News aus aller Welt
Start
Auflösung der Bibliothek: Abschied vom Buch, diesmal aber wirklich!
Kultur · 13.08.2026 18:40

Auflösung der Bibliothek: Abschied vom Buch, diesmal aber wirklich!

Kurz: Die Auflösung einer privaten Gelehrtenbibliothek wirft existenzielle Fragen über den Wert des Buches und die Zukunft des Wissens in Zeiten der KI auf.

Was geschehen ist – die Kernmeldung

Das Ende des Buches wird seit Jahrzehnten regelmäßig ausgerufen, doch bisher ist es nicht eingetreten. Valentin Groebner, Autor und Gelehrter, reflektiert in seinem Beitrag über die persönliche und gesellschaftliche Dimension der Auflösung einer eigenen Bibliothek. Während das Buch als physisches Objekt, als „Zeitkapsel“ aus gepresster Zellulose, historisch einen hohen Stellenwert als Bewahrer von Wahrheit und Wissen genießt, steht es heute vor neuen Herausforderungen. Ein diskretes kanadisches Unternehmen kauft derzeit im Auftrag der Firma Anthropic in großem Stil gebrauchte Sachbücher in europäischen Antiquariaten auf. Diese Bücher, die nach 1970 erschienen sind und oft exotische Fachgebiete abdecken, werden nicht etwa gelesen oder archiviert, sondern gescannt, digitalisiert und anschließend zerstört. Das Ziel dieses Prozesses ist das Training großer kommerzieller Sprachmodelle, da das im Internet frei zugängliche Material für die Entwicklung Künstlicher Intelligenz bereits weitgehend ausgeschöpft ist. Hierbei wird das Urheberrecht umgangen, um den Hunger der Algorithmen nach menschengemachten Texten zu stillen. Diese Entwicklung markiert einen radikalen Bruch mit der bisherigen Wertschätzung des Buches als dauerhaftem Wissensspeicher.

Die Einzelheiten der Entwicklung

Die Praxis der industriellen Verwertung von Büchern durch KI-Unternehmen ist ein bemerkenswerter Vorgang. Schätzungen zufolge wurden bereits viele Hunderttausende Exemplare erworben. Die betroffenen Bücher werden unter dem Vorwand des Recyclings – das eigentlich nur die Polyethylen-Folie der eingeschweißten Exemplare betrifft – ihrer eigentlichen Bestimmung entzogen. Valentin Groebner beschreibt seinen eigenen Prozess der Bibliotheksauflösung, bei dem er einen Antiquar zu Rate zog. Dieser bewertete die Bestände pragmatisch: Während dicke Bände zur Schweizer Geschichte oder englischsprachige Fachliteratur kaum Interesse weckten, war die Nachfrage nach Architektur, Theorie, Gegenwartsliteratur und Lyrik in gut erhaltenen Taschenbuchausgaben vorhanden. Für vierzehn große Papiertüten mit Büchern, darunter Werke von Michel Serres und Jonathan Franzen, erhielt Groebner einen Betrag von 250 Euro. Dieser Vorgang verdeutlicht die Diskrepanz zwischen dem subjektiven Wert einer Gelehrtenbibliothek, die als „ausgelagertes Hirn“ dient, und dem marktwirtschaftlichen Wert, der in Antiquariaten erzielt werden kann. Die literarische Parallele zu Jonathan Franzens Roman „Die Korrekturen“ aus dem Jahr 2001, in dem der Protagonist Chip seine wertvolle Sammlung für einen Bruchteil ihres Preises verkaufen muss, unterstreicht die Bitterkeit dieses Vorgangs.

Hintergrund und historische Einordnung

Medienhistorisch betrachtet ist das Buch seit den Buchreligionen der Spätantike als „Erlösungsvehikel“ und „Seelenfahrzeug“ besetzt. Trotz des Wandels der Materialien – vom Papyrus zur Rolle, vom Codex zum Papier – blieb der Name und der Anspruch auf Dauerhaftigkeit bestehen. Doch die Geschichte des Buches ist auch eine Geschichte seiner angeblichen Endzeit. Bereits 1929 beklagte der Verleger Eugen Diederichs den Verfall des Lesens durch Kino und Radio. 1962 verkündete Marshall McLuhan das Ende der „Gutenberg-Galaxis“ aufgrund des Fernsehens. 1994 prophezeite Sven Birkerts in seinen „Gutenberg-Elegien“ den Untergang. Interessanterweise führte jede dieser Krisenprognosen zu einer noch größeren Produktion von Büchern; zu Beginn des 21. Jahrhunderts erschienen etwa eine Million neue Titel pro Jahr. Die Ironie besteht darin, dass der Untergang des Buches meist in Büchern selbst angekündigt wird. Selbst als 2002 die Band „The Books“ mit ihrem Album „Thought for Food“ die Ära der digitalen Wiederholungsschleifen einläutete, blieb das Buch als kulturelles Artefakt bestehen, während die technologische Entwicklung stetig voranschritt.

