Ein umstrittener Abschied von der analogen Technik
Die Zukunft des Radios ist ein Thema, das Medienpolitiker und Rundfunkanstalten gleichermaßen beschäftigt. Während in Deutschland intensiv über einen verbindlichen Abschalttermin für die Ultrakurzwelle (UKW) debattiert wird, liefert ein Blick in die Schweiz wertvolle Erkenntnisse. Dort hat sich gezeigt, dass ein voreiliger Ausstieg aus der analogen Verbreitung erhebliche Risiken für die Reichweite und die Bindung der Hörer birgt.
Die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) hatte Ende 2024 den UKW-Betrieb eingestellt, um Kosten einzusparen. Doch das Ergebnis war ernüchternd: Innerhalb eines Jahres verlor der öffentlich-rechtliche Rundfunk rund 500.000 Hörer. Viele Nutzer wechselten nicht etwa zu digitalen Angeboten, sondern zu ausländischen Sendern oder Programmen, die weiterhin über UKW empfangbar blieben. Aufgrund dieser Erfahrungen hat die Schweizer Bundesversammlung Ende 2025 mit knapper Mehrheit beschlossen, die UKW-Verbreitung ab Herbst 2026 wieder aufzunehmen – ein kostspieliges Unterfangen, das mit rund sechs Millionen Euro veranschlagt ist.
Die Situation in Deutschland: Kein einheitlicher Kurs
In Deutschland gibt es bisher keinen bundesweit einheitlichen Zeitplan für das Ende von UKW. Die Meinungen darüber, wie ein solcher Übergang gestaltet werden sollte, gehen weit auseinander. Schleswig-Holstein nimmt hier eine Vorreiterrolle ein und strebt den schrittweisen Ausstieg bis 2031 an. Dirk Schrödter, Chef der dortigen Staatskanzlei, betont, dass der Parallelbetrieb von UKW und DAB+ langfristig ineffizient sei. Das Ziel sei eine zukunftsfähige Infrastruktur, die durch digitale Dienste wie integrierte Warnfunktionen einen Mehrwert bietet.
Demgegenüber steht die Skepsis vieler anderer Akteure. Die Beitragskommission KEF fordert zwar seit Jahren ein Ende der technischen Mehrfachverbreitung, um hohe Kosten zu sparen – laut Experten könnten über vier Jahre hinweg rund 100 Millionen Euro eingespart werden. Dennoch erkennen auch die Finanzprüfer an, dass UKW derzeit noch eine zentrale Rolle spielt.
Warum UKW weiterhin dominiert
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Trotz des Ausbaus von DAB+ und Internetradio entfallen rund 70 Prozent der täglichen linearen Radionutzung in Deutschland weiterhin auf UKW. DAB+ erreicht etwa 20 Prozent, während Webradio bei knapp neun Prozent liegt. Für private Radiosender ist UKW daher nach wie vor die wirtschaftliche Basis, um ihre Reichweite zu erzielen und sich über Werbeeinnahmen zu refinanzieren.
Vertreter der privaten Medien, wie Marco Maier vom Verband Privater Medien (Vaunet), betonen, dass die Entscheidung über den Verbreitungsweg bei den Sendern liegen müsse. Solange UKW die Basis für die lineare Reichweite bilde, sei ein erzwungener Ausstieg wirtschaftlich riskant. Auch die ARD sieht sich in der Pflicht: Jan Weyrauch, Vorsitzender der Audioprogrammkonferenz, erklärt, dass die ARD ihren Versorgungsauftrag derzeit ohne UKW nicht flächendeckend erfüllen könne. Zudem fehle es an klaren medienpolitischen Vorgaben, die sowohl öffentlich-rechtliche als auch private Anbieter gleichermaßen in die Pflicht nehmen.
Herausforderungen beim digitalen Ausbau
Der Umstieg auf DAB+ verläuft in Deutschland langsamer als ursprünglich prognostiziert. Obwohl Neuwagen mit entsprechenden Empfängern ausgestattet sein müssen, bleibt die Investitionsbereitschaft in digitale Netze verhalten, da die notwendigen Reichweiten oft nicht erreicht werden. Gleichzeitig steigen die Kosten für alternative Verbreitungswege wie das Webradio, was die öffentlich-rechtlichen Anstalten vor finanzielle Herausforderungen stellt.
Die Landesmedienanstalten beobachten den Prozess als kontinuierliche Entwicklung. Allein seit Mitte 2025 wurden bereits rund 50 UKW-Sendeanlagen abgeschaltet. Thorsten Schmiege, Vorsitzender der Direktorenkonferenz der Medienanstalten, hält eine Verständigung auf gemeinsame Wegmarken für sinnvoll, um den Übergang planbar zu gestalten. Ob ein fester Termin für ganz Deutschland notwendig ist, bleibt jedoch umstritten. Während einige Akteure auf die Marktdynamik setzen, warnen andere vor den Folgen einer zu schnellen Abkehr von bewährter Technik, wie das Beispiel der Schweiz eindrucksvoll belegt.