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Bayreuther Festspiele: Smartphones gefährden die Demokratie
Technik · 27.07.2026 15:18

Bayreuther Festspiele: Smartphones gefährden die Demokratie

Kurz: Erstmals in Bayreuth: Richard Wagners 'Rienzi' wird als Warnung vor digitaler Manipulation und Social-Media-Einfluss auf die Demokratie inszeniert.

Eine Premiere mit Seltenheitswert

Erstmals in der Geschichte der Bayreuther Festspiele steht Richard Wagners Frühwerk „Rienzi“ auf dem Spielplan. Das monumentale Drama um den römischen Volkstribun Cola di Rienzo, das Wagner 1840 vollendete, gehört normalerweise nicht zum festen Kanon der in Bayreuth regelmäßig aufgeführten Werke. Die aktuelle Produktion nutzt die spezifische Akustik des Festspielhauses – insbesondere den verdeckten Orchestergraben –, um die oft als „Schreihals“-Musik bezeichnete Partitur in einem samteneren und sängerfreundlicheren Klanggewand zu präsentieren.

Die musikalische Grundlage bildet eine eigens erstellte Fassung des Dramaturgen Markus Kiesel. Über drei Jahre hinweg wertete er Klavierauszüge, Erstdrucke und verschiedene Aufführungsversionen aus, da es keine definitive Werkfassung gibt. Dabei wurden Details hörbar, die Wagner selbst vor der Uraufführung gestrichen hatte, wie etwa ein 23 Takte langes Unisono von Celli und Kontrabässen in der Ouvertüre.

Zwischen Zeitkritik und politischer Instrumentalisierung

Wagners Hang zur musikalischen Langsamkeit wird in der Inszenierung als bewusste Zeitkritik interpretiert – als Gegenentwurf zur rasanten Beschleunigung der Eisenbahnära. Historisch ist das Werk zudem belastet: Durch den Jugendfreund Adolf Hitlers, August Kubizek, verbreitete sich die Erzählung, eine „Rienzi“-Aufführung im Jahr 1905 habe als politisches Erweckungserlebnis für Hitler gedient. Die Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka setzen sich mit diesem Erbe auseinander, indem sie die Faszination für einen charismatischen Anführer und den Untergangspathos thematisieren, ohne dabei jedoch direkte NS-Symbolik zu verwenden.

Das Smartphone als Bedrohung der Demokratie

Die Regie verlegt das Geschehen in eine moderne Plattenbausiedlung. Das Volk wird hier als atomisierte Masse dargestellt, deren Mitglieder als „Digi-Autisten“ permanent auf ihre Smartphones starren. Über vergrößerte Social-Media-Feeds werden Fake News verbreitet, die zur Radikalisierung der Follower führen. Die Inszenierung versteht sich somit als Plädoyer gegen die Anfälligkeit demokratischer Prozesse für die Manipulation durch elektronische Massenmedien.

Kritisch angemerkt wird jedoch, dass die Konzentration auf Videoeinspielungen und pantomimische Elemente die singenden Akteure teils in den Hintergrund drängt. Während das Konzept der digitalen Manipulation inhaltlich überzeugt, wirken manche theatralen Umsetzungen, wie die bewusste Theatralisierung von Politik, in der Ausführung weniger präzise als in früheren Bayreuther Produktionen.

Musikalische Herausforderungen

Die Anforderungen an die Sänger sind bei „Rienzi“ immens. Wagner verlangt eine Kombination aus der Beweglichkeit des Belcanto und der Kraft späterer Heldenpartien, was für das Ensemble eine große Belastung darstellt. Die Dirigentin Nathalie Stutzmann leitet das Orchester zu Beginn organisch und gesanglich, stößt jedoch im weiteren Verlauf auf Abstimmungsprobleme, die besonders den Chor in den ersten Akten vor Herausforderungen stellen.

Andreas Schager in der Titelrolle meistert die Partie trotz erkennbarer Ermüdungserscheinungen und Intonationsschwächen mit bemerkenswerter Textverständlichkeit. Auch die weiteren Solisten, darunter Jennifer Holloway und Gabriela Scherer, müssen ihre Stimmen stark forcieren, um sich gegen das Orchester durchzusetzen. Trotz dieser sängerischen Hürden gelingt es dem Ensemble im Finale des zweiten Aktes, eine musikalische Utopie zu erschaffen, in der Lyrik und Monumentalismus verschmelzen. Die Produktion verdeutlicht damit sowohl die kreative Energie als auch die sperrige Natur dieses frühen Wagner-Werks.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/computer-traurig-betrubt-mannlich-9830820/ · Foto: Ron Lach
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/musik-und-buehne/oper/wagners-rienzi-erstmals-in-bayreuth-hat-es-sich-gelohnt-accg-201068045.html