahren aufzubereiten. Zudem wird nicht detailliert darauf eingegangen, wie die Resonanz der Zielgruppe – also der Kinder selbst – auf das Buch ausfällt, da sich der Bericht primär auf eine fachliche Analyse konzentriert. Es bleibt auch unklar, ob es eine geplante Lesereise oder weitere Projekte der Künstlerin gibt, die sich mit ähnlichen Themen befassen. Die Lücke zwischen der abstrakten philosophischen Idee der Zeit und der konkreten, alltäglichen Anwendung im Buch wird zwar durch die Beispiele (Bauklötze, Baustelle) illustriert, eine tiefere Erläuterung der Auswahl dieser spezifischen Szenen findet jedoch nicht statt.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/stadt-wahrzeichen-gebaude-architektur-25053933/ · Foto: detait
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/kinderbuch/johanna-schaibles-guten-morgen-gute-nacht-accg-201142873.html