Neue Beweise im Fall des Berliner CSD-Attentats
Drei Tage nach dem verheerenden Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin haben die Sicherheitsbehörden einen entscheidenden Fund gemacht. Auf dem Mobiltelefon des mutmaßlichen Attentäters, Abdul B., wurde ein Video sichergestellt, das einen direkten Bezug zur Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) aufweist. Wie unter anderem der rbb unter Berufung auf die Bundesanwaltschaft berichtete, zeigt die Aufnahme eine vermummte Person, die einen Treueeid auf die Gruppierung ablegt. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt bestätigte, dass es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um den 21-jährigen Tatverdächtigen handelt.
Hintergründe zum Videomaterial
Das Video wurde nach bisherigen Erkenntnissen am Tag der Tat aufgenommen. Es enthält nach aktuellem Ermittlungsstand keine konkreten Hinweise auf die Planung des Anschlags selbst. Experten wie der ARD-Terrorismusexperte Michael Götschenberg ordnen derartige Aufnahmen in einen bekannten Kontext ein: In der Vergangenheit nutzte der IS solche Videos häufig, um Anschläge für sich zu beanspruchen. Ob Abdul B. das Video aktiv an die Terrormiliz übermittelt hat, ist derzeit noch Gegenstand laufender Ermittlungen. Neben dem Handy wurden in der Wohnung des Mannes weitere Datenträger beschlagnahmt, die laut Innenminister Dobrindt ebenfalls Bezüge zum IS aufweisen.
Hergang der Tat und Opferzahlen
Der Anschlag ereignete sich am Samstagabend nahe des Festivalgeländes des CSD. Der Täter soll zunächst mit einem Transporter in eine Menschenmenge gefahren sein und anschließend mit einer Hieb- oder Stichwaffe auf Passanten eingewirkt haben. Die Folgen sind gravierend: Eine Frau verstarb infolge der Attacke. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner korrigierte die Zahl der Verletzten auf 31 Personen, von denen einige schwerste Verletzungen erlitten haben.
Der mutmaßliche Täter konnte zunächst vom Tatort fliehen, wurde jedoch einen Tag später bei einem Polizeieinsatz in einer Kleingartenanlage in Berlin-Spandau erschossen. Drei weitere Personen, die im Zuge des Zugriffs festgenommen wurden, spielen nach aktuellen Erkenntnissen keine Rolle für das Tatgeschehen und wurden aus dem Fokus der Ermittlungen genommen.
Sicherheitsbehörden unter Druck
Der Fall Abdul B. sorgt für eine intensive innenpolitische Debatte über den Umgang mit sogenannten Gefährdern. Der 21-Jährige war den Behörden bereits seit längerer Zeit bekannt. Er war in Deutschland als Sohn libanesischer Eltern geboren worden und besaß die deutsche Staatsbürgerschaft. Erst im Mai war er wegen des versuchten Anschlusses an den IS zu einer Jugendstrafe verurteilt worden, aus der er auf „Vorbewährung“ entlassen wurde.
Besonders brisant: Recherchen von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung zufolge wurde Abdul B. nur wenige Wochen vor dem Attentat durch ein Analysetool des Bundeskriminalamtes offiziell als „Hochrisikoperson“ eingestuft. Trotz laufender Überwachungsmaßnahmen konnte die Tat nicht verhindert werden. Diese Umstände führen nun zu einer kritischen Überprüfung der bestehenden Sicherheitskonzepte für Gefährder.
Gesellschaftliche Reaktionen
Die Tat hat weit über die Sicherheitsbehörden hinaus für Erschütterung gesorgt. Der CSD-Verein rief nach dem Anschlag zu Besonnenheit auf und warnte eindringlich vor einer Spaltung der Gesellschaft. Gleichzeitig wurde dazu aufgerufen, sich aktiv gegen Hass gegen Muslime zu stellen. Auch aus der muslimischen Gemeinschaft selbst gibt es Stimmen, die eine ehrlichere Aufarbeitung der Problematik fordern. Eren Güvercin von der Alhambra-Gesellschaft betonte in diesem Zusammenhang, dass Queerfeindlichkeit klar beim Namen genannt werden müsse.
Die weiteren Ermittlungen konzentrieren sich nun auf die Auswertung der sichergestellten Datenträger, um mögliche Hintermänner oder Netzwerke zu identifizieren, die den Anschlag begünstigt oder unterstützt haben könnten.