Wissenschaft statt Ideologie: Die Untersuchung der Gebeine Ottos des Großen
Im Zentrum einer aktuellen wissenschaftlichen Debatte steht die Untersuchung der sterblichen Überreste Ottos des Großen. Der Landesarchäologe Harald Meller, Direktor des Museums für Vorgeschichte in Halle, hat die Gelegenheit genutzt, die Gebeine des Kaisers einer eingehenden Analyse zu unterziehen. Anlass für diese Maßnahme war die notwendige Sanierung des Sarkophags im Magdeburger Dom, der in den vergangenen Jahren brüchig geworden war.
Während die wissenschaftliche Untersuchung der Knochen mit modernsten Methoden läuft, sorgt das Vorgehen für politische Diskussionen. Insbesondere die AfD in Sachsen-Anhalt hat den Kaiser in den Fokus ihrer Rhetorik gerückt und ihn als Begründer des deutschen Reiches und Vorläufer des heutigen Staates stilisiert. Meller tritt diesen Narrativen entschieden entgegen und betont die Notwendigkeit einer sachlichen, archäologischen Einordnung.
Historische Einordnung: Gab es ein deutsches Konzept im Mittelalter?
Die zentrale Frage, die Meller und sein Team untersuchen, betrifft die historische Legitimation moderner politischer Mythen. Laut Meller ist die Vorstellung, Otto der Große hätte ein Konzept von Deutschland im heutigen Sinne verfolgt, historisch nicht haltbar. Die archäologische Forschung zielt darauf ab, die Person Otto und seine Zeit von ideologischen Überhöhungen zu befreien.
Die Instrumentalisierung historischer Persönlichkeiten für aktuelle politische Zwecke wird von Meller als Rückkehr nationalistischer Geschichtsmythen kritisiert. Der Archäologe warnt davor, archäologische Funde und historische Figuren für die Konstruktion einer nationalen Identität zu missbrauchen, die so in der damaligen Zeit nicht existierte.
Der wissenschaftliche Prozess und die öffentliche Wahrnehmung
Die Untersuchung der Gebeine findet unter anderem an der Medizinischen Fakultät der Universität Halle statt. Dabei kommen modernste Forschungstechniken zum Einsatz, um ein möglichst präzises Bild der historischen Person zu gewinnen. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen sollen bis zur geplanten Wiederbestattung im September vorliegen und den Sarkophag im Magdeburger Dom wieder verschließen.
Die öffentliche Präsentation der Gebeine im Rahmen der Forschung stieß dabei auf Kritik aus politischen Kreisen. So äußerte sich etwa der kulturpolitische Sprecher der AfD in Sachsen-Anhalt, Hans-Thomas Tillschneider, ablehnend gegenüber der wissenschaftlichen Untersuchung und sprach davon, dass die Reliquien einer „banalen Neugier“ ausgesetzt worden seien. Meller hingegen verteidigt die wissenschaftliche Arbeit als notwendigen Prozess, um den Zustand der Gebeine zu sichern und gleichzeitig Mythenbildung durch Fakten zu begegnen.
Die Rolle der Archäologie in der heutigen Gesellschaft
Die Auseinandersetzung um Otto den Großen wirft grundsätzliche Fragen darüber auf, wie eine Gesellschaft mit ihrer Geschichte umgeht. Kann und sollte Archäologie „deutsch gedacht“ werden? Für Meller ist die Antwort klar: Die Wissenschaft hat die Aufgabe, durch objektive Forschung zur Aufklärung beizutragen, anstatt sich in den Dienst politischer Ideologien zu stellen.
Die aktuelle Debatte zeigt, wie stark historische Identitätsstiftung in der Gegenwart umkämpft ist. Während die Forschung im Museum für Vorgeschichte in Halle – das derzeit auch durch den großen Erfolg der Sonderausstellung zur steinzeitlichen Schamanin von Bad Dürrenberg Aufmerksamkeit erfährt – weitergeht, bleibt die Frage nach der Deutungshoheit über die Geschichte ein zentrales Thema der öffentlichen Diskussion. Die kommenden Monate, in denen die Ergebnisse der Untersuchung erwartet werden, dürften weitere Einblicke in das Leben und die tatsächliche Bedeutung Ottos des Großen liefern, fernab von politischer Vereinnahmung.