Einblicke in eine gespaltene Gesellschaft
Der Schriftsteller Stephan Thome, der seit Jahren in Taipeh lebt, widmet sich in seinem aktuellen Roman „Besser als nie“ erneut seinem Geburtsort Biedenkopf. Obwohl das Werk keine direkte Fortsetzung seines Debüts „Grenzgang“ aus dem Jahr 2009 darstellt, greift es das titelgebende Volksfest als zentrales Motiv auf. Das alle sieben Jahre stattfindende Ereignis dient Thome als Brennglas, um die Befindlichkeiten im Deutschland des Jahres 2026 präzise zu analysieren.
Das Grenzgang-Fest als gesellschaftlicher Konfliktherd
Das Volksfest in Biedenkopf ist tief in der lokalen Identität verwurzelt. Doch während die Bewohner das Fest als Ausdruck ihrer Heimatverbundenheit feiern, steht es zunehmend in der Kritik. Ein zentraler Streitpunkt ist die Praxis des Blackfacing, bei der eine Figur im Rahmen der Folklore schwarz angemalt auftritt.
Thome, der selbst mit diesen Traditionen aufgewachsen ist, reflektiert im Gespräch, wie sich sein eigener Blick durch gesellschaftliche Bewegungen wie „Black Lives Matter“ gewandelt hat. Während er die Tradition früher nicht als anstößig wahrnahm, sieht er heute die Notwendigkeit, den historischen Kontext – etwa den Ursprung in kolonialen Strukturen und den historischen Menschenhandel – kritisch zu hinterfragen. Der Autor betont, dass die gute Absicht der Veranstalter nicht vor der Verletzung anderer schützt.
Literatur als Brücke zwischen Stadt und Land
Ein wesentlicher Aspekt des Romans ist die Vermittlung zwischen unterschiedlichen Lebensrealitäten. Thome beobachtet, dass sich die Kluft zwischen Stadt- und Landbevölkerung oft an der Frage der Deutungshoheit entzündet. Während städtische Milieus den sozialen Wandel vorantreiben, fühlen sich Menschen in ländlichen Regionen häufig bevormundet oder in ihrer Lebensweise herabgesetzt.
Der Autor sieht in der Literatur ein mächtiges Werkzeug, um Empathie zu wecken. Indem Leser die Welt durch die Augen verschiedener Charaktere betrachten, könnten starre Fronten aufgeweicht werden. Er appelliert an die Notwendigkeit des Dialogs: „Wir müssen reden“ ist für ihn nicht nur ein Satz am Ende seines Buches, sondern ein grundlegender Auftrag für das demokratische Zusammenleben.
Eine postpandemische Bestandsaufnahme
Die Arbeit an dem Roman wurde durch die Corona-Pandemie maßgeblich beeinflusst. Thome beschreibt, wie die Zeit der Pandemie das Vertrauen in politische Institutionen und Experten nachhaltig erschüttert hat. Viele Menschen hätten sich aus einem gemeinsamen Diskurs zurückgezogen und würden stattdessen eigenen Überzeugungen folgen.
Diese Verunsicherung spiegelt sich in der Atmosphäre des Romans wider. Die fiktive Bergenstadt, in der der Bürgermeister Jürgen mit privaten Krisen und dem öffentlichen Druck um das Grenzgang-Fest kämpft, steht stellvertretend für eine Bundesrepublik, die nach der Pandemie mit sich selbst ringt.
Der Umgang mit Tradition und Kritik
Im Roman wie auch in der Realität prallen verschiedene Lösungsansätze aufeinander. Ein Vorschlag des Kulturwissenschaftlers Siegfried Becker, die schwarze Schminke wegzulassen und die Figur umzubenennen, stieß sowohl im Buch als auch in der Wirklichkeit auf Ablehnung. Thome sieht darin ein Symptom für die Schwierigkeit, liebgewonnene Gewissheiten in einer komplexen Zeit infrage zu stellen.
Für den Autor bleibt das Erzählen von Geschichten die wichtigste Ausdrucksform, um diese gesellschaftlichen Spannungen aufzuarbeiten. Sein Roman versteht sich dabei nicht als Anklage, sondern als Versuch, die verschiedenen Perspektiven in einem zerrissenen Land sichtbar zu machen und zum fortwährenden Gespräch anzuregen.