Die Beteiligten und ihre Rollen

In diesem Prozess agieren verschiedene Akteure mit unterschiedlichen Interessen. Auf der einen Seite stehen die Gelehrten und Sammler, für die ihre Bibliothek ein „Ego-Museum“ darstellt – eine Ansammlung von Wissen, die ihre eigene Identität und Vergangenheit repräsentiert. Sie sind diejenigen, die sich von ihren Beständen trennen müssen, wenn Platz oder Geld fehlen. Auf der anderen Seite stehen die Antiquare, die als professionelle Taxierer den Marktwert dieser Sammlungen bestimmen und dabei nüchtern zwischen verkäuflichen und unverkäuflichen Beständen unterscheiden. Eine neue, mächtige Rolle nehmen Firmen wie Anthropic ein, die durch kanadische Zwischenhändler den Markt für gebrauchte Sachbücher leeren, um ihre Sprachmodelle zu füttern. Diese Institutionen agieren außerhalb des traditionellen literarischen Kanons und behandeln Bücher als bloße Rohstoffquelle für Daten. Autoren wie Jonathan Franzen, deren Werke in diesen Bibliotheken stehen, dienen hierbei unfreiwillig als Lieferanten für die KI-Entwicklung, während die ursprünglichen Besitzer ihre Bestände als „Berührungsreliquien“ oder „Wunschbehälter“ betrachten, die nun ihre letzte Reise antreten.

Einordnung der aktuellen Situation

Einzuordnen ist die aktuelle Entwicklung als eine Zäsur im Umgang mit Wissen. Bücher waren bisher als „Informationsträger“ und „Berührungsreliquien“ mit einer Aura versehen, die über ihren reinen Inhalt hinausging. Die Zerstörung der physischen Exemplare nach dem Scanvorgang durch KI-Unternehmen entwertet das Buch als materielles Objekt vollständig. Den Berichten zufolge handelt es sich hierbei nicht um eine bloße Archivierung, sondern um eine industrielle Ausbeutung. Die Gelehrsamkeit, die in den Regalen der Wissenschaftler über Jahrzehnte gereift ist, wird zu einer Art „dick eingekochter Gelehrsamkeitsmarmelade“, die für den Besitzer ihren Nutzen verloren hat. Dass diese Bücher nun als Futter für Algorithmen dienen, ist eine bittere Pointe: Das, was einst als „für immer“ gedacht war, weil es als „Buch“ erschien, wird nun in digitale Datenströme aufgelöst, die keine Spur mehr von der ursprünglichen Materialität oder der persönlichen Beziehung des Lesers zu seinem Werk enthalten.

Offene Fragen

Der Quelltext lässt einige zentrale Fragen unbeantwortet. Es bleibt unklar, wie die rechtliche Lage bezüglich der massenhaften Zerstörung urheberrechtlich geschützter Werke durch KI-Unternehmen genau aussieht und ob es gegen die beschriebene Praxis der kanadischen Firma bereits juristische Interventionen gibt. Zudem wird nicht detailliert ausgeführt, welche spezifischen Fachgebiete neben den genannten Kategorien für das Training der Sprachmodelle am begehrtesten sind. Auch die langfristigen Auswirkungen auf den Antiquariatsmarkt, wenn ein Großteil der Sachliteratur aus den Regalen verschwindet und vernichtet wird, werden nur angedeutet, aber nicht quantifiziert. Es bleibt offen, ob die Zerstörung der Bücher eine bewusste Strategie ist, um den Wiederverkauf zu verhindern, oder ob sie lediglich ein Nebenprodukt der Digitalisierung darstellt. Die Frage, wer die Verantwortung für den Verlust dieses kulturellen Erbes übernimmt, wird im Text zwar aufgeworfen, aber nicht abschließend geklärt.

Wie es weitergeht

Die Entwicklung deutet darauf hin, dass die industrielle Verwertung von Altbeständen durch KI-Unternehmen weiter zunehmen wird, solange der Bedarf an hochwertigen Trainingsdaten besteht. Die Gelehrten werden sich weiterhin mit der Frage auseinandersetzen müssen, was mit ihren „Ego-Museen“ geschieht, wenn sie diese nicht mehr pflegen können oder wollen. Der Prozess des „Abschieds vom Buch“ scheint sich von einer bloßen Metapher in eine reale, physische Vernichtung zu verwandeln. Es ist zu erwarten, dass die Debatte um das Urheberrecht und die Nutzung von geschützten Inhalten durch KI-Modelle weiter an Schärfe gewinnen wird, insbesondere wenn die Zerstörung der physischen Originale als Standardprozedur wahrgenommen wird. Für die Besitzer von Bibliotheken bleibt die Entscheidung, ob sie ihre Bestände in den Markt geben, wo sie möglicherweise in einem digitalen „Fluss Lethe“ verschwinden, oder ob sie versuchen, andere Wege der Bewahrung zu finden. Die Zukunft des Buches als physisches Objekt bleibt somit in einem Spannungsfeld zwischen nostalgischer Wertschätzung und technologischer Entwertung gefangen.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/brauner-holztisch-und-stuhle-6333742/ · Foto: cottonbro studio
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/sachbuch/der-topos-vom-ende-des-buchs-und-wie-private-bibliotheken-enden-koennen-200959371.html