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Archäologe Meller: „Die Zeit der Geschichtsfälschungen ist zurückgekehrt“
Kultur · 31.07.2026 07:12

Archäologe Meller: „Die Zeit der Geschichtsfälschungen ist zurückgekehrt“

Kurz: Landesarchäologe Harald Meller wehrt sich gegen die Vereinnahmung Ottos des Großen durch die AfD und warnt vor einer Rückkehr nationalistischer Geschichtsmythen

Ein Kaiser im Fokus politischer Debatten

Die sterblichen Überreste Ottos des Großen stehen derzeit im Zentrum einer intensiven kulturpolitischen Auseinandersetzung. Anlass für die aktuelle Debatte ist eine wissenschaftliche Untersuchung der kaiserlichen Gebeine, die im Zuge einer notwendigen Restaurierung des Sarkophags im Magdeburger Dom initiiert wurde. Während der Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt, Harald Meller, die Knochen des Herrschers mit modernsten Methoden analysieren lässt, sieht sich die Wissenschaft mit dem Vorwurf der Instrumentalisierung konfrontiert.

Kritik an der wissenschaftlichen Untersuchung kam unter anderem von Seiten der AfD in Sachsen-Anhalt. Der kulturpolitische Sprecher der Partei, Hans-Thomas Tillschneider, äußerte sich kritisch über die öffentliche Präsentation der Gebeine an der Medizinischen Fakultät der Universität Halle. Er warf den Verantwortlichen vor, die „Reliquien der deutschen Nation“ einer banalen Neugier preiszugeben.

Wissenschaft versus Ideologie

Für den Landesarchäologen Harald Meller, der auch als Direktor des Museums für Vorgeschichte in Halle fungiert, ist die aktuelle Auseinandersetzung symptomatisch für eine besorgniserregende Entwicklung. Er warnt vor einer Rückkehr der Geschichtsfälschung, bei der historische Figuren gezielt für moderne politische Zwecke umgedeutet werden. Die AfD betrachtet Otto den Großen als Ahnherrn der deutschen Nation und als Begründer eines Vorläuferstaates des heutigen Deutschlands.

Meller hält dieser Sichtweise eine evidenzbasierte Forschung entgegen. Die Untersuchung der Gebeine soll nicht nur konservatorische Zwecke erfüllen, sondern auch historisch klären, inwieweit die moderne politische Vereinnahmung des Kaisers mit den archäologischen und historischen Fakten in Einklang zu bringen ist. Die Frage, ob Archäologie „deutsch gedacht“ werden kann oder sollte, steht dabei im Zentrum einer Debatte über die Rolle der Wissenschaft in einer polarisierten Gesellschaft.

Der Weg zur Wiederbestattung

Die wissenschaftliche Durchleuchtung der kaiserlichen Überreste ist zeitlich begrenzt. Bis zur geplanten Schließung des restaurierten Sarkophags im September werden die Knochen intensiv untersucht. Die Ergebnisse dieser Analysen könnten dazu beitragen, die historische Einordnung Ottos des Großen zu schärfen und Mythen, die auf einer ideologischen Überhöhung basieren, wissenschaftlich zu hinterfragen.

Die Debatte um den Kaiser verdeutlicht, wie stark historische Identitätsstiftung auch im 21. Jahrhundert noch umkämpft ist. Während die Forschung den Fokus auf die materielle und historische Realität legt, versuchen politische Akteure, die Vergangenheit als Projektionsfläche für gegenwärtige nationale Narrative zu nutzen. Die Arbeit von Meller und seinem Team unterstreicht dabei den Anspruch der Archäologie, als objektive Instanz gegen die Vereinnahmung durch nationalistische Mythen zu fungieren.

Kontext und Ausblick

Die Auseinandersetzung um die Gebeine Ottos des Großen ist kein Einzelfall, sondern fügt sich in eine Reihe von Debatten ein, bei denen historische Symbole zur Stärkung politischer Identitäten herangezogen werden. Der Fall zeigt, dass Museen und archäologische Einrichtungen zunehmend in den Bereich der politischen Auseinandersetzung rücken.

Die kommenden Monate bis zur Wiederbestattung im September werden zeigen, welche neuen Erkenntnisse die Forschung über das Leben und die Bedeutung des Kaisers liefern kann. Unabhängig von den Ergebnissen bleibt die Frage bestehen, wie die Gesellschaft mit ihrer Geschichte umgeht und wer die Deutungshoheit über historische Figuren beanspruchen darf. Die wissenschaftliche Arbeit, wie sie in Halle geleistet wird, bildet dabei ein notwendiges Gegengewicht zu einer zunehmend ideologisch geprägten Geschichtsschreibung.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/treppe-stufen-stadt-himmel-16721695/ · Foto: Nevtuğ Yalçın
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/der-archaeologe-harald-meller-im-interview-ueber-otto-den-grossen-accg-201066851.html