Einblicke in eine veränderte Gesellschaft
Der in Biedenkopf geborene Autor Stephan Thome widmet sich in seinem neuen Roman „Besser als nie“ den komplexen Befindlichkeiten im Deutschland des Jahres 2026. Obwohl der Roman in dem fiktiven Ort Bergenstadt spielt, greift er reale gesellschaftliche Spannungen auf. Im Zentrum steht das traditionelle Volksfest „Grenzgang“, das alle sieben Jahre stattfindet und in der Realität wie im Buch für kontroverse Diskussionen sorgt.
Thome, der seit 2005 schwerpunktmäßig in Taiwan lebt, nutzt die Distanz zu seiner Heimat, um einen geschärften Blick auf die deutsche Provinz zu werfen. Der Roman fungiert dabei als eine Art Spiegelbild der aktuellen Stimmung im Land, geprägt von einer postpandemischen Erschütterung und einem schwindenden gesellschaftlichen Konsens.
Der Grenzgang als Brennpunkt
Das Traditionsfest dient im Roman als zentraler Konfliktherd. Besonders die Praxis des „Blackfacing“ – das Schminken von Personen als „Mohr“ – steht im Fokus der Kritik. Während die Befürworter das Fest als identitätsstiftendes Kulturgut betrachten, das keine bösen Absichten verfolge, weisen Kritiker auf den kolonialen Ursprung und die verletzende Wirkung dieser Darstellung hin.
Thome betont, dass die Debatte durch soziale Bewegungen wie „Black Lives Matter“ an Schärfe gewonnen hat. Er selbst sieht in der Weigerung vieler Beteiligter, sich mit den historischen Hintergründen – etwa dem Schicksal verschleppter Menschen – auseinanderzusetzen, ein Problem. Ein im Roman durch einen Historiker vorgeschlagener Kompromiss, die Schminke wegzulassen und die Figur lediglich als „Major“ zu bezeichnen, stößt in der Geschichte auf ebenso vehemente Ablehnung wie in der Realität.
Zwischenmenschliche Herausforderungen und politischer Druck
Die Hauptfigur des Romans, Bürgermeister Jürgen, verkörpert die Überforderung vieler lokaler Entscheidungsträger. Er muss nicht nur private Krisen bewältigen, wie die Entfremdung von seiner Tochter, sondern auch als Vermittler zwischen den verschiedenen Lagern fungieren. Die Tochter des Bürgermeisters nimmt dabei die Rolle der Kritikerin ein, was den familiären Konflikt verschärft.
Thome nutzt diese Konstellation, um aufzuzeigen, wie schwer es in einer komplexen Zeit geworden ist, abweichende Standpunkte zuzulassen. Der Autor beobachtet, dass die Bereitschaft, die eigene Meinung nicht absolut zu setzen, in der Gesellschaft abgenommen hat. „Wir müssen reden“ ist daher nicht nur ein Satz am Ende des Buches, sondern ein Appell an die demokratische Diskursfähigkeit.
Die Kluft zwischen Stadt und Land
Ein weiteres zentrales Thema ist das angespannte Verhältnis zwischen städtischen und ländlichen Milieus. Laut Thome wird der Unterschied in seiner tatsächlichen Bedeutung oft überschätzt, da auch auf dem Land Zugang zu denselben Informationsquellen besteht. Dennoch empfindet die Landbevölkerung den sozialen Wandel und die von Städtern vorangetriebenen Wertediskussionen häufig als Bevormundung. Diese Wahrnehmung führt zu einer Kränkung, die den Dialog erschwert.
Vertrauensverlust als gesellschaftliche Erschütterung
Der Roman reflektiert zudem die Folgen der Corona-Pandemie. Thome beschreibt eine Bundesrepublik, die durch den Verlust an Vertrauen in Politik und Experten gezeichnet ist. Viele Menschen haben sich aus dem gemeinsamen gesellschaftlichen Diskurs zurückgezogen und vertrauen stattdessen nur noch eigenen Überzeugungen. Diese Entwicklung betrachtet der Autor als eine schleichende Abkehr von den Grundpfeilern der Demokratie. Literatur kann in diesem Kontext als ein Werkzeug dienen, um durch den Perspektivwechsel Empathie zu fördern und den notwendigen Austausch zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen anzuregen